Marlies Krämer gegen die Sparkasse : Eine Frau kämpft für ein Wort

Dreimal abgewiesen, jetzt zieht Marlies Krämer vor das Bundesverfassungsgericht – weil sie von ihrer Sparkasse als „Kundin“ statt als „Kunde“ angeredet werden will.

Marlies Krämer.
Marlies Krämer.Foto: picture alliance / Oliver Dietze

Was für Marlies Krämer wichtig ist im Leben, ist schon beim Eintritt sichtbar. Auf den Nachbargrundstücken stehen Gartenzwerge, in Krämers Treppenhaus hängt Che Guevara an der Wand, an ihrem rechten Ohr baumelt ein Anhänger mit Picassos Friedenstaube, im linken ein Bekenntnis gegen Atomkraft. Und zwischen all den privaten Fotos an den Wänden und im Regal hängen und stehen Fotos von ihr und ihm, von ihm alleine, von dem immer noch saarländischen Helden Oskar Lafontaine. Der war mal Ministerpräsident hier, Vorsitzender der SPD, ist im Streit geschieden von der Partei, aber niemals von Marlies Krämer. „Das ist mein politischer Ziehvater“, sagt sie, „ja, doch, das ist Oskar, mein Freund.“

Marlies Krämer, Großmutter, 80 Jahre alt, etwas wackelig auf den Beinen nach einem Sturz im Garten vor drei Jahren und mit dem Rollator verbandelt, empfängt in ihrem Häuschen in Sulzbach im Saarland; fröhlich, munter, zupackend ist der Begrüßungshandschlag, selbstbewusst, so als wolle sie mal gleich darauf hinweisen, dass sie, die alternde Dame, durchaus noch etwas zu sagen habe.

Sie ist ja nun bekannt geworden, weil sie ihre örtliche Bank, die Saarbrücker Sparkasse, verklagt hat, die sie in Formularen als „Kunde“ bezeichnete, als „Kontoinhaber“, womit sie nicht gemeint gewesen sein kann, weil Krämer doch Frau ist und folglich Kundin und Inhaberin. Es mag Menschen geben, die die Klage als kleinkrämerisch, als lächerlich empfinden, aber die müssten dann auch den Kern der Begründung, mit dem das Landgericht Saarbrücken die Klage abgewiesen hat – nachdem schon das Amtsgericht dies tat –, zumindest als bequem und widersprüchlich bewerten: Das „generische Maskulinum“ werde nun mal geschlechtsneutral verwendet, das sei schon seit 2000 Jahren so. Es handle sich „insoweit um nichts weiter als die historisch gewachsene Übereinkunft über die Regeln der Kommunikation“.

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Der Verweis des Gerichts auf die übliche eingebürgerte Handhabung ist nichts anderes als ein „hammer immer so gemacht“. Zumal: Vor 2000 Jahren gab es das, was heute die deutsche Sprache ist, noch lange nicht.

Im März entschied dann der Karlsruher Bundesgerichtshof: Eine männliche Ansprache allein verstoße noch nicht gegen das allgemeine Gleichbehandlungsgesetz. Die männliche Form könne „geschlechtsblind“ verwendet werden. Ein Gesetzesverstoß läge nur vor, wenn weibliche Kunden generell nachteilig behandelt würden.

Allgemeiner Sprachgebrauch

Die BGH-Richter verwiesen ebenfalls auf den allgemeinen Sprachgebrauch. „Ein solcher Sprachgebrauch bringt keine Geringschätzung gegenüber Personen zum Ausdruck, deren natürliches Geschlecht nicht männlich ist.“

Marlies Krämer kämpft weiter, sie zieht mit ihrem Anliegen vors Bundesverfassungsgericht. So wie sie immer gekämpft hat. Und wenn man in ihrem Sulzbacher Wohnzimmer bei Wasser und Tee an der Wachstuchtischdecke sitzt und ihre Geschichte hört, bekommt auch ein Mann ein Gespür dafür, dass zwischen eingebürgerter Handhabung und Diskriminierung von Frauen ein gewaltiger Unterschied liegt.

