Infrastruktur : Mehr Geld für das Berliner Stromnetz

Der Vattenfall-Konzern investiert trotz des Vergabestreits mit dem Land kräftig – auch für E-Autos.

Strommasten und Windräder bei Peitz in Brandenburg.
Strommasten und Windräder bei Peitz in Brandenburg.Foto: Patrick Pleul/dpa

Trotz des langwierigen juristischen Streits zwischen dem Land Berlin und dem Energiekonzern Vattenfall um die Vergabe des Stromnetzes investiert der Betreiber der Infrastruktur weiterhin kräftig in den Ausbau. Im Jahr 2018 werden es 188 Millionen Euro sein, in den kommenden fünf Jahren mehr als eine Milliarde Euro, sagte Thomas Schäfer, Vorsitzender der Geschäftsführung der Vattenfall-Tochter Stromnetz Berlin, am Mittwoch. Zum Vergleich: In den vergangenen fünf Jahren waren es 750 Millionen Euro gewesen. „Es ist ein Kampf, innerhalb des Konzerns Vattenfall in dieser Situation Investitionsmittel in diesem Umfang zu bekommen“, sagte Schäfer.

Vergabeentscheidung frühestens 2019

Damit spielte der Manager darauf an, dass es rechtlich immer noch nicht geklärt ist, ob weiterhin Stromnetz Berlin die rund 2,3 Millionen Haushalte und Gewerbetreibenden in der Hauptstadt mit Strom versorgen darf oder ein Konkurrent wie der Landesbetrieb Berlin Energie. Schäfer sagte, er rechne nicht mit einer Vergabeentscheidung über das Netz noch in diesem Jahr. Mit Blick auf den Rechtsstreit mit dem Senat über das formale Vergabeverfahren sagte Schäfer, Vattenfall werde in die nächste Instanz gehen; diese Verhandlung werde wohl erst 2019 stattfinden. Das Unternehmen hatte die Kriterien für die Vergabe infrage gestellt und die Gewichtung dieser Kriterien als intransparent gerügt.

Dass Stromnetz Berlin gleichwohl „keine Investitionsdelle“ entstehen lässt, sieht Schäfer als „richtiges Signal an die Stadt“. Durch den stetigen Zuzug und neue Quartiere wie die Europa-City müsse Stromnetz Berlin mehr Geld verbauen. Von den 188 Millionen Euro für 2018 entfallen 43 Millionen auf den Bereich „Wachsende Stadt“. Vor fünf Jahren war dieser Block nach Schäfers Angaben nur halb so groß. 45 Millionen Euro steckt das Unternehmen in die Digitalisierung und 100 Millionen in den Erhalt und die sonstige Modernisierung des Netzes.

Europa-City wird angeschlossen

Wichtige Projekte sind das neue Umspannwerk in der Sellerstraße im Wedding, das im vergangenen November in Betrieb genommen wurde, die Einbindung der Europa-City ins Berliner Stromnetz bis Ende 2018 und der Netzknoten Charlottenburg, der im Frühjahr 2018 Richtfest feiern soll. Bis 2022 will Stromnetz Berlin ein ganz neues Betriebsführungskonzept und eine neue Netzleitstelle in Siemensstadt schaffen.

Die Modernisierung ist notwendig, weil es immer mehr dezentrale Stromerzeuger gibt, das Netz digitalisiert wird und immer mehr Fahrer von E-Autos ihre Fahrzeuge aufladen wollen. Grundsätzlich stellte Schäfer fest: „Das Berliner Stromnetz ist für die Elektromobilität gerüstet.“ Sein Unternehmen gehe von etwa 250.000 E-Autos im Jahr 2030 aus; zurzeit sind es nur 1700. Die Höchstlast für die Berliner Stromversorgung soll dadurch um fünf Prozent steigen. Am Hoch- und Mittelspannungsnetz muss sich nichts ändern, bei Hausanschlüssen nur im Einzelfall. Dabei sind Einfamilienhäuser normalerweise kein Problem, eher schon Wohnanlagen, in denen zehn oder zwanzig E-Autos geladen werden sollen. Da sei intelligentes Laden notwendig, sagte Schäfer. Das heißt, die Ladevorgänge werden so gestaffelt, dass sie das Netz nicht überlasten.

Mehr als 280 Mieterstromprojekte

Eine weitere wichtige Aufgabe für Stromnetz Berlin: In der Hauptstadt gibt es bereits mehr als 280 sogenannte Mieterstromprojekte, weitere 20 bis 30 sind in Vorbereitung. Bei diesen Projekten versorgt ein Vermieter oder ein beauftragtes Unternehmen die Mieter der Anlage zum Beispiel mit Solarstrom vom eigenen Dach. Das ist im Normalfall deutlich günstiger als Strom vom örtlichen Versorger.

Solche Anlagen werden anders ans Netz angeschlossen als traditionelle Kunden. Außerdem muss sichergestellt werden, dass die Mieter auch dann mit Strom versorgt werden, wenn die eigene Anlage wenig produziert.

Schäfer verwies auf eine Studie von Infralab, nach der bis 2050 ein Viertel des Strombedarfs der Hauptstadt solar erzeugt werden könnte. Dazu passt, dass die Photovoltaik nach dem Rückgang der Förderung jetzt wieder zulegt: 2017 gab es 497 neue Anlagen, für das laufende Jahr werden 555 erwartet. Auf dem Tiefpunkt 2015 waren es nur 186 gewesen. Der Gesamtbestand liegt bei 6645.

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