Wirklich laut wurden sie erst nach der Sache mit den Italienern

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Touristenschwemme : Barcelona wehrt sich
Genug! Die Einwohner Barcelonas demonstrieren gegen Sauftourismus.
Genug! Die Einwohner Barcelonas demonstrieren gegen Sauftourismus.Foto: picture alliance / dpa

David Garcia ist 29 Jahre alt, er hat gerade seinen ersten Job als Programmierer angetreten. Vor ein paar Tagen kündigte ihm sein Vermieter die Wohnung. „Er hat Eigenbedarf angemeldet“, sagt Garcia, das sei ein beliebter Trick hier, um die Leute herauszubekommen aus den billigen Wohnungen, die dann teuer an Touristen vermietet werden.

Das Problem der Stadt Barcelona ist, dass sie großartig ist und einfach alles hat. Immer gutes Wetter, Strand und Kneipen für die Jugend, Museen und Baudenkmäler für das Bildungsbürgertum. Dazu einen Flughafen, der aus 170 Städten in ganz Europa angeflogen wird. Gut eine Milliarde Euro sind im Jahr 2013 in neue Herbergen investiert worden. An der Sagrada Familia, Gaudís ewig unvollendeter Kathedrale, stehen die Touristen schon vormittags einmal um den Block herum Schlange. Den ebenfalls von Gaudí angelegten Parc Güell bevölkerten im vergangenen Jahr Tag für Tag 25 000 Menschen. Seitdem lässt die Stadtverwaltung nur noch 800 Besucher pro Stunde rein. Und das gegen Eintrittsgeld.

Was können andere Städte, was kann Berlin von Barcelona lernen? „Dass man die Bewohner einer Stadt mitnehmen muss, wenn es um das Thema Tourismus geht“, sagt der Berliner Tourismus-Chef Kieker. „Bei uns ist der Tourismus der wichtigste Wirtschaftsfaktor, an dem viele Bewohner direkt oder indirekt partizipieren. Wenn man es versäumt, das deutlichzumachen, wird der Tourismus schnell für alles verantwortlich gemacht, was nicht richtig läuft.“

Aus der Balance geraten

In einer Nebenstraße der Ramblas in Barcelona sitzt Jordi Carnes in seinem Büro und sagt, er wolle nichts beschönigen. „Ja, es gibt ein Problem“, aber doch vorwiegend in einem sehr überschaubaren Segment. „Wissen Sie, wie viele unserer Gäste im Jahr an den Strand gehen? Gerade 170 000. Die meisten Touristen wissen gar nicht, dass wir überhaupt einen Strand haben.“

Jordi Carnes steht der städtischen Agentur „Barcelona Turisme“ als Marketing-Direktor vor und ist deswegen von Berufs wegen verpflichtet, eventuelle Probleme kleinzureden. Ein großer, massiger Mann, zum Gespräch hat er Kataloge mitgebracht, sie zeigen ein buntes Barcelona mit glücklichen Menschen. Señor Carnes sagt: „Die eine Hälfte unser Gäste kommt zu Kongressen oder Messen. Der große Teil der anderen Hälfte besucht unsere Sehenswürdigkeiten.“ Natürlich sei es voll auf den Ramblas. „Aber wie sieht es bei Ihnen vor dem Brandenburger Tor aus? Wie viele Berliner finden Sie da noch?“ Und was das Viertel La Barceloneta betreffe, müsse ein neuer Konsens geschaffen werden zwischen allen Beteiligten: „Dort ist das Dreieck zwischen Gästen, Anwohnern und den Behörden aus der Balance geraten. Das müssen wir wieder in Ordnung bringen.“

Das ist ein schönes Bild, denn La Barceloneta ragt tatsächlich wie ein überdimensioniertes Dreieck ins Mittelmeer hinein. Die Anwohner hier haben die Segnungen des Massentourismus lange und stillschweigend ertragen. Die angesagten Bars und Bistros und Bodegas mit den ständig steigenden Preisen, die sich hier niemand mehr leisten kann. Lärm bis morgens früh um fünf. Kopulierende Paare in den engen Gassen. „Es schwelt hier schon lange“, sagt David. „Aber laut geworden sind die Leute erst seit der Sache mit den Italienern.“

Drei splitternackte Jungs

Die Sache mit den Italienern liegt ein paar Wochen zurück. Drei junge Burschen, die morgens um neun zum Supermarkt an der Hafenspitze zogen. Sie lachten und grölten und sangen, aber daran haben sich die Leute in La Barceloneta längst gewöhnt. Das eigentliche Problem mit den Italienern war die Kleidung, sie trugen nämlich keine.

Ein Passant hat die Szene fotografiert. Wie die drei splitternackten Jungs fröhlich im Kreis hüpfen, die Hände vors Gemächt gefaltet, im Hintergrund der Supermarkt und eine Handvoll entsetzte Anwohner. Der Passant stellte die Fotos ins Internet, und dann brach der Sturm los. Zu hunderten versammelten sich die Ureinwohner von La Barceloneta auf dem Platz vor der Markthalle. Auch jetzt, Wochen später, wird noch protestiert. Zwar nicht mehr im Viertel, dafür direkt an der Sagrada Familia.

Der Supermarkt ist leicht zu finden, unten an der Hafenspitze. Er hat auch spät am Abend noch geöffnet und ist gut frequentiert, hauptsächlich von jungen Männern und Frauen, die noch schnell ein paar Flaschen Bier holen wollen oder Tabak oder Chips, was man halt so braucht für eine Party am Strand. Kurze Frage an den Mann an der Kasse: „Entschuldigen Sie, ist das hier der Supermarkt mit den nackten Italienern?“ Hmm, sagt der Mann und dass er noch nicht so lange hier sei, „fragen Sie doch mal den Chef“. Der Chef steht weiter hinten beim Gemüse. Er sagt, von nackten Italienern habe er noch nie gehört, und außerdem müsse er weiterarbeiten. „Sie sehen ja, viel Kundschaft, schönen Abend noch.“