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Ein Wirrwarr. Für viele Analphabeten sind Buchstaben ein Rätsel. Ihnen bleibt nur eins: Lernen.
© Kitty Kleist-Heinrich

Analphabetismus: Nie zu spät: Lesen und schreiben lernen

Mehr als sieben Millionen Menschen in Deutschland können nicht richtig Lesen und Schreiben. Doch es gibt Hilfe.

So ist das nicht richtig. Ines steht vor dem Regal im Supermarkt und kann den Käse nicht finden. Den Käse, den sie immer kauft, weil ihr Sohn den so gerne mag. Der immer im dritten Regalfach im Kühlregal liegt, oben links. Sie scannt das Kühlregal nach der Verpackung ab – sie findet nichts. Der Supermarkt hat sein Sortiment geändert. Würde sie lesen können, es wäre so einfach, sie würde eine andere Marke kaufen, sie wüsste, wie sich Emmentaler schreibt. Ines ist eine von 7,5 Millionen Analphabeten in Deutschland. Dies haben Wissenschaftler der Universität Hamburg in der Studie „Leo. Level-One“ herausgefunden. Weniger als 20 000 der Betroffenen besuchen Kurse, um Lesen und Schreiben zu lernen. Ines gehört nicht dazu.

Die Scham, sich Hilfe zu suchen und lesen und schreiben zu lernen, ist einfach zu groß. „Dabei sind Analphabeten sehr clever“, sagt Urda Thiessen vom "Lesen und Schreiben e.V." in Berlin. Denn sie haben zahlreiche Tricks und Strategien entwickelt, durch den Alltag zu kommen. Sie stehen täglich vor der Herausforderung, in einer schriftgeprägten Welt zurecht zu kommen. So wie Ines. Sie wird gleich jemandem erzählen, dass sie ihre Brille vergessen hat und wo denn der Emmentaler stehe, sie könne es ohne Brille nicht lesen.

Mehr als sieben Millionen, das bedeutet, 14 Prozent der Erwerbsfähigen sind so genannte funktionale Analphabeten: Jemand, der durch die begrenzte Schriftkompetenz nicht in der Lage ist, am gesellschaftlichen Leben in angemessener Form teilzuhaben. Vier Prozent sind gar nicht in der Lage, einzelne Sätze oder gar Wörter fehlerfrei aufzuschreiben. Und es sind nicht nur Migranten, sondern auch viele Deutsche, die hier zur Schule gegangen sind – und trotzdem nicht lesen oder schreiben können.

Trotzdem ist es immer noch ein Tabuthema in Deutschland. Eine gute Rechtschreibung wird als Indikator für Intelligenz gesehen. „Rechtschreibsicherheit ist ein hohes Gut in Deutschland“, sagt Peter Hubertus vom Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e.V. Wer nicht richtig schreiben und lesen kann, werde als ganzer Mensch in Frage gestellt. „Das ist keine Sichtweise, die es einem leicht macht, damit offen umzugehen“, sagt Hubertus. Leider denken auch viele der Betroffenen, sie wären die einzigen mit diesem Problem. „Und sie denken, sie wären zu doof zum Lernen“, sagt Thiessen.

Aber wie kann es sein, dass so viele erwerbsfähige Erwachsene so gravierende Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben haben? Es gibt viele Gründe. „Aber keine typische Biographie, nur vergleichbare Elemente“, sagt Thiessen. Heißt: Es kann eigentlich jeden treffen. Auch Menschen aus Akademikerfamilien saßen schon in ihren Kursen. Es reiche schon, in der ersten und zweiten Klasse im Krankenhaus zu sein. Oder durch familiäre Krisen wie eine Scheidung der Eltern zu abgelenkt zum Lernen zu sein. Wer in den ersten beiden Schuljahren das Lesen und Schreiben verpasst, bekommt im normalen Schulbetrieb keine zweite Chance, es nochmal zu lernen.

„Natürlich ist auch das Elternhaus von großer Bedeutung“, sagt Hubertus. Die Lernfähigkeit ist nicht bei jedem gleich, einige Kinder lernen langsamer oder ihre mündliche Sprachentwicklung ist nicht so ausgeprägt. Solche Kinder müssten sehr viel lernen und bräuchten große Unterstützung. Fehlt es den Eltern an finanziellen Mitteln für Fördermaßnahmen oder sehen die Eltern diese Alarmsignale nicht, weil sie es nicht besser wissen oder Schule für nicht so wichtig erachten, ist das eine ungünstige Ausgangssituation, wie es Peter Hubertus nennt.

„Unsere Gesellschaft muss dafür sorgen, dass die Herkunft nicht über die Bildungskarriere entscheidet“, sagt das Gründungsmitglied des Bundesverbandes. Denn diese Kinder fallen dann durch das schulische Raster, holen den Rückstand nicht mehr auf und beenden die Schule oft ohne Abschluss. Bundesweit verlassen 25 Prozent der Hauptschüler heute die Schule mit unzureichenden Schreibfähigkeiten.

