"Dafür kriegt man ein paar Zentimeter Autobahn"

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Autobahnausbau in Brandenburg : Wenn Waldameisen umziehen müssen
170 Völker siedelt Christina Grätz um. Der Zeitplan ist eng, im Oktober kommen die Baumfäller.
170 Völker siedelt Christina Grätz um. Der Zeitplan ist eng, im Oktober kommen die Baumfäller.Foto: Patrick Pleul/Picture Alliance/dpa

Ist das nicht ein sehr großer Aufwand, der die Kosten für den ohnehin teuren Autobahnbau weiter nach oben treibt?

Für einen kurzen Moment klingt Christina Grätz entrüstet. 680 Euro bekämen sie pro Nest, rechnet sie vor. Die Gesamtsumme mache vielleicht ein paar Zentimeter Autobahn aus. Sehr viel teurer kann es werden, wenn ein Tier übersehen wird. Berühmt wurde die Großtrappe, der behäbige Vogel bremste in den 1990er Jahren den ICE-Ausbau im Havelland. Oder die Hufeisennase, die die Waldschlösschenbrücke über die Elbe in Dresden ins Wanken brachte.

Immer tiefer arbeitet sich Grätz vor. Dann hält sie inne, langt mit der Hand in das Gewusel, mit Zeigefinger und Daumen hat sie ein einzelnes Insekt mit Flügeln gepackt. „Eine junge Königin“, sagt sie. Vorsichtig legt Grätz das Tier in ein Glas. Es wird nicht das einzige bleiben. Königinnen sind unverzichtbar für das Überleben des Ameisenvolks. Grätz arbeitet weiter, beugt sich tiefer in die Grube, die schließlich über einen Meter in den Boden reicht. Am Ende liegen mehr als 30 Säcke auf dem Anhänger. Es gab ein Nest, das führte zweieinhalb Meter in die Tiefe und noch einmal so weit in die Breite. 130 Säcke hätten sie benötigt.

"Was, wenn man uns Menschen so ausschütten würde?"

Mit mäßigem Erfolg versucht Christina Grätz, ihre rotbraunen Locken mit einem Gummi zu bändigen, dann greift sie zu einer kleinen Schippe, kratzt schließlich mit der bloßen Hand an den kahlen Wänden herum, auf der Suche nach Gängen, die sie vielleicht übersehen hat. So ein Nest kann hunderttausend, gar eine Million Tiere beherbergen. Die sind nicht immer zu Hause, sondern vor allem tagsüber bei der Arbeit. Ihnen baut Grätz aus Reisig ein künstliches Nest. Und hofft, dass sich die zurückgebliebenen Ameisen dort sammeln. Drei Mal werden sie deshalb zurückkehren, um auch diese Ameisen zu ihrem Volk zu bringen. Die schon Verladenen werden sich am neuen Ort innerhalb von zehn Minuten entscheiden, ob sie das Nest annehmen oder noch einmal umziehen. Und sofort übernimmt jedes Tier seine Aufgabe. „Stellen Sie sich mal vor, man würde uns Menschen einfach so irgendwo anders ausschütten, was da für ein Chaos wäre.“

Wie damals vielleicht, als ihr Heimatdorf Radeweise abgebaggert wurde, geopfert für die Braunkohle? Die Dorfgemeinschaft, sie war nicht mehr, manche zogen in die bereitgestellten Plattenbauten in Spremberg, andere, wie Grätz’ Vater, errichteten sich anderswo ein neues Haus, wo sie ihren 12. Geburtstag feierte. Das geht ihr immer noch nahe: „Es tut weh, den eigenen Kindern nicht einmal zeigen zu können, wo man herkommt.“

Sie repariert Wunden in der Landschaft

Als Kind, da war der nahe Wald ihr Spielplatz. Natürlich hat sie später Biologie studiert. 2016 wurde sie zu Brandenburgs Unternehmerin des Jahres gekürt. Ihre Firma Nagola Re gründete sie vor sechs Jahren in Jänschwalde. „Nagola“ ist Sorbisch und bedeutet „auf der Heide“ – Grätz’ Großmutter war Sorbin. „Re“ steht für Renaturierung. Das Hauptgeschäft ihrer Firma mit heute 18 Mitarbeitern ist die Wiederherstellung von Landschaften. Die Reparatur von Wunden, wie sie der Tagebau in die Landschaft schlug.

Seit Juni aber liegt ihr Betätigungsfeld links und rechts des 60 Kilometer langen Teilstücks der A 10 und der A 24. Der Zeitplan ist eng, im Oktober kommen die Baumfäller, startet die Rodung. Die Tage von Christina Grätz beginnen früh, manchmal schon um drei Uhr, die Ameise gibt den Takt vor. „Die Außendienstler sind in der Nacht zu 80 Prozent im Nest“, erklärt sie. Außerdem machen die niedrigen Temperaturen die Tiere langsam.

Im Ameisennest sind die Rollen klar verteilt. Die jüngeren Tiere bleiben drinnen. Die älteren sind draußen unterwegs. Vielleicht weil sie die erfahreneren sind. Tatsächlich lauern dort auf die Waldameise allerhand Gefahren, sinkt die Lebenserwartung des einzelnen Insekts rapide, auf höchstens fünf Jahre. Ameisen haben viele Feinde.

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