Ob Sprache, die deutsche Sprache, per se männlich ist? Ist sie nicht. Deutschlernende verzweifeln oft an der Regellosigkeit ihrer Geschlechtszuweisungen. Der Mond, die Sonne – warum ist das so? Und nicht umgekehrt? Die Sprache folgt darüber hinaus Konventionen. Oder, im Sinne der Saarbrücker Landgerichtsargumentation: einmal der Kunde, immer der Kunde.

Aber ist die Sprache deswegen diskriminierend? Ob man Kunde oder Kundin sagt, ist das gravierend? Für Marlies Krämer ist es gravierend, weil Mann es sagt. Und es leuchtet ein, wenn ein Mann sich vorstellt, er würde von der Sparkasse oder wem auch immer als „Liebe Kundin“ angesprochen werden. Liegt da nicht eine Verwechslung vor?

Die politische Laufbahn war ihr nicht in die Wiege gelegt. Oder vielleicht doch, vielleicht gerade aus Trotz gegen die klassische, männliche Haltung? Geboren wurde sie in Illingen im Saarland, ihr Vater befand, dass sie keine größere Ausbildung benötige, sie heirate ja ohnehin irgendwann und bekäme Kinder. Marlies Krämer erzählt das ohne Groll, eher belustigt über die Automatik und Vorhersehbarkeit einer vermeintlichen Bestimmung einer Frau. „Wollen Sie noch einen Tee? Müssen Sie sich aber selber holen in der Küche, Sie wissen ja, der Rollator.“

"Ich war damals schon rebellisch"

Die Geschichte gab dem Vater recht. Marlies Krämer besuchte die Volksschule, die Hauswirtschaftsschule. Sie schloss noch eine Lehre als Verkäuferin ab, arbeitete aber nie als solche, sondern heiratete 1958 mit 21 Jahren. Vier Kinder.

Nur starb der Ehemann 1972, und sie stand alleine da mit vier Kindern und ohne Geld. Da war der Vater auch längst verstorben, gramgebeugt und verzweifelt, weil der Sohn, Marlies’ Bruder, ein Taxifahrer, ermordet worden war, in einer Kiesgrube erschlagen mit einer Eisenkette wegen ein paar Mark. „Ich habe dann die Mutter gepflegt, aber irgendwann hat sie es auch nicht mehr gepackt mit ihrer Trauer“, sagt Marlies Krämer.

Auch diese Geschichte erzählt Marlies Krämer ohne Verbitterung, eher mit der Kraft einer Frau, die das Leben in all seinen Seiten kennt und die ahnen lässt, warum diese Frau einen so großen Wert auf die korrekte Ansprache einer Sparkasse legt.

Marlies Krämer bringt die Kinder und sich durch als Küchenhilfe in der Mensa der Universität von Saarbrücken. „Ich war damals schon, fragen Sie mich nicht warum, rebellisch, da wurde Wasser verbraucht in einer Art und Weise, die furchtbar war, da hatten wir noch gar keine ökologische Diskussion.“ Sie mischt sich ein, ist gewerkschaftlich organisiert, wird als Aneckerin wahrgenommen und vielleicht auch deswegen respektiert. Sie stemmt sich jetzt aus ihrem Sofa, zieht sich die wärmende gesteppte Jacke an diesem warmen Frühlingstag enger, „ich hole mir noch einen Tee. Denken Sie gar nicht daran, ihn für mich zu holen, bleiben Sie sitzen, ich kann das schon alleine.“

