Hells Angels vor seiner Wohnung

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Von Nazis bis zu Autonomen in Berlin : Tom Schreiber - der Mann, der sich mit allen anlegt
Tom Schreiber, 37, vor dem Kriminalgericht Moabit.
Tom Schreiber, 37, vor dem Kriminalgericht Moabit.Foto: Mike Wolff

Auch Schreiber spürt den Druck. Da sind etwa die dunklen Limousinen, die gelegentlich vor seinem Büro vorfahren, auf der anderen Straßenseite halten. Als Nächstes gehen die getönten Scheiben runter, und stiernackige Männer blicken herüber. Rocker? Mafiosi? Clanmitglieder? Keine Ahnung, sagt Schreiber. Er hat bei der Versicherung angefragt, ob er das Innere seines Büros gegen Vandalismus absichern könnte. Na klar, kam als Antwort. Aber nach dem, was dort schon vorgefallen ist, nur mit einem Aufschlag von 500 Prozent.

Schreiber hat sich eine Wohnung in einem anderen Bezirk gesucht, die Anschrift hält er geheim. Trotzdem standen bereits Rocker aus dem Umfeld der Hells Angels vor seiner Tür, sogenannte Supporter, das sind die für die Drecksarbeit. Kommt Schreiber nach Hause, schaut er zuerst, ob jemand im Treppenhaus steht. „Das belastet einen, das muss man aushalten“, sagt er. Und er sorgt sich um seine Familie. Dem Bruder haben sie schon drei Mal die Autoreifen zerstochen, die Eltern fanden einen NPD-Aufkleber an der Tür. „Ich weiß, dass es für mich auch richtig übel ausgehen kann.“ Manchmal schlafe er schlecht.

Die Linken aus der Rigaer waren ebenfalls schon zu Besuch in Köpenick. Jedenfalls glaubt Schreiber das, denn auf dem Rollladen prangt ein aufgesprühtes schwarzes „A“, und das steht ja für Anarchie. Schreibers Mitarbeiter hat bisher keine Chemikalie gefunden, mit der sich das A entfernen lässt.

Tom, der Linken-Hasser?

Was Schreiber dagegen mag, ist Streit um die Sache. Wie neulich in der U1, als plötzlich ein junger Mann auf ihn zukam. „Du bist doch Tom, der Linkenhasser.“ 20 Minuten hätten sie diskutiert, über das Gewaltmonopol des Staates. Einig wurden sie sich nicht, aber es hat ihn gefreut, sagt Schreiber. In seinem Büro hängt ein Schild mit drei großen Buchstaben: SMS. Das steht für „Sicher mit Schreiber“. Die Idee ist ihm schon vor Jahren gekommen.

Ex-Pirat Christopher Lauer nennt Schreiber eine Knallcharge, die von Innenpolitik schlicht keine Ahnung hat. Einen SPD-Hinterbänkler, der verzweifelt versuche, einen „Law and Order“-Politiker zu mimen. Mit bizarren Forderungen, die vor Unwissenheit strotzen. Allein Schreibers Vorschlag aus dem Herbst, junge Polizisten in Gefängnisse einzuschleusen, um dort kriminelle Strukturen aufzudecken.

Lächerlich, sagt Lauer. Als ob die Polizei Mitarbeiter habe, die so eine Rolle glaubhaft spielen könnten. So nach dem Motto: „Hallo, ich bin der Jürgen, ich verkaufe Koks.“ Sollten Schreibers Vorschläge je umgesetzt werden, bekämen Berlins Zeitungen Schlagzeilen wie „Schon wieder verdeckter Ermittler in Tegel zusammengeschlagen“. Oder eben auch: „Beamter stürzt vom Segway und bricht sich das Bein.“

Die Fotos vom Polizei-Einsatz in der Rigaer 94
Einsatz in der Rigaer. Die Polizisten hatten den Kiez am Abend abgeriegelt.Weitere Bilder anzeigen
1 von 11Foto: imago/Christian Mang
14.01.2016 09:46Einsatz in der Rigaer. Die Polizisten hatten den Kiez am Abend abgeriegelt.

Ein Altgedienter aus der SPD-Fraktion findet, Schreiber habe großes Talent, müsse aber endlich lernen, sich besser im Griff zu haben. „Er sollte begreifen, dass man, wenn man sich ständig zu Wort meldet, Neider auf sich zieht.“ Dass es auch innerhalb einer Fraktion einen Aufmerksamkeits-Proporz gebe. Dass Schreiber manchmal echt nerve.

Im Milieu der organisierten Kriminalität ist Schreiber inzwischen bekannt. Beim Besuch in der Justizvollzugsanstalt Heidering, im Stuhlkreis beim Anti-Gewalt-Seminar, begrüßte ihn einer der Häftlinge: „Ah, der Abgeordnete von der SPD.“ Er war auch in Tegel, Moabit und Plötzensee. Er hat Polizisten auf Streife begleitet, ebenso die Berufsfeuerwehr Neukölln. Manchmal setzt er sich in Gerichtsprozesse.

Zu Gast beim Rockerprozess

Wie neulich im Kriminalgericht Moabit. Auf der Anklagebank des Hochsicherheitssaals 500 sitzen elf Hells Angels hinter Panzerglas. Sie werden verdächtigt, den sogenannten Wettbüromord begangen zu haben, bei dem Anfang 2014 in der Reinickendorfer Residenzstraße ein junger Mann durch sechs Schüsse in die Brust hingerichtet wurde. Ganz hinten, am anderen Ende des Saals, hockt Schreiber auf einer der Besucherbänke, neben ihm die Frauen und Freundinnen der Angeklagten. Sie zischen und fluchen, wenn der Richter spricht, sie sagen Sätze wie „Der soll verrecken“.

Tom Schreiber ist genervt, nicht nur von den Frauen, sondern auch von der Schar von Anwälten, die die Rocker vertreten. 24 zählt Schreiber heute. „Dafür, dass die meisten der Rocker Hartz IV haben, ist das ziemlich luxuriös“, sagt er. „Bin ich der Einzige, den es stört?“ Am meisten regt sich Tom Schreiber über die Polizeibeamtin auf, die heute als Zeugin aussagen soll. Es geht um die Frage, ob die Polizei vom bevorstehenden Mord wusste und das Opfer hätte warnen können. Die Frau kann sich an den Inhalt einer wichtigen Lagebesprechung kurz vor der Tat kaum noch erinnern, sie widerspricht sich. „Ich kann das nicht glauben“, sagt Schreiber. „Wie kann man so schlecht vorbereitet sein?“

Es wird dazu jetzt eine Anfrage stellen. Ach was, Quatsch, gleich mehrere.

Störenfried? Aufschneider? Oder ein Kämpfer für die Gerechtigkeit? Vielleicht vor allem einer, der sich interessiert, der wühlt und immer mehr wissen will. Mal einer in seiner Generation, der sich entschieden hat, sich an Sicherheitsfragen abzuarbeiten und seine Kraft gegen organisierte Kriminelle einzusetzen statt für Kultur und Kreativwirtschaft.

Er feilt gerade an einem neuen Antrag, die Fraktion wird ihn beraten. Schreiber will sicherstellen, das private Sicherheitsunternehmen, die verurteilte Straftäter beschäftigen, keine Aufträge vom Land Berlin mehr erhalten. Nur ein weiterer Mosaikstein, sagt Schreiber, nur ein ganz kleiner.