Endlich kann er für etwas kämpfen, an das er glaubt: den Staat Israel

Seite 3 von 3
Auschwitz-Überlebender : Natan Grossmann stellt sich 70 Jahre später der Erinnerung

An einem Septembertag kommt zum Morgenappell der Kommandoführer mit Zivilisten in ihre Baracke. Der Blockälteste schreit: Metallarbeiter drei Schritte vortreten! Natan Grossmann tritt vor. Eine Autofabrik in Braunschweig sucht Arbeiter. „Wir waren ja Sklaven, die SS hat uns verkauft.“ Jeder bekommt eine Tasche, darin sind Brot und Marmelade. „Ich dachte nur: Wie komme ich an das Brot? Doch die älteren Häftlinge haben gesagt: Das ist unsere Henkersmahlzeit. Jetzt werden sie uns vergasen. Sagt das Kaddisch.“ Erst als sie im Zug sitzen und Birkenau hinter ihnen liegt, sind sie sicher, die „Hölle von Auschwitz“ überlebt zu haben.

In Braunschweig muss Natan Grossmann Autoteile für die Wehrmacht herstellen. Als die Front näher rückt, werden die Häftlinge auf einen Todesmarsch geschickt. Grossmann überlebt, weil er einem SS-Mann das Gepäck trägt und der ihm Essen zusteckt. Am 2. Mai wird er in Ludwigslust von den Amerikanern befreit. Nach Kriegsende will er so schnell wie möglich nach Hause. Doch in Lodz findet er keinen Verwandten mehr. „Ich bin allein am Leben geblieben.“ So schließt er sich anderen jüdischen Männern an, die im Warschauer Ghetto kämpften oder in der Roten Armee. Über Deutschland und Italien gelangen sie ins britische Mandatsgebiet Palästina.

Israel ist eine Herzenssache

Natan Grossmann lebt viele Jahre in einem Kibbuz am See Genezareth – und kann endlich für etwas kämpfen, an das er glaubt: den Staat Israel. „Es gibt eine Lösung für die sogenannte ,Judenfrage‘. Diese Lösung heißt Israel. Wir haben sie selbst gefunden mit der Gründung eines eigenen Staates.“ Eines ist ihm besonders wichtig: „Dieser eigene Staat ist uns nicht geschenkt worden. Er wurde erkämpft.“ Ob er selbst dabei mitgemacht habe? „Sicher“, sagt er. 1948 kämpfte er im Befreiungskrieg in der israelischen Armee. Israel ist für Natan eine Herzenssache. Dennoch oder gerade deshalb ist er für einen Palästinenserstaat.

Aber warum zieht er von Israel 1959 ausgerechnet nach Deutschland, ins Land der Täter? In Israel können die Folgen seiner Erfrierungen nicht behandelt werden, sein Arzt empfiehlt einen Spezialisten in München. Dort teilt sich der Holocaust-Überlebende das Krankenzimmer mit Männern, die in Stalingrad gekämpft haben. Doch von Bitterkeit ist bei ihm keine Spur: „Die wurden doch auch in den Tod geschickt.“

In München verliebt sich Grossmann in eine Deutsche. „Sie ist die beste Wiedergutmachung, die ich von Deutschland bekommen konnte“, sagt er mit einem Lächeln. Einige Weggefährten in Israel verstehen nicht, warum er in Deutschland blieb. Manche wollten seiner Frau erst nicht die Hand geben, weil sie Deutsche ist. Grossmann verteidigt seine neue Heimat: „Das ist ein anderes Deutschland heute. Dieses Unrecht hat mit dem deutschen Volk nichts zu tun.“ Die dritte Generation tue viel, um die Vergangenheit aufzuarbeiten. Antisemitismus habe er in München kaum erlebt.

"Ich bin verpflichtet, sonst ist keiner mehr da"

Viele Deutsche sagten nach dem Krieg, sie hätten nichts von der Ermordung der Juden gewusst. Natan Grossmann ist da nachsichtig: „Wenn jemand zu mir kommt und sagt, er habe das nicht gewusst, dann kann ich das glauben. Die Menschen in Deutschland wurden ja ebenfalls angelogen. Wenn jemand sagt, er habe zu viel Angst gehabt, um etwas zu tun, dann kann ich auch das glauben.“ Nur eines kann er nicht akzeptieren: Wenn jemand behauptet, die nationalsozialistischen Verbrechen, den Mord an seiner Familie, habe es nie gegeben. Das ist auch der Grund, warum er nun zum Gedenktag noch einmal nach Auschwitz fährt. „Ich will ankämpfen gegen diejenigen, die sagen, das stimme alles nicht, das sei nicht passiert.“

Seine Frau wollte erst nicht, dass er sich dort noch einmal an alles erinnert. „Ich habe gesagt: Ich bin verpflichtet, sonst ist keiner mehr da.“ Aus Deutschland kommen nur wenige Überlebende. Er ist sich sicher, dass er das schafft.

Natan Grossmann redet erst seit ein paar Jahren über seine Geschichte. Mit einer deutschen Filmemacherin begab er sich in Lodz auf die Suche nach der Vergangenheit. Währenddessen lernte er jemanden kennen, der sich selbst intensiv mit der Geschichte des Ghettos befasst: Jens-Jürgen Ventzki wurde in Lodz geboren. Sein Vater war Oberbürgermeister der Stadt und damit verantwortlich für die Zustände im Ghetto – und indirekt auch für den Tod von Grossmanns Eltern. „Wir sind Freunde geworden“, sagt Grossmann. Aus der Freundschaft entstand eine besondere Geste: Der Sohn eines NS-Täters wird den Holocaust-Überlebenden heute nach Auschwitz begleiten.

Dieser Text erschien auf der Dritten Seite.