Wie groß ist die Gefahr neuer Blasen?

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OECD-Generalsekträr Gurria : „Die Deutschen waren mutig“

Wie groß ist die Gefahr neuer Blasen an den Kapitalmärkten als Folge der lockeren Geldpolitik?

Sie ist durchaus vorhanden. Wenn Blasen platzen, wird es ungemütlich, darunter müssten viele Menschen leiden. Blasen destabilisieren das System. Also sollten wir versuchen, sie zu verhindern. Allerdings werden die Zinsen in der nächsten Zeit wohl niedrig bleiben, das kann zu Verwerfungen führen. Billiges Geld verführt Länder, Konzerne wie Verbraucher dazu, sich zu stark zu verschulden.

Was raten Sie?
Die Bürger müssen in Sachen Finanzen besser ausgebildet werden. Dann können sie besser abschätzen, was passiert, wenn die Zentralbanken irgendwann aus der lockeren Geldpolitik aussteigen und die Zinsen steigen. Anleihe-Renditen werden sinken, Hypotheken werden sich verteuern. Selbst ohne Blasen ist also die aggressive Geldpolitik nicht ungefährlich. Schließlich blähen die Zentralbanken ihre Bilanzen deutlich auf, das kann nicht auf ewig so weitergehen.

Die OECD und die EU kämpfen gegen Steuerhinterziehung. Halten Sie es für realistisch, dass es in ein paar Jahren auf der ganzen Welt keine Steueroase mehr geben wird?

Wir arbeiten jedenfalls daran.

Länder wie Österreich oder Luxemburg tun sich schwer mit diesem Prozess.

Aber er kommt voran. 2009 haben die G20-Staaten beschlossen, Länder zu sanktionieren, die sich weigern, Steuerdaten von Anlegern preiszugeben. In den zehn Jahren vor 2009 hatten wir auf Grundlage des OECD-Standards zum Austausch von Steuerinformationen nur etwa 40 bilaterale Vereinbarungen. Seitdem ist die Zahl auf gut 800 gestiegen, und es werden täglich mehr. 120 Staaten tauschen auf Verlangen Informationen aus. 60 davon gehen nun zu einem automatischen Verfahren über, diese Woche kommen noch einmal 16 hinzu. Der letzte EU-Gipfel hat sich mit dem Thema beschäftigt, der OECD-Ministerrat auch. Unser Ziel ist es, einen einheitlichen Standard für die 120 Länder einzuführen. Steuersünder können sich also nicht mehr verstecken. Überall drohen ihnen Steuerfahnder und Polizisten.

Multinationale Unternehmen nutzen Schlupflöcher in vielen Ländern, um ihre Steuerlast extrem zu drücken.

Im Juni werden wir einen Aktionsplan vorstellen, mit dem sich viele Schlupflöcher schließen lassen. Das Problem: Was die Firmen tun, ist legal. Unternehmen, die viele Länder-Gesellschaften haben, oder sich Briefkastenfirmen leisten können, zahlen effektiv kaum Steuern – Google, Starbucks oder Apple. Sie verschieben Gewinne über Grenzen und nutzen das System, das eigentlich eine doppelte Besteuerung in zwei Staaten verhindern sollte. Jetzt erreichen manche eine doppelte Nicht-Besteuerung.

Wenn das legal ist, brauchen Sie einen neuen, weltweiten Standard.

Wenn Sie der Finanzminister sind und Ihnen Geld in der Kasse fehlt, was tun Sie? Sie streichen Ausgaben und erhöhen die Steuern für die Bürger, die nicht fortziehen können. Oder für den Mittelstand. Das ist unfair.

Wie wäre es mit einer schwarzen Liste für solche Unternehmen?

Das ist keine gute Idee. Es geht darum, die nationalen Steuergesetze zu ändern.

Das wird Jahre dauern.

Das internationale Steuerregime aufzubauen hat 70 Jahre gedauert. Aber egal, wie lange es dauert, wir müssen es tun.

— Das Gespräch führte Carsten Brönstrup

DER MEXIKANER
José Ángel Gurría (62) ist seit sieben Jahren Chef der OECD. Der Mexikaner ist der erste Vertreter eines Schwellenlandes an der Spitze dieser Organisation. Zuvor war er in den 90er Jahren erst Außen- und dann Finanzminister seines Landes. Gurría hat Wirtschaftswissenschaften studiert und spricht neben fünf weiteren Sprachen auch etwas Deutsch.

DIE ORGANISATION
Die OECD mit Sitz in Paris, 1961 gegründet, ist ein Zusammenschluss von 34 Industriestaaten, die sich der Marktwirtschaft verpflichtet fühlen. Sie sieht sich als Forum für gemeinsame Standards und Problemlösungen in fast allen Politikbereichen außer der Verteidigung. Zuletzt traten 2010 Chile, Slowenien, Estland und Israel bei. Von ihrem Budget (347 Millionen Euro) werden unter anderem 2500 Mitarbeiter bezahlt.

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