Sie studierte Soziologie, wurde politisch aktiv

Die alte Dame, die der Sparkasse und vielleicht auch der Gesellschaft ein neues, anderes Bewusstsein einbläuen will, kommt zurück aus der Küche, langsam, wackelig auf den Beinen, aber die Teetasse fest in der Hand. „Ja, und dann kam mein Erweckungserlebnis. Die Uni bot ein Studium an für Senioren und auch für Menschen ohne Abitur, also für solche wie mich.“ Marlies Krämer studierte Soziologie. Dann trat sie der SPD bei, dann wurde sie in der Stadt politisch aktiv, dann wurde sie 1987 Stadträtin, und dann stellte sie 1990 einen Antrag für einen neuen Reisepass. Den Pass bekam sie, doch in dem hieß es: „Der Inhaber dieses Ausweises ist Deutscher.“ Aber das sei sie doch nicht, „weder Inhaber, sondern Inhaberin, weder Deutscher, sondern Deutsche“. Sie weigerte sich, zu unterschreiben, sechs Jahre war sie ohne Pass. Dann übernahm im Dezember 1996 der Bundesrat die EU-Richtlinie, dass es in allen Ausweisen heißen muss: „Unterschrift der Inhaberin/des Inhabers“.

Dass Hochdruckgebiete nicht immer männliche Namen haben und Tiefdruckgebiete nicht ausschließlich weibliche, sondern seit Ende der 90er Jahre abgewechselt wird, das ist auch das Verdienst von Marlies Krämer.

Vor zwei Jahren sollte sie die Bürgermedaille der Stadt Sulzbach bekommen für ihr Engagement. Der Bürgermeister hatte sie – sie hat das alles protokolliert – am 27. Juni 2016 um 11.30 Uhr angerufen und ihr die eigentlich ehrenvolle Mitteilung unterbreitet. „Für Ihr Engagement in Sachen Frauen, Umwelt, soziale Bereiche“. Aber daraus wurde nichts, „weil ich doch kein Bürger bin, sondern Bürgerin“, wie sie immer noch erbost erzählt. Der Bürgermeister habe daraufhin versprochen, die Änderung der Verleihungsurkunde in einer gendermäßig adäquaten Weise zu überprüfen, hatte das Versprechen aber nicht gehalten. „Ich nenne ihn jetzt Lügner und Wortbrecher, öffentlich.“

Zum Zeitpunkt der verpatzten Ehrung war sie längst aus der SPD ausgetreten und bei den Linken, bei ihrem Freund Oskar, eingetreten. „Und zwar wegen diesem Verbrecher, diesem Totengräber der Sozialdemokratie, diesem Schröder, nein, diese Partei hat uns schon wieder verraten.“ Ihr zweiter Mann, mit dem sie seit 40 Jahren verheiratet ist, ist immer noch in der SPD, „wir streiten uns oft politisch, aber lieben tue ich ihn trotzdem“. Er hat sich rechtzeitig vor dem Treffen an der Wachstuchtischdecke in den oberen Hausbereich zurückgezogen, er wird bald 90. „Mach das mal alleine“, sagte er, „ist ja deine Sache.“

"Sprache ist Ausdruck von Denken und Fühlen"

Spätestens jetzt ist der Moment, um Frau Krämer zu fragen, ob sie nicht ein wenig eifere, ob es nicht Wichtigeres gebe als diese kleinteilige Sprachkritik, ob sie nicht Gefahr laufe, in der Verschwörungstheorie abzutauchen. Um sie zu fragen, ob sie sich nicht an Symbolen abarbeite, deren Bekämpfung doch nichts ändere, zum Beispiel an der ungerechten Bezahlung von Frauen und Männern. Aber das sind eindeutig die verkehrten Fragen.

