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Millionenbetrug mit Krebsmedikamenten : Großrazzia bei Ärzten, Apothekern und Pharmamanagern

In Norddeutschland sind Hunderte Polizisten bei Durchsuchungen im Einsatz. Pharmafirmen sollen Ärzte bestochen haben, um an lukrative Rezepte zu kommen.

Polizeibeamte gehen in ein Bürogebäude, in dem sich eine Niederlassung eines Pharmaunternehmens befindet.
Polizeibeamte gehen in ein Bürogebäude, in dem sich eine Niederlassung eines Pharmaunternehmens befindet.Foto: Christian Charisius/dpa

Wegen des Verdachts des Abrechnungsbetrugs mit Krebsmedikamenten in Millionenhöhe haben Hunderte Polizisten am Dienstagmorgen 47 Objekte in Hamburg, Schleswig-Holstein und Niedersachsen durchsucht. Die Ermittlungen richteten sich gegen 14 Beschuldigte, darunter neun Ärzte, drei Apotheker und zwei Geschäftsführer von Pharmafirmen, sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft Hamburg. An dem Einsatz waren laut Staatsanwaltschaft 480 Polizisten und sechs Staatsanwälte beteiligt.

„Es geht um Bestechung und Bestechlichkeit im Gesundheitswesen und Abrechnungsbetrug, beides im Zusammenhang mit der Verordnung und Abrechnung von Zytostatika“, sagte die Sprecherin. Zytostatika werden bei der Chemotherapie gegen Krebs eingesetzt. Der potenzielle Schaden liege „deutlich in Millionenhöhe“.

Zunächst sollten mögliche Beweise sichergestellt werden. Betroffen waren auch die Räumlichkeiten eines Gesundheitsunternehmens in der Hamburger Innenstadt. Polizisten trugen dort am Morgen Umzugskartons zum Abtransport der Beweismittel in die Geschäftsräume. Haftbefehle gegen Beschuldigte lägen jedoch nicht vor, sagte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft.

Zytostatika-Hersteller im Fokus

Nach Berichten von „Zeit Online“ und „Panorama“ steht ein großer Hersteller von Zytostatika in Hamburg im Zentrum der Ermittlungen. Die Firma ZytoService soll Ärzte bestochen haben, um an Rezepte für Krebspatienten zu kommen. Neben sogenannter „Kickback-Zahlungen“ von mehr als einer halben Million Euro hätten die Ärzte auch rückzahlungsfreie Darlehen, Luxusfahrzeuge zur Nutzung oder Praxiseinrichtungen erhalten, hieß es. Die Rezepte seien dann an eine konzernnahe Apotheke gegangen und zu Unrecht bei den Kassen abgerechnet worden.

Neben Hamburg betreibt ZytoService auch Standorte in Leipzig, Düsseldorf und München. ZytoService selbst ist wiederum Bestandteil der alanta health group, eines Gesundheitsdienstleisters und Pharmaherstellers mit fünf Unternehmen und etwa 1.000 Mitarbeitern.

Auf Anfrage des Tagesspiegels sagte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft Hamburg, es gebe keine Hinweise darauf, „dass durch die Straftaten Patienten gefährdet wurden“.

Der Fall erinnert damit zwar auf den ersten Blick an andere Zytostatika-Skandale, ist aber anders gelagert. So kosteten Unregelmäßigkeiten beim Mahlower Unternehmen Lunapharm und versäumte Aufsichtspflichten des Landes im vergangenen Jahr die damalige Brandenburger Gesundheitsministerin Diana Golze (Linke) das Amt.

Der Pharmagroßhändler Lunapharm verkaufte hochpreisige Krebsmedikamente einer griechischen Apotheke, die zuvor mutmaßlich in griechischen Krankenhäusern gestohlen wurden. Bis heute ist nicht geklärt, ob die Arzneimittel überhaupt wirksam waren. Eindeutig gepanscht hingegen waren Zytostatika, die der Apotheker Peter S. aus Bottrop über Jahre in Umlauf brachte – 2018 wurde S. vom Landgericht Essen dafür zu zwölf Jahren Haft verurteilt.

Sowohl die Vorfälle bei Lunapharm als auch in Bottrop veranlassten das Bundesgesundheitsministerium, das Gesetz für mehr Sicherheit in der Arzneimittelversorgung auf den Weg zu bringen. Dieses trat im August dieses Jahres in Kraft. (mit dpa)

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