Hertha BSC und der 1. FC Union : Wer startet besser in die Saison?

Der Konkurrenzkampf in der Bundesliga wird Hertha und Union helfen – und kann Identität stiften. Aber wer von beiden startet besser in die Saison?

Tagesspiegel-Autoren
Vor dem Olympiastadion.
Vor dem Olympiastadion.Foto: imago/Camera 4

Dauerbaustellen, bröckelnde Schulgebäude, zwei Stunden Wartezeit für einen Gemüsedöner: Was in Berlin als normal durchgeht, stellt anderswo einen Ausnahmezustand dar. In Sachen Fußball allerdings ist der neue Berliner Ausnahmezustand, der ab dem Freitagabend mit dem Start in die Bundesliga-Saison 2019/20 gilt, in den meisten Metropolen Alltag.

Rom hat zwei Erstligisten, Stockholm drei. Madrid, Rio de Janeiro und Johannesburg haben vier, Istanbul fünf, London sogar sechs. Im Großraum Buenos Aires sind zwölf der 24 argentinischen Erstligisten beheimatet. Und auch in der Bundesliga waren schon Städte doppelt vertreten, mit Vereinen aus München, Hamburg, Köln, Stuttgart und sogar aus Bochum.

Also warum fühlt sich die neue erstklassige Zweigleisigkeit Berlins dann so besonders an?

Vor allem, weil sich mit dem Aufstieg des 1. FC Union eine Realität der Stadt nun auch in der Bundesliga widerspiegelt. Anders als viele Großstädte hat Berlin viele Zentren, der Spitzenfußball in der Stadt jedoch kreiste in den vergangenen Jahrzehnten fast ausschließlich um Hertha. Damit war der Fußball ein Sonderfall: Berlin hat zwei zoologische Gärten, drei Opernhäuser, etliche kleine und große Theater … ein Bundesligist erscheint da doch recht wenig. Zwei große Klubs zu haben, passt einfach besser zu dieser heterogenen und bisweilen bipolaren Stadt.

Die neue Situation ist eine große Chance

Hertha BSC ist es nie gelungen, eine Anziehungskraft auf alle Berliner zu entwickeln, obwohl es der Klub immer wieder – meist eher ungelenk – versucht hat. Der 1. FC Union hat es bislang vorgezogen, sich als Außenseiter in seiner Köpenicker Nische zu positionieren, attraktiv für Briten, aber nicht unbedingt für Britzer. Neu-Berliner hielten nach ihrem Herzug oft eher ihren Heimatklubs aus Gelsenkirchen, Schwaben oder Spanien die Treue. In dieser Hinsicht können beide Vereine, Hertha und Union, die neue Situation als große Chance begreifen: Der Konkurrenzkampf, die beiden direkten Derbys – all das kann identitätsstiftend wirken, gerade für Menschen, die bislang nur wenig Kontakt mit einem der beiden Klubs hatten.

Denn eine dauerhafte, echte Doppelspitze im Berliner Fußball hat es noch nie gegeben: Im Osten dominierte sportlich der BFC Dynamo, im Westen konnten sich Tennis Borussia, Tasmania und Blau-Weiß 90 in der ersten Liga nicht etablieren. Als TeBe 1974 zu Hertha aufstieg und erstmalig zwei Berliner Vereine in der Bundesliga spielten, interessierte das kaum jemanden. Damals, im August vor 45 Jahren, schrieb der Tagesspiegel zum Saisonstart nüchtern über die wackelnde Abwehrmauer von Hertha im Abschlusstraining und die Formschwäche der TeBe-Stürmer. Sechs Wochen zuvor war die deutsche Nationalmannschaft im eigenen Land Weltmeister geworden – von Aufregung oder gar Euphorie war aber nichts zu spüren.

Der Traum vom Profifußball

2019 ist das anders, Fußball ist allgegenwärtig, Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen – und Big Business. Das Spiel zieht Geld und Geschäftemacher an, gerade in Berlin: Nach dem Investor KKR steckt nun Unternehmer Lars Windhorst riesige Summen in Hertha, Union hat einen neuen Hauptsponsor aus der Immobilienbranche, unterklassige Vereine wie Berlin United oder Viktoria 1889 sind bereit, für den Traum vom Profifußball alles aufs Spiel zu setzen. Für Hertha und Union ist die Stadt die perfekte Bühne, Platz für zwei ist hier allemal. Insofern können alle von der neuen Situation profitieren: die Vereine, die Fans und die Stadt, die schon oft bei sportlichen Großereignissen bewiesen hat, wie begeisterungsfähig sie ist.

Und sogar die wirklich Unverbesserlichen, die in Berlin wohnen und trotzdem den FC Bayern anfeuern, haben Grund zur Freude: Der Serienmeister kommt jetzt zwei Mal pro Saison in die Stadt.