Neues von Christian Werner : Diese Möbel brauchen Platz

Die jüngsten Kreationen von Christian Werner passen sich modernen Wohnbedürfnissen an und wirken dennoch zeitlos schön.

Das Soda „Elias“ schmiegt sich um die Sitzenden.
Das Soda „Elias“ schmiegt sich um die Sitzenden.Foto: Ligne Roset

„Everywhere“, der Name reizt zum Widerspruch. Wirklich überall lassen sich die Regale dieser Serie von Christian Werner nämlich nicht platzieren. Das liegt weniger an ihrer Breite, sie sind mit wahlweise 80 oder 128 Zentimetern geradezu ideal, um immer noch irgendwo einen Platz zu finden. Doch Werners jüngste Kreationen brauchen Raum.

Vor allem das größere der beiden Bücherregale mit seinem Container wirkt mehr wie eine Skulptur denn wie ein Möbel. Die beiden asymmetrischen Türen scheinen vor der Rückwand zu schweben – ein Effekt, der sich noch verstärkt, wenn man zu „Everywhere“ leicht auf Distanz gehen kann. Und die Anordnung der Streben wie Böden erinnert an eine konstruktive Komposition von Piet Mondrian, der die abstrakte Malerei mit erfand.

Überall, das passt schon eher, wenn man die Zeitlosigkeit und Anpassungsfähigkeit des Möbelprogramms mit seinen Schränken, Kommoden und Regalen in den Blick nimmt. Seit 1999 wird es von Ligne Roset produziert, und immer noch wächst und verändert sich „Everywhere“ kontinuierlich. Manches wanderte aus dem Sortiment, anderes kommt hinzu. Das kühle Flair der frühen Stücke wird nun etwa durch die dunklen Regalelemente mit Nussbaumfurnier ergänzt. Auch die bronzefarbene Lackierung, in der die Türgriffe der Container schimmern, wäre früher im Programm kaum vorstellbar gewesen. Daran lässt sich wohl auch ablesen, wie anders die Wohnbedürfnisse heute sind. Weniger Chrom, dafür mehr Holz und farbige Oberflächen, wie sie sich nicht zuletzt in den neuen Lackfarben der Serie zeigen: Zu Weiß, Perl- und Bleigrau gesellen sich ab dieser Saison Senfgelb und Ziegelrot.

Regal der Serie "Everywhere" hat skulpturale Qualitäten
Regal der Serie "Everywhere" hat skulpturale QualitätenFoto: Christian Werner

„Everywhere“ zeigt aber vor allem, wie Christian Werner arbeitet. Er lässt seinen Entwürfen Zeit, entwickelt sie sukzessive und konzentriert ihre Sprache auf wenige, dafür ausdrucksstarke Elemente. Auch das prägt die Objekte: Sie balancieren ihre reduzierte Optik mithilfe passgenauer, sinnlicher Akzente aus.

Ein weiteres Beispiel dafür ist „Prado“, ein Sofa mit übergroßer Sitzfläche, das es seit 2014 ebenfalls im Programm von Ligne Roset gibt. Werner entscheidet weder, wie man sich hinsetzen soll, noch wo – denn „Prado“ hat gar keine Lehne, die ein Vorne und Hinten des Sofas definiert. Stattdessen verteilen sich mehrere Elemente – Rollen und Rückenteile – auf der Sitzfläche, die nach eigenem Bedarf drapiert werden können. Dank ihres Eigengewichts und einer rutschfesten Unterseite bleiben die Rückenkissen auch dann an ihrem temporären Platz, wenn man sich fest dagegen lehnt.

"Starck" kann als Stehtisch oder Ablage fungieren.
"Starck" kann als Stehtisch oder Ablage fungieren.Foto: Christian Werner

„Nutzungsfreiheit und Wohlbefinden“ nennt Werner als zentrale Begriffe seiner Überlegungen zu einem Sofa, das seinen Besetzern verschiedene Möglichkeiten der Platzierung und Kommunikation gibt. Unvermittelt fallen einem die modularen Wohnlandschaften der Sechzigerjahre ein, doch der Industriedesigner denkt nicht daran, das kollektive Sitzen dicht am Boden erneut zu etablieren. Seine Ideen für 2019 gehen in eine andere Richtung.

Neu ist eine sogenannte polyvalente Plattform in den Maßen 160 mal 160 Zentimetern, die sich zum intimen Gespräch ebenso anbietet wie zur Arbeit am Tablet. Ergänzend gibt es einen runden Hocker in derselben Sitzhöhe. Zwei Möbel, die eher für die gegenwärtige Individualisierung stehen als für abendliche Gruppentreffen im eigenen Wohnzimmer. Oder für jene in den Städten wachsende Zahl von Appartements, die keine ausladenden Sofas mehr erlauben.

Insel mit Kissen: Sie Serie „Prado“.
Insel mit Kissen: Sie Serie „Prado“.Foto: Christian Werner

In jedem Fall spiegelt die Arbeit von Christian Werner gesellschaftliche Strömungen. Seit 1992 führt er ein eigenes Studio für Produktgestaltung und Interior Design im niedersächsischen Hollenstedt, produziert werden die Entwürfe von namhaften Herstellern wie Lignet Roset, Rolf Benz, Thonet, Leolux oder De Sede. Werner gestaltet Sofas, Stühle, Sessel, Tische, Regale oder Leuchten – und die wenigsten geben ihr Entstehungsjahr preis. Ein Sofa wie „Dono“ zum Beispiel könnte ebenso gut aus Zeiten stammen, in denen ein Dieter Rams tätig war.

Werner, Jahrgang 1959, kommt aus Berlin und studierte hier bis Mitte der achtziger Jahre, bevor er nach Hamburg zog. Rams, maßgeblicher Gestalter der Firma Braun ab 1955, gilt bis heute als Ikone, wenn es um Themen wie sachliche Konsequenz und Nutzbarkeit geht, die in zeitloser Schönheit münden. Dass er bis zu seiner Emeritierung 1997 als Professor für Industriedesign in Hamburg tätig war und dort Einfluss auf Werners ästhetisches Verständnis genommen hat, liegt auf der Hand. Und wenn Werner davon spricht, das Wesentliche beim Design sei „die Verdichtung", weiß man, dass er in bester Rams-Tradition steht.