Interview mit Matthias W. Birkwald : „Der Zwischenruf ist ein Instrument wehrhafter Demokratie“

Herbert Wehner und Joschka Fischer waren Großmeister darin. Heute stört niemand so oft im Bundestag wie Matthias W. Birkwald.

Niclas Seydack
Matthias W. Birkwald sitzt seit 2009 für Die Linke im Bundestag.
Matthias W. Birkwald sitzt seit 2009 für Die Linke im Bundestag.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Herr Birkwald, Sie haben in der aktuellen Legislaturperiode des Bundestags 422-mal in die Reden anderer Abgeordneter hineingerufen. Was ist mit Ihnen los?

Ich bin mit Leib und Seele Rentenpolitiker und kann es nicht ab, wenn jemand bei dem Thema Unsinn redet. Ich hab’ ein Faible für Zahlen, davon habe ich viele im Kopf. Sehr viele, ich will nicht sagen: die meisten. Den Rest trage ich am Herzen.

Birkwald greift sich ins Jackett und fischt ein gutes Dutzend spielkartengroße Broschüren heraus. Er breitet sie nach und nach auf dem Tisch aus: „Die Erwerbsminderungsrente – Ergebnisse auf einen Blick“, „Die Rentenversicherung – Daten 2018“. Dazu faltet er noch mehrere Zettel mit handschriftlichen Notizen auseinander.

Wenn ich zum Beispiel höre, in Österreich gibt es keine Pflegeversicherung! Ha! Dann ziehe ich aus meinem Jackett meine „Österreichische Sozialversicherung in Zahlen“ und zitiere: Es gibt 445 969 Pflegegeldbezieher, die durchschnittlich 463 Euro Pflegegeld bekommen.

Ganz schön sperrig für einen Zwischenruf.

Vielleicht eher: „Klar gibt’s Pflegegeldbezieher! Die werden aber aus Steuern finanziert!“ Länger dürfte es als Zwischenruf nicht sein. Zwei kurze Sätze.

Könnten Sie sich vorstellen, andere Requisiten als Ihre Broschüren zu benutzen? Beispielsweise einem Redner eine Clownsnase anzubieten, wenn er Unsinn von sich gibt?

Niemals. Ich bin Kölner, ich liebe den Karneval. Eine Clownsnase ist für mich was Schönes. Eine Pinocchio-Nase könnte ich mir aber vorstellen: „So lügen Sie, Herr Kollege!“

Wollen Sie Abgeordnete mit den Rufen vorführen?

Es gibt Abgeordnete, denen schlägt das Herz bis zur Brust, wenn sie am Pult stehen. Die halten ihre erste Rede, oben auf der Tribüne sitzt die Familie und feiert. Da habe ich eine Beißhemmung. Ich rufe nur bei Abgeordneten rein, die austeilen und einstecken können. Es muss dieselbe Gewichtsklasse sein.

Matthias W. Birkwald

Matthias W. Birkwald, 57, ist ordentliches Mitglied und Obmann der Linken im Ausschuss für Arbeit und Soziales, rentenpolitischer Sprecher und Parlamentarischer Geschäftsführer seiner Fraktion.
Schon als Schüler bekam Birkwald gute Noten für mündliche Beteiligung, allerdings mit den Bemerkungen „frech“ und „aufsässig“. Sein Vorbild in Sachen Zwischenruf ist Ottmar Schreiner von der SPD. Spitzname: Ottmar Schreier.

Wer kämpft in Ihrer Gewichtsklasse?

Matthias Zimmer von der CDU. Er ruft nur selten dazwischen, aber immer pointiert. Oft denk’ ich: touché!

Ein Konkurrent?

Wir schätzen uns. Wir sind wie zwei Boxer, die außerhalb des Rings befreundet sind.

Als Abgeordneter halten Sie auch selbst Reden. Wie nehmen Sie da Zwischenrufe wahr?

Ich höre die oft gar nicht. Ich sehe erst im Protokoll, wenn Zimmer mir einen knallharten Zwischenruf reingedrückt hat. Wieder einmal! Die Zwischenrufe von ihm, die ich wahrnehme, beantworte ich. Sonst versuche ich, sie zu ignorieren. Das geht alles von meiner Redezeit ab, davon haben wir als Opposition sowieso zu wenig.

Der Christdemokrat Matthias Zimmer ruft selten hinein, Sie, als Linker, umso häufiger. Welche Unterschiede sehen Sie noch bei den Fraktionen?

Wir beide sind Einzelpersonen, unsere Parteien liegen im Mittelfeld. Insgesamt am fleißigsten sind die Grünen. Und von der FDP kommt so gut wie nie was.

Woran liegt das?

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Es gibt in der FDP viele, die das Näschen etwas höher tragen. Für die gehört es sich nicht, reinzurufen. Wahrscheinlich hat der Zwischenruf eine proletarische Grundierung.

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