Marlies Krämer kommt jetzt ins Grundsätzliche. „Das, geschätzter Besucher aus Berlin, ist eine typisch männliche Frage. Sprache ist Ausdruck von Denken, Fühlen, Reden, Tun und Handeln. Sie ist unser wichtigstes Integrationsmittel und unser höchstes Kulturgut! Aber wir Frauen kommen in unserer Muttersprache gar nicht vor! Als gäbe es uns überhaupt nicht! Obwohl wir mit 52 Prozent die Mehrheit der Bevölkerung darstellen. Wir werden ständig geschlechtsumgewandelt, zum Mann umfunktioniert und damit totgeschwiegen. Sprache beeinflusst unser Denken und bestimmt folglich auch unser Handeln. So, wie wir Frauen in der Sprache vorkommen, werden wir auch beachtet und behandelt, nämlich gar nicht. Überall dort, wo die Macht und die dafür erforderlichen Gelder verteilt werden, in den hoch dotierten Chefetagen, sitzen immer noch überwiegend Männer, oder Frauen, die sich wie Männer verhalten. Durch die sprachliche Ausgrenzung werden wir diskriminiert und erleiden dadurch eine gesellschaftlich geringere Wertschätzung. Männer sind immer präsent, während wir Frauen unserer sprachlichen Existenz ständig beraubt werden!“

Uff! Der Hieb trifft, der mit Logik in keinem Punkt zu widerlegen ist. „Wenn Sie noch einen Tee wollen, holen Sie ihn sich selber“, sagt Marlies Krämer. Es gilt wohl, neu zu denken. Oder alt zu denken und Sprache als das Verständigungsmittel zu begreifen, welches sie immer sein sollte. Dann aber muss Sören Kierkegaard zitiert werden, der der Spracharmut Bewusstseinsarmut attestiert hat. Dann hat Frau Krämer recht, wenn sie uns Männern vorwirft, die Sprache ohne Bewusstsein zu benutzen, einfach nur so, weil wir es immer schon so gehandhabt haben. Soll aber keiner glauben, dass Marlies Krämer eine Männerhasserin ist. Sie lacht, sie strahlt, eine 80 Jahre alte Frau, mit sich im Reinen. Und dann, wieder zurück aus dem Grundsätzlichen, erzählt sie von einer tollen Begegnung.

Wenig Geringschätzung für ihren Kampf

Da war „Gorbi“ im Saarland, Michail Gorbatschow, der einstmals sowjetische Staats- und globale Geschichtslenker, „mein Held“, sagt Marlies Krämer. Sie hat sich eigens sein Porträt auf ein T-Shirt kopiert, ist damit zur Kundgebung gegangen, hat dann ihren Mantel geöffnet wie ein Exhibitionist – sie macht das vor hinter ihrer Wachstuchtischdecke – und ist auf Gorbi zugelaufen, und dann hat Oskar, ihr Freund, Oskar Lafontaine, zu den Sicherheitskräften gesagt, man möge die Frau durchlassen, das sei eine Freundin von ihm, und die Fotos von Gorbi, wie er Marlies Krämer umarmt, hängen jetzt in ihrer Diele. Neben dem Brief von Hillary. „Die habe ich angeschrieben, als ihr Mann Bill Clinton zum Präsidenten gewählt worden war, einfach so, Hillary Clinton, White House, Washington, der Brief ist tatsächlich angekommen. Und sie hat geantwortet und sich bedankt.“

Sie gluckst dabei ein wenig. So viel Wertschätzung freut Marlies Krämer. „Ich erfahre ohnehin wenig Geringschätzung für meinen Kampf hier in Sulzbach. Die Frauen sind überwiegend auf meiner Seite, die Männer achten mich, mag sein, aus Respekt vor meinem Alter, aber das ist mir egal.“

Marlies Krämer erhebt sich jetzt abermals aus ihrem Sofa. „Zur Tür bringe ich Sie noch, das schaffe ich auch ohne Rollator.“ An der Tür, kräftiger Handschlag, „sagen Sie, Frau Krämer, wo ist denn der nächste Bäcker, ich brauche noch Wegzehrung für die Rückfahrt. Marlies Krämer lacht. Dann sagt sie: „Falsch! Es muss heißen, wo ist die nächste Bäckerin. Da ist der Bäcker mit enthalten.“ Und dann beschreibt sie den Weg zur nächsten Bäckerinei. Herrje, Sparkasse Sulzbach, so schwer ist das doch nicht. Das Saarland war viele Jahrzehnte Bergbaugebiet. Im Bergbau sagt man Glück auf.

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