70 Jahre Kartell : Glatte Sache

Vor 70 Jahren gründen die Eheleute Castelli in Mailand Kartell – und revolutionieren mit Polykarbonat das Nachkriegsdesign.

Stapelbare Container mit Schiebetüren aus der „Componibili“-Serie sind heute ein Designklassiker.
Stapelbare Container mit Schiebetüren aus der „Componibili“-Serie sind heute ein Designklassiker.Foto: Kartell

„Plastik ist die erste magische Materie, die zur Alltäglichkeit bereit ist“, schrieb der französische Philosoph Roland Barthes 1957. Diese Idee hatten Anna Ferrieri und Giulio Castelli bereits acht Jahre zuvor, als sie in Mailand die Firma Kartell gründeten. Von Anfang an setzte das Ehepaar das bis dahin kaum erforschte Material experimentierfreudig ein. Ob sie damals schon ahnten, dass ihre Alltagsprodukte zu begehrten Designobjekten werden und auch 70 Jahre später die Gestaltungswelt prägen würden?

Er – Chemiker, Schüler des Nobelpreisträgers Giulio Natta und ein wahrer Gentleman. Sie – Architektin, eine der ersten Absolventinnen am Mailänder Politecnico, Tochter eines Intellektuellen. An der Uni lernen sie sich kennen. Und werden bald nicht nur Lebens-, sondern auch Geschäftspartner. Bereits während seines Studiums interessiert sich der junge Castelli für die Kautschukproduktion und träumt von einer eigenen Firma. Bald nach dem Krieg erfüllt er sich seinen Wunsch: 1949 beginnt Kartell mit der Produktion von: Auto-Accessoires! Das erste Produkt – Skiträger für Fiat, gefertigt aus Elastikband, das der Pirelli-Konzern unter dem Namen Natrocord entwickelt hat – wird prompt zum Verkaufsschlager. Und zum Inbegriff einer neuen Industrieästhetik.

Die Anfänge gestalten sich schwierig

Aber der ehrgeizige Castelli hat eine viel weiter reichende Vision: Er will die Welt davon überzeugen, dass Plastik kein bloßer Ersatz für natürliche Werkstoffe, sondern vielmehr „ein edles Material ist, das eine eigene Würde hat“. Anfang der 60er Jahre fällt er die Entscheidung, die Produktion zu erweitern. Die Zeichen stehen gut. Die italienische Wirtschaft boomt, das miracolo economico verspricht glänzende Aussichten. Nach der Tragik und Tristesse der Kriegsjahre gieren die Italiener nach formschönen, fröhlichen Produkten. Bald dürfen sich italienische Hausfrauen über eine Reihe von bunten Haushaltsgegenständen freuen. Kratzfeste Kehrschaufeln, Zitronenpressen, Geschirrständer, Eimer mit Deckel (damals eine bahnbrechende Idee) und Thermoskannen kreiert von Gino Colombini für Kartell kommen auf den Markt. Die Entwürfe werden 1955 mit dem Compasso d’Oro ausgezeichnet, einem der international bedeutendsten Designpreise.

Bunte Plastikwelt. Haushaltgegenstände aus den 50er Jahren.
Bunte Plastikwelt. Haushaltgegenstände aus den 50er Jahren.Foto: Kartell

Es folgen Möbel, Leuchten und komplette Einrichtungen. Die Anfänge gestalten sich aber schwierig. Das neue Material ist nicht robust genug, bricht und zerbröselt. Dann, 1964, der große Durchbruch: Der leichte, stapelbare Kinderstuhl „K1340“ von Marco Zanuso und Richard Sapper ist das erste komplett aus Plastik hergestellte Sitzmöbel. Kartell ist der Herausforderung, Möbel aus Kunststoff zu realisieren, gewachsen.

Stapelbare Kinderstühle „K1340“ waren die ersten komplett aus Plastik hergestellten Sitzmöbel.
Stapelbare Kinderstühle „K1340“ waren die ersten komplett aus Plastik hergestellten Sitzmöbel.Foto: Kartell

Ein Container wird zum Designklassiker

Anna Castelli Ferreri versteht es wie keine andere, diesen technologischen Fortschritt zu nutzen. Und wird als Artdirektorin bald die treibende Kraft im Unternehmen. Sie distanziert sich von der neoklassizistischen, mit dem Faschismus assoziierten Ästhetik und interessiert sich für die europäische Avantgarde, besonders für das Bauhaus. Sie besucht den Architekten Le Cobusier in Paris. Doch ihr Idol bleibt der italienische Architekt und Designer Franco Albini. Er zeigt ihr, wie man vermeintlich gewöhnlichen Materialien eine elegante Anmutung verleihen kann. Castelli Ferreri will universelle, multifunktionale Objekte schaffen, die sowohl im Bad als auch in Schlaf- und Wohnzimmer praktische Dienste leisten. Ihre Vielseitigkeit ist verblüffend. Sie designt Besteck und Raumentwicklungspläne für Mailand.

1967 zeigt sich Kartell beim Salone del Mobile in Mailand.
1967 zeigt sich Kartell beim Salone del Mobile in Mailand.Foto: Kartell

1967 entwirft sie „Componibili“ – bunte, stapelbare Container mit Schiebetüren. Der Kunststoff: glatt und glänzend. Mit dem Möbel, heute ein Designklassiker, treibt sie die Idee von schöner und funktionaler Gestaltung auf die Spitze. Und setzt ihren Weg fort, durchaus im Bewusstsein, dass sie mit jedem Objekt der überbevölkerten Welt eine neue Präsenz hinzufüge, wie sie später feststellt.

1988 führt Claudio Luti die Marke aus der Imagekrise

„Riskante Draufgänger“ nennt Emilio Ambasz das Castelli-Ehepaar 1972 bei der Eröffnung der Ausstellung „Italy: The New Domestic Landscape“. Das im New Yorker Museum of Modern Art präsentierte italienische Design betört das Auge mit einer Explosion an Farben, Kurven und Materialien. Die amerikanischen Gestalter betrachten es mit Argwohn. Das Publikum ist begeistert.

Doch die Euphorie lässt bald nach. Eine Dekade später scheinen Polystyrol, Polyvinyl und Polyäthylen ihren Zauber verloren zu haben. Als Claudio Luti 1988 die Firma übernimmt, gilt Plastik als billig. Der frühere Versace-Leiter und Schwiegersohn Castellis muss die Kunststoffprodukte wieder aufwerten und setzt dabei auf Innovation und Qualität: „Ich wollte, dass dieses satte Geräusch wie beim Zuschlagen einer Mercedestür entsteht“, sagt er. Auf der Suche nach neuen Ideen holt er junge Designer wie Patricia Urquiola, die Gebrüder Bouroullec, Marcel Wanders, Philippe Starck und Tokujin Yoshioka ins Haus.

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Im Mailänder Kartell-Museum kann man heute rund tausend Objekte aus Kunststoff bestaunen. Ein revolutionäres Erbe.

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