144 Milliarden Euro für neues Ölprojekt : Russlands Angst vor den erneuerbaren Energien

"Vostok Oil" soll 100.000 Arbeitsplätze, 15 Städte und zwei Prozent des russischen BIP schaffen. Es ist nur ein Beispiel, welche Potential Russland in Öl sieht.

Christian Schaudwet
Russlands Pipelines zum Öl-Export tragen maßgeblich zum Wohlstand des Landes bei.
Russlands Pipelines zum Öl-Export tragen maßgeblich zum Wohlstand des Landes bei.Foto: DPA/DPAWEB

Mitten in der Diskussion um den Klimawandel macht Russland deutlich, dass die Nutzung fossiler Brennstoffe weiterhin die zentrale Rolle für die Volkswirtschaft des Landes spielen wird. Fossile Brennstoffe machen noch immer rund zwei Drittel aller russischen Exporte aus. Jetzt startet der staatliche Ölkonzern Rosneft das weltweit größte Projekt zur Erschließung neuer Lagerstätten von Öl und Gas.

Und das in einer ökologisch hochsensiblen Region: auf der arktischen Halbinsel Taymyr in der kargen Tundra Nordsibiriens, die vom Klimawandel in besonderem Maße betroffen ist. Ölvorkommen von rund fünf Milliarden Tonnen werden dort vermutet.

Der Staatskonzern Rosneft, in dem Altbundeskanzler Gerhard Schröder Aufsichtsratsvorsitzender ist, will in den kommenden Jahren umgerechnet 144 Milliarden Euro in das Vorhaben „Vostok Oil“ investieren. Rosneft-Chef Igor Setschin hat es vergangene Woche dem russischen Präsidenten Wladimir Putin vorgestellt. Es geht vor allem um die Ausbeutung der Lagerstätte Wankor, die bereits 1988 im Norden der Region Krasnojarsk entdeckt worden war.

15 neue Städte entstehen dank "Vostok Oil"

Nach den Worten Setschins sollen in einer ersten Ausbaustufe rund 25 Millionen Tonnen Rohöl jährlich gefördert werden. Schrittweise werden die Kapazitäten bis 2030 auf rund 100 Millionen Tonnen jährlich erhöht. Das Öl soll dann über einen neuen Hafen auf der Halbinsel Taymyr mit einer Flotte eisgängiger Tanker der Arc7-Klasse verschifft werden, die bis zu anderthalb Meter dickes Eis brechen können.

Auch ein Abnehmer scheint bereits gefunden: An dem Projekt beteiligen sich indische Investoren, das bestätigte Indiens Öl-Minister Shri Dharmendra Pradhan im Januar während eines Besuchs in Moskau. Und Rosneft-Chef Setschin sagte bei seinem Treffen mit Putin: „Es gibt eine Reihe anderer westlicher Investoren und wir erwarten, dass das ein großes, ein gewaltiges internationales Projekt wird.“ Dem Vernehmen nach sucht Russland gerade in Japan nach Interessenten.

„Vostok Oil“ soll 100.000 Arbeitsplätze schaffen und rund zwei Prozent zum russischen Bruttoinlandsprodukt beitragen, wenn es vollständig verwirklicht ist. 15 Städte werden in der Region entstehen, gab Setschin bekannt. 800 Kilometer Pipeline werden den Rohstoff zu dem neuen Übersee-Hafen transportieren. Putin hatte bereits 2018 den Ausbau der Transportrouten über den nördlichen Seeweg zur nationalen Priorität erklärt.

Von Umweltschutz kein Wort

Über Umweltschutz-Aspekte ist in dem vom Kreml veröffentlichten Teil des Gesprächs zwischen Putin und Setschin nichts zu lesen. Im Oktober 2019 hatte das russische Rohstoff-Ministerium ein Gesetz durch die Duma gebracht, das praktisch ohne Rücksicht auf den Naturschutz die Rechte der Öl- und Gasunternehmen zur geologischen Erkundung und Erschließung arktischer Lagerstätten vor der sibirischen Küste erweitert. So wurden beispielsweise Konzessionen für ein Gebiet in der Laptev- und in der Kara-See ausgeschrieben, in denen Erdgasvorräte von jeweils rund 13 Milliarden Kubikmetern prognostiziert wurden.

Moskaus Klimastrategie indes ist vor allem eine Strategie zur Anpassung an die Folgen des Wandels, in dem die russische Führung auch wirtschaftliche Vorteile sieht. Die Projekte kommen zu einem Zeitpunkt, da der Eisgang in der Arktis den niedrigsten Stand seit den Wetteraufzeichnungen erreicht hat.