Die Scham überwinden: einen Kurs besuchen

Die Lösung: Kurse für Erwachsene. Doch das geringe Selbstwertgefühl und die immer noch stattfindende Tabuisierung erschweren es, Zielgruppe für Kurse zu motivieren. Vereine und Kursanbieter versuchen über Radio- und TV-Beiträge, Analphabeten zu erreichen und über Kursmöglichkeiten zu informieren. „In Berlin haben wir drei maßgebliche Stellen, die Kurse anbieten“, sagt Thiessen von Lernen und Schreiben e.V. Neben ihrem Verein sind das die Volkshochschulen und der Arbeitskreis Orientierungs- und Bildungshilfe, dem ersten Verein in Deutschland, der 1977 mit der Alphabetisierung von Jugendlichen und Erwachsenen begann. Mehr als 30 Jahre später – und das Problem ist immer noch da.

Zwar sei das Verständnis für die Problematik heute ein anderes – besseres – als noch vor 20 Jahren. Es sei einiges in Bewegung seit der Veröffentlichung der Studie von der Uni Hamburg vor einigen Jahren. „Doch es ist ein vergessenes Thema und eine vergessene Gruppe“, sagt Thiessen. Dabei bedeutet die hohe Zahl an Analphabeten noch etwas anderes: Die Wahrscheinlichkeit, heute mit jemandem gesprochen zu haben, der das Wort „Emmentaler“ nicht lesen kann, ist sehr hoch. Darum versuchen Initiativen und Verbände mit Kampagnen, die Gesellschaft für das Thema zu sensibilisieren. Damit sie womöglich helfen können, indem sie behutsam Betroffene ansprechen und ihnen Perspektiven aufzeigen, etwa in Form des Alpha-Telefons, wo es anonyme und kostenlose Beratung gibt.

Außerdem haben die meisten Analphabeten eine Vertrauensperson, die bei Anträgen, Behördengängen oder sogar bei einer Bewerbung hilft. „Das ist meistens der Partner, ein guter Freund oder es sind die Eltern“, sagt Hubertus. Die sind aber keine Garantie, die sind nicht für immer da – und dann? „So lange jemand sein Leben meistern kann, gibt es keinen Druck, etwas zu ändern“, sagt Hubertus. Die Entscheidung, einen Kurs zu beginnen, kann dann durch eine Krise ausgelöst werden: Der Partner und Mitwisser verlässt einen. Manchmal bringen Vertrauenspersonen Betroffene auch dazu, einen Kurs zu beginnen oder – wenn schon Fähigkeiten da sind – verstärkt zu lesen. Darum sind auch sie Zielgruppe der Kampagnen.

Andererseits geht es vielen Betroffenen so wie Ines: Ein regelmäßiger Kurs ist ein zu großer Schritt. „Die Mehrheit findet keinen Einstieg in den Kurs“, sagt Urda Thiessen. Ihr Verein Lernen und Schreiben e.V. bietet allerdings Vollzeitmaßnahmen an, das heißt, die Teilnehmer sind beansprucht wie in einem Vollzeitjob, verdienen aber nichts in der Zeit. In der Regel zahlt diese Maßnahme das Jobcenter. Wer über drei bis sechs Monate hinaus durchhält, bleibt dran.

Schwierig sei es auch für die Betroffenen, das Gelernte in den Alltag zu integrieren. Für viele ist es eine hohe Hürde, alleine zu Hause zu lesen, zu trainieren. Denn die schlechten Lernerfahrungen und das geringe Selbstwertgefühl lösen Ängste und Blockaden aus. „Doch wer sich dazu durchringt und irgendwann in der Lage ist, längere Text zu lesen, dem erschließen sich neue Welten“, sagt Thiessen. Dafür gibt es auch viele Lernhilfen im Internet.

Es geht um einen Motivationsschub. Lesen und Schreiben ist ein Handwerkszeug, um etwa mehr über das Hobby zu erfahren. Oder um sich über die eigene Krankheit, zum Beispiel Diabetes, zu informieren. Ein anderer Grund können die eigenen Kinder sein. „Viele sagen, es soll ihren Kindern einmal besser gehen, sie wollen sie unterstützen können“, sagt Hubertus. Die Scham vor dem Kind kommt auch dazu und kann einen antreiben. Andere wollen irgendwann aus dem Kraftakt heraus, es verheimlichen zu müssen. Gerade wenn es vor dem Kind verheimlicht wird, kann es unerträglich werden. „Betroffene reagieren dann abweisend bei Fragen und das Kind ist irritiert bis verstört und verunsichert“, sagt Hubertus, der über 20 Jahre Kurse geleitet hat.

Eine andere Motivation: Der Job. Knapp 60 Prozent der funktionalen Analphabeten sind zwar in Arbeit – in der Regel Helfertätigkeiten. Meistens arbeiten sie jahrelang im selben Beruf und in der selben Firma und sind sehr engagiert und fleißig – sie wollen um keinen Preis negativ auffallen. „Die mit Job können meist wenigstens etwas Lesen und Schreiben und eignen sich einen arbeitsbezogenen Wortschatz an“, sagt Peter Hubertus. Das gehe allerdings nur bei Leuten, die schon vor langer Zeit eingestiegen sind und dementsprechend üben konnten. Und solange sich in Abläufen oder Produkten nichts ändert. Die bekämen oft sogar Beförderungen oder Fortbildungen angeboten vom Arbeitgeber – und lehnen ab.

Auf den ersten Blick klingt das gar nicht so schlimm, nach Teilhabe an der Gesellschaft. Doch es wird für Betroffene immer schwieriger, in den Arbeitsmarkt einzusteigen. Die Anforderungen an die Bevölkerung steigen massiv. „Und drei Millionen der 7,5 Millionen Analphabeten sind arbeitslos“, so Hubertus.

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