Inkassobranche zieht Bilanz : Teuer wird es, wenn die Rechnung nicht bezahlt wird

Bei 50 Euro Rechnung gibt es 58,50 Euro Gebühr obendrauf – wer auf Mahnungen nicht reagiert, muss Inkassofirmen bezahlen. Die Regierung plant neue Regeln.

Schlechte Zahlungsmoral: Onlineshopper zahlen vergleichsweise häufig nicht.
Schlechte Zahlungsmoral: Onlineshopper zahlen vergleichsweise häufig nicht.Foto: FOTOLIA

In den nächsten Monaten werden die Inkassounternehmen wieder neue Kundschaft bekommen. Dann nämlich, wenn die Menschen ihre Weihnachtsgeschenke online kaufen, aber ihre Rechnung nicht bezahlen.

Der Online- und Versandhandel ist die Branche in Deutschland, die am meisten unter der schlechten Zahlungsmoral der Kunden leidet, sagte Kirsten Pedd, Präsidentin des Bundesverbands Deutscher Inkassounternehmen (BDIU), am Dienstag in Berlin.

Auch Energieversorger, Vermieter, Handwerker und die Betreiber von Fitnessstudios laufen ihrem Geld überdurchschnittlich häufig hinterher. Das hat eine Umfrage des Branchenverbands unter seinen Mitgliedern ergeben.

500 Inkassounternehmen sind im BDIU organisiert. Das sind zwar nur ein Viertel aller Anbieter, aber da vor allem große Unternehmen dem Verband angehören, hat der BDIU nach eigenen Angaben die größte Marktabdeckung.

Inkassounternehmen kommen ins Spiel, wenn Kunden ihre Rechnungen nicht zahlen. Meist mahnen die Gläubiger selbst zwei bis drei Mal, fließt dann immer noch kein Geld, wird ein Inkassounternehmen eingeschaltet. Zwar betrifft das sowohl Schulden von Privat- wie Firmenkunden. Die typische Forderung, berichtet der Verband, richtet sich aber gegen einen Verbraucher und beträgt zwischen 100 und 450 Euro.

Bei Inkasso wird es teuer

Wird das Inkassounternehmen tätig, treibt das die Kosten für die Schuldner kräftig in die Höhe. Für ihre Bemühungen verlangen die Firmen Gebühren, die sich nach dem Rechtsanwaltsvergütungsgesetz richten. Erlaubt ist bei der Geschäftsgebühr eine Spanne von 0,5 bis 2,5, üblicherweise berechnen die Anbieter eine 1,3-Rechtsanwaltsvergütungsgebühr.

Vor allem bei kleinen Summen stehen die Kosten, die das Inkassoverfahren nach sich zieht, in keinem Verhältnis zu den Schulden. Bei einer Forderung von 50 Euro verlangen die meisten Inkassounternehmen 58,50 Euro für ihre Dienste. Aus 50 Euro werden so 108,50 Euro. Hinzu kommen meist noch Verzugszinsen.

Leistungsnachweis: Im vergangenen Jahr haben Inkassounternehmen 5,8 Milliarden Euro aufgetrieben.
Leistungsnachweis: Im vergangenen Jahr haben Inkassounternehmen 5,8 Milliarden Euro aufgetrieben.Foto: picture alliance

Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) will das ändern. Für unproblematische und damit weniger arbeitsaufwendige Forderungen sollen die Unternehmen nur die 0,7-fache Gebühr nehmen dürfen. Bei einer Forderung von 50 Euro wären das 35 Euro Gebühr.

Das liefe auf eine Halbierung zu Lasten der Inkassounternehmen hinaus. Zudem will Lambrecht die Inkassodienstleister zwingen, Kunden auch über ihre Rechte aufzuklären, etwa über eine mögliche Verjährung der Forderungen.

Verbandspräsidentin Pedd räumt zwar Reformbedarf bei kleinen Forderungen ein, hält die Pläne von Ministerin Lambrecht aber für völlig überzogen. "Das Inkassogesetz schützt nicht die Verbraucher, sondern die Schuldner", kritisiert sie.