Umweltschutz spielte beim jüngsten Gespräch zwischen Russlands Präsident Wladimir Putin und dem Rosneft-Chef Igor Setschin keine Rolle.
Umweltschutz spielte beim jüngsten Gespräch zwischen Russlands Präsident Wladimir Putin und dem Rosneft-Chef Igor Setschin keine...Foto: VIA REUTERS

Im Klimareport des russischen Meteorologischen Instituts wird festgestellt, dass die Temperaturen im russischen Teil der Arktis sogar beträchtlich schneller steigen, als im weltweiten Durchschnitt. In der Kara-See beispielsweise lag die Temperatur 2018 im Jahresdurchschnitt fast fünf Grad über der im Jahre 1998.

Klimawandel macht Ölförderung billiger

Die Öl- und Gasförderung in Nordsibirien wird dadurch technisch einfacher und billiger. Die Rohstoffunternehmen Gazprom und Novatek wollen deshalb bereits ihre Förderung auf der Jamal-Halbinsel ausbauen, die westlich der Taymyr-Region liegt. Auch Rosneft hat dort ein neues Ölfeld erkundet, in dem ein Volumen von rund 80 Millionen Tonnen vermutet wird.

Den Warnungen vor den Risiken des Klimawandels im hohen Norden und der Arktis zum Trotz hat die russische Regierung im Januar weitreichende Steuererleichterungen für Rohstoffkonzerne und Industrie-Unternehmen auf den Weg gebracht, die sich in der Region ansiedeln wollen. Sie könnten sich auf bis zu 200 Milliarden Euro belaufen, wenn die bislang avisierten Projekte tatsächlich in Angriff genommen würden, heißt es in Moskau. Weitere Steuervergünstigungen sollen im Juli beschlossen werden. Insgesamt geht es um neun Projekte in der Arktis. „Vostok Oil“ ist das größte von ihnen.

Der staatliche kontrollierte Gazprom Konzern stellt sich unterdessen auf einen drastisch veränderten Exportmarkt ein, weil Deutschland und andere EU-Länder auf lange Sicht kein Erdgas mehr verbrennen wollen und stattdessen auf Strom und CO2-neutralen Wasserstoff umstellen. Um dabei nicht abgedrängt zu werden, erwägt Gazprom, selbst Wasserstoff zu liefern – auf Erdgasbasis.

Gazprom hat eigenen Plan für CO2-Reduktion

Die Konzernstrategen haben dafür die „Vision 2050“ entwickelt, ein Diskussionspapier, das sie seit einiger Zeit in Europa in Umlauf bringen. Darin skizziert das Unternehmen, wie die Europäische Union ihre Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2050 in drei Stufen deutlich drücken könnte.

Zunächst sollen Kohle und flüssige Kraftstoffe dem Erdgas weichen (Emissionssenkungen um 35 bis 39 Prozent im Vergleich zu 1990). Danach sieht Gazprom bis 2030, dass die Stromwirtschaft und der Verkehrssektor Methan-Wasserstoffgemische verbrennen (Emissionssenkung um 45 bis 51 Prozent). Die dritte Stufe wäre eine „Umstellung auf wasserstoffbasierte Energie mit dem Einsatz effizienter und emissionsarmer Technologien“ (Emissionssenkung um bis zu 80 Prozent). Der Konzern beruft sich bei diesen Überlegungen auf Berechnungen des deutschen Beratungsunternehmens Thinkstep.

Die Angst vor der grünen Energie

Nicht verwunderlich: Die wasserstoffbasierte Energie, die Gazprom im Sinn hat, würde ausschließlich aus seinem Kernprodukt Erdgas stammen. Das Unternehmen produziert bereits seit Jahren sogenannten grauen Wasserstoff, wobei Kohlendioxid entweicht. In der „Vision 2050“ beschreibt Gazprom, wie es Wasserstoff gewinnen will, ohne dass CO2 in die Atmosphäre gelangt.

Dabei setzt es auf Forschungen zur Methanpyrolyse in Russland sowie in Deutschland am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und am Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) in Potsdam. Auch das Kasseler Öl- und Gasunternehmen Wintershall Dea, ein langjähriger Gazprom-Partner, ist beteiligt.

Ob auf mittlere oder längere Sicht: Das Risiko für Russlands wichtigstes Unternehmen bleibt. Den Gazprom-Strategen ist die Gefahr eines Siegeszugs des grünen Energie- und Hoffnungsträgers der Europäer bewusst. In Vorträgen und Präsentationen warnt Gazprom vor der Elektrolyse: Sie benötige riesige Mengen Strom, sei viel zu teuer und ihr Wasserbedarf gefährde die Umwelt.

Besonders das geplante Zertifizierungsverfahren Certifhy der EU ist Gazprom ein Dorn im Auge. Der darin vorgesehene einheitliche Emissionsgrenzwert für grünen und blauen Wasserstoff diskriminiere Wasserstoff aus Erdgas, moniert der Konzern.

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