Interview mit Johann König : „Ich hatte vergessen, wie meine Eltern aussahen“

Ein Unfall stahl ihm das Augenlicht, trotzdem wurde er Galerist. Johann König über „Hiob“ am Krankenbett, seine Internatszeit und wie Aufzüge Kunst beeinflussen.

Johann König war ziemlich genervt vom Aufwachsen in der Kunstwelt.
Johann König war ziemlich genervt vom Aufwachsen in der Kunstwelt.Foto: Mike Wolff

Herr König, Sie führen eine der wichtigsten Galerien der Stadt, vertreten den Konzeptkünstler Jeppe Hein und den Maler Norbert Bisky. Zum Zeitpunkt der Gründung 2002 konnten Sie selber nicht sehen, Sie waren halbblind …

… ich war formal blind …

…und Sie haben sich die Kunst durch Gespräche erschlossen. Funktioniert das?

Als Galerist hat man keine Kunsthandlung, man vertritt Künstler, die ihre Werke erst schaffen und die man als Sparringspartner in der Ideenfindung begleitet. Am Anfang ist da eh nichts zu sehen.

Mit elf Jahren hatten Sie in Frankfurt einen Unfall, die Munition einer Startschusspistole flog Ihnen in die Augen.

Ich war ein unvorsichtiges Kind. Genauso gut hätte ich vorher schon vor die U-Bahn fallen können.

Haben Sie das Unglück herausgefordert?

In dem Fall nicht. Ich habe gern Sachen umgeschachtelt, von einer Kiste in die andere, und wollte meine Baseballkarten neu lagern. Da habe ich die Kügelchen in eine Dose für Anglerblei getan. Sie müssen sich dabei verkantet oder erhitzt haben. Jedenfalls explodierte die Munition in der Hand und flog mir in die Augen.

Wie war das Kind Johann vor und nach dem Unfall?

Danach verschwand das Kind. Ich habe viel nachgedacht, musste ich ja, fast ein Jahr lang lag ich im Krankenhaus. Ich konnte überhaupt nichts sehen. Das ganze Gesicht war zerschossen, meine Hände waren verletzt, die Haut musste transplantiert werden. Ich habe Cortison bekommen, bin fett geworden und lag mit bandagierten Händen aufgequollen im Bett. In der Zeit habe ich viele Hörbücher gehört, „Felix Krull“, den gesamten Karl May, „Hiob“ von Joseph Roth.

Johann König

Johann König, 36, ist unter den Berliner Galeristen einer der umtriebigsten. Er vertritt Künstler wie Katharina Grosse, Monika Bonvincini und Julian Rosefeldt, veranstaltet Partys mit den Modebloggern von Dandy Diary, verkauft Badetücher mit politischer Botschaft und den Motiven seines Künstlers Norbert Bisky, vermietet die Galerieräume, damit Stella McCartney eine Veranstaltung darin präsentieren kann. Inzwischen hat er 38 Künstler unter Vertrag. Die Fachzeitschrift „Monopol“ schreibt: Johann König trägt den Herrschaftsanspruch bereits in seinem Namen. Das hat er gleich ins Netz gepostet.
König ist der Sohn des Museumsleiters und Kurators Kasper König, Neffe des Buchhändlers und Verlegers Walther König und Bruder des New Yorker Galeristen Leo König. Seine erste Berliner Galerie eröffnete er 2002, inzwischen betreibt er sie in der St.-Agnes-Kirche, wo er auch mit seinen vier Kindern wohnt.
Demnächst werden die Sammler aus aller Welt wieder bei ihm vorbeischauen, das Gallery Weekend findet vom 27. bis zum 29. April statt. König wird eine Installation der Schweizer Künstlerin Claudia Comte zeigen. Berlinale und Fashion Week sind für ihn weitere bedeutende Daten. Und der Marathon: „Ganz wichtig“, sagt er. „Da laufen viele Sammler mit.“

Haben Sie vergessen, wie Farben aussehen?

Nein, ich hatte vergessen, wie meine Eltern aussahen. Leute, Gesichter, ich hatte nur grobe Erinnerungen daran. Der Mittelpunkt meiner Netzhaut war Gott sei Dank nicht zerstört, ich habe keine Linse mehr im Auge, keine Pupille, sondern nur noch Netzhaut und Hornhaut. Und die Hornhaut war immer eingetrübt. Das muss man sich vorstellen, wie wenn man durch Milchglas guckt.

Was hat Ihnen die Kraft gegeben, durchzuhalten?

Dass ich noch so klein war, noch nicht voll in der Welt drin, gerade erst in der Pubertät. Ich begann langsam, mich für Mädchen zu interessieren. Das war natürlich schlimm. Dick, immobil und mit Riesenbrille. Ich musste erst lernen, dass das Anderssein auch eine Qualität ist.

Gab es Menschen, die Ihnen geholfen haben?

Eine unglaublich inspirierende Figur war für mich On Kawara.

Der japanische Künstler und Freund Ihrer Familie.

Wenn er kam, hat er sich erstmal hingesetzt, um Keilriemen und Kisten zu bauen, da verstrichen schon zwei Stunden. Dann hat er die Rahmen bespannt, angefangen, Leinwände zu grundieren. Mit einer Ruhe und Konzentration! Ich sehe in diesem Werk auch die Bewältigung des Tages, dieses „I am still alive and I got up“. Das hat mich durch die Zeit im Krankenhaus getragen. Bei ihm hat sich nie etwas verändert. Die Schere, mit der er arbeitete, hatte er 1950 gekauft.

Ihre Mutter hat sich nie von Ihrem Unfall erholt.

Wir hatten manchmal Konflikte, wo ich gesagt habe: Mutter, das ist mein Unfall gewesen. Es war wie so eine Zeitrechnung: vor Christus, nach Christus. Vor dem Unfall, nach dem Unfall. Es wurde besser, als ich meinen Weg gegangen bin.

Inzwischen können Sie graduell sehen.

Ich hatte sechs Hornhauttransplantationen, heute kann ich gut sehen, manche Feinheiten entgehen mir jedoch. Es kann schon vorkommen, dass ich pornografische Details in einer Zeichnung von Camille Henrot nicht bemerke.

Wie hat Sie die Isolation im Krankenhaus geprägt?

Die Besuche der anderen Kinder haben irgendwann aufgehört. Ich habe gelernt, dass man am Ende nur sich selber hat, mit sich im Reinen sein muss. Meinem Vater bin ich dankbar dafür, dass er mich ins Internat der Blindenstudienanstalt geschickt hat, ein Gymnasium mit einem Rehabilitationsprogramm. Ich habe aus dieser Zeit eine Zähigkeit und Hartnäckigkeit mitgenommen. Das hat mir bei der Galeriearbeit geholfen. Es ist nicht schwierig, anzufangen, es ist hart, nach fünf Jahren durchzuhalten. Wenn die Erwartungen der Künstler steigen, die Vorschusslorbeeren aufgebraucht sind, die „Jugend forscht“-Nachwuchssammler gekauft haben und die Großen noch abwarten. Dann beginnt die Arbeit.

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