Gefährlich werde das vor allem für die mittelständische Wirtschaft, die oft kleinere Forderungen hat. Für Inkassounternehmen könnte sich dieses Geschäft in Zukunft womöglich nicht mehr lohnen, sagt Pedd. Derzeit übergeben rund 500.000 Firmen jedes Jahr rund 20 Millionen Forderungen an Inkassounternehmen, 2018 haben die Schuldeneintreiber 5,8 Milliarden Euro von säumigen Schuldnern geholt.

Viele wollen gar nicht zahlen

Obwohl die Zahlungsmoral der meisten Verbraucher und Firmenkunden der Umfrage zufolge gleich geblieben ist, macht sich Pedd dennoch Sorgen. Die meisten Inkassodienstleister machen ein unkontrolliertes Konsumverhalten für das Schuldenmachen verantwortlich.

"Oft sind es Menschen, denen Details und Verträge nicht so wichtig sind", sagt Pedd. "Sie verlieren den Überblick über einzelne Zahlungsverpflichtungen, obwohl sie über reguläre Einnahmen verfügen und eigentlich bezahlen könnten".

Immer mehr Kunden hätten zudem schon beim Kauf gar nicht vor, die Ware zu bezahlen, weil sie glauben, dass ihnen nichts passiert. "Das ist ein gesellschaftliches Problem", warnt Pedd. Das geplante Inkassogesetz würde solche Tendenzen noch verschärfen.

Junge und Alte: Die Gläubiger sind unterschiedlich

Was die Umfrage auch zeigt: Junge Leute, Erwachsene und Senioren machen Schulden auf unterschiedlichen Wegen. Bei den unter 25-Jährigen sind es vor allem Onlinekäufe, neue Handys und Fitnessverträge, die ihnen Post vom Inkassounternehmen einbrocken.

Erwachsene bedienen dagegen vor allem Bankkredite und Stromrechnungen nicht. Bei den über 60-Jährigen stehen ebenfalls geplatzte Finanzierungen bei Kreditinstituten an der Spitze, auf Platz folgen aber Ärzte und andere Gesundheitsdienstleister.

Verband: Die Zahlungsmoral sinkt

Für die Zukunft sieht der Verband wachsende Probleme. Zum ersten Mal seit zehn Jahren befürchten die Inkassounternehmen, dass die Zahlungsmoral im nächsten Jahr sinkt. Pedd rechnet zudem mit einem Anstieg der Privatinsolvenzen. Justizministerin Lambrecht will überschuldeten Verbrauchern per Gesetz künftig schon nach drei statt bisher sechs Jahren ihre Restschulden erlassen.

"Viele Verbraucher warten jetzt mit der Anmeldung ihrer Privatinsolvenz auf das neue Gesetz", sagt Pedd. Die Reform hält sie für falsch. "Gläubiger werden dadurch viel Geld verlieren".

Neue Obfrau: Ex-Ministerin Brigitte Zypries kümmert sich jetzt um Beschwerden von Verbrauchern gegen Inkassounternehmen.
Neue Obfrau: Ex-Ministerin Brigitte Zypries kümmert sich jetzt um Beschwerden von Verbrauchern gegen Inkassounternehmen.Foto: imago/Stefan Zeitz

Um sich von schwarzen Schafen der Branche abzusetzen, arbeitet der Verband an neuen, verbraucherfreundlichen Verhaltensregeln, die im April nächsten Jahres verabschiedet werden sollen. Zudem hat der BDIU eine Ombudsstelle für Beschwerden eingerichtet, die von der früheren Bundesjustiz- und wirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD) geleitet wird. Mit 811 Fällen hat sich die Zahl der Beschwerden von Januar bis September dieses Jahres jedoch in Grenzen gehalten. Um Verbraucher vor Abzockern zu schützen, fordert der Verband zudem eine bessere Aufsicht über Inkassounternehmen. Bisher übernehmen Gerichte diese Aufgabe, doch allein in Niedersachsen sind es 14 unterschiedliche. Von der mangelnden Effektivität profitieren nur die schwarzen Schafe, sagt Pedd.

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