Wanderungen mit Fontane : Meseberg: Ein Dorf macht Weltpolitik

Der örtliche Klatsch war die Vorlage für „Effi Briest“. Heute gibt’s in Meseberg Bauernfrühstück für die Kanzlerin. Teil eins einer Fontane-Serie.

Robert Rauh
Meseberg sieht aus wie ein gewöhnlicher Ort im Ruppiner Land.
Meseberg sieht aus wie ein gewöhnlicher Ort im Ruppiner Land.Foto: imago/Lars Reimann

Zwanzig Minuten dauert der Flug vom Kanzleramt nach Meseberg. Wenn Angela Merkel einen Staatsgast in beschaulicher Atmosphäre empfangen möchte, landen die Helikopter in dem Brandenburger Dorf, rund 60 Kilometer nördlich von Berlin. Seit 2007 ist Schloss Meseberg Gästehaus der Bundesregierung. Im Vergleich zur alten Residenz am Bonner Petersberg ist es kleiner, preußischer und bodenständiger.

Meseberg passt zu Merkel. Im Ort hat man sich an den hohen Besuch gewöhnt. „Hier wird schließlich Weltpolitik gemacht“, sagt ein Anwohner stolz. Der Satz hätte Theodor Fontane amüsiert. Seit jeher habe die Mark, konstatierte der Autor bereits im 19. Jahrhundert, „immer den Mut der ausgleichenden höheren Titulatur gehabt“.

Fontane war mehrmals hier. Allerdings brauchte er für die Anfahrt deutlich länger als die Kanzlerin – etwas mehr als drei Stunden. Die Berliner Nordbahn brachte ihn nach Gransee, von dort ging es mit der Kutsche weiter. Der Dichter ist selten gewandert. Erstmals kam er im Juni 1861 her, um vor Ort für seinen ersten Band der „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ zu recherchieren.

Das Schlossgelände ist abgesperrt

Im Gegensatz zu anderen märkischen Flecken erhielt Meseberg jedoch kein eigenes Kapitel, sondern wurde „eingekapselt“ in den Teil „Zwischen Boberow-Wald und Huwenow-See“, der sich dem Rheinsberger Hof des Prinzen Heinrich um 1800 widmet. Meseberg liegt direkt am Huwenowsee. Der Reisende ahne „nichts von der verschwiegenen Talschlucht an seiner Seite, von der steil abfallenden Tiefe mit Wald und Schloss und See“. Weil das Schlossgelände aus Sicherheitsgründen abgesperrt ist, lässt sich die abfallende Tiefe von der Seeseite zumindest erspähen. Es ist ein traumhafter Blick. „Wie ein Zauberschloss liegt es auch heute noch da“, schreibt Fontane.

Im Juli fand auf Schloss Meseberg der traditionelle Jahresempfang für das Diplomatische Corps statt.
Im Juli fand auf Schloss Meseberg der traditionelle Jahresempfang für das Diplomatische Corps statt.Foto: imago/Eibner

Das Gebäude thront auf einer Anhöhe über dem See, der sich umsäumt von mächtigen Rotbuchen und Eichen zwei Kilometer durch den märkischen Wald schlängelt. In Fontanes Notizbuch findet sich neben einer Zeichnung von der Schlossfront auch eine Skizze vom Huwenowsee aus der Vogelperspektive. Erschließt man sich den See schwimmend, hält er einen Vergleich mit Skandinavien stand.

Am anderen Ende des Huwenowsees liegt der kleine Ort Baumgarten, der einst zum Rittergut Meseberg gehörte. In einem alten Trafoturm betreibt das Ehepaar Schulz seit 2014 einen Imbiss. Wenn der Reisende über eine rote Leine eine Glocke in Betrieb setzt, werden für Brandenburger Verhältnisse in atemberaubender Geschwindigkeit Königsberger Klopse, Spiegeleier oder selbst gebackener Kuchen serviert. Gratis erhält man einen historischen Abriss über die Region, Fontane inklusive.

Prinz Heinrich schenkte Gut Meseberg seinem Liebhaber

Der hat das kleine Baumgarten sogar in seinem Notizbuch erwähnt – im Kontext von Reichsgraf Hermann von Wartensleben, der in Meseberg 1738 das Schloss errichten ließ. Der rechteckige Baukörper, dessen Architekt unbekannt ist, besticht durch seine klare Gliederung und seine schlichte Eleganz. Die Hoffront ist mit einem dreiachsigen, durch ionische Halbsäulen unterteilten Mittelrisalit mit Dreiecksgiebel geschmückt. Vor dem Portal befindet sich eine doppelläufige Freitreppe, an deren Fuß Merkel unlängst den französischen Präsidenten Macron empfangen hat.

Auch Theodor Fontane besuchte Meseburg mehrmals.
Auch Theodor Fontane besuchte Meseburg mehrmals.Foto: Wikipedia

Fontanes Interesse galt vor allem dem schillernden Schlossbesitzer: Christian Ludwig von Kaphengst. Er gehörte nach dem Siebenjährigen Krieg zum illustren Kreis am Rheinsberger Hof des Prinzen Heinrich. Der jüngere Bruder Friedrichs des Großen fand Gefallen an Kaphengsts „Jugend und Schönheit“ und ernannte ihn zu seinem Adjutanten, eine Stellung, wie Fontane spitz anmerkte, „zu der ihn seine geistigen Gaben keineswegs befähigten“. Er hatte offenbar andere. Der kräftige Kaphengst „beherrschte nun den Hof und den Prinzen selbst, dessen Gunstbezeugungen ihn übermütig machten“.

Schließlich schenkte Heinrich ihm 1774 Gut Meseberg, wohin der Liebhaber abgeschoben wurde. Ob Fontanes Version zutreffend ist, der große Bruder hätte die Order nach Rheinsberg gesandt, Kaphengst zu entlassen, konnte bisher nicht belegt werden. Das homoerotische Verhältnis blieb ohnehin bestehen. Über eine nachträglich eingebaute Wendeltreppe gelangte Heinrich aus dem Gäste-Schlafgemach in das Zimmer seines Ex-Adjutanten. Auch seine Rechnungen reichte Letzterer weiterhin an den Prinzen. 1789 heiratete er eine französische Schauspielerin und ließ in Meseberg – auch zur Freude Heinrichs – ein kleines Schlosstheater einbauen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar