"Die Leute hätten ihre Koffer gepackt"

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Theo Waigel zu Währungsreform : "Wir hatten keine Wahl"
Die Forderungen der Leute waren berechtigt, sagt Theo Waigel.
Die Forderungen der Leute waren berechtigt, sagt Theo Waigel.Foto: AP / Keystone

Mit der Umstellung der Löhne im Verhältnis eins zu eins haben Sie aber zahlreiche Kombinate in den Ruin getrieben!


Wir hatten keine Wahl. Wir mussten Löhne, Gehälter und Renten eins zu eins umstellen. Die Löhne und die Renten in der DDR betrugen nur ein Drittel, maximal 40 Prozent von dem, was im Westen in D-Mark ausbezahlt worden war. Bei einem schlechteren Kurs, etwa zwei zu eins, hätten die Menschen nur noch ein Sechstel bekommen von dem, was im Westen üblich war – ein unhaltbarer Zustand. Die Leute hätten doch alle ihre Koffer gepackt und wären in den Westen gezogen. Ich möchte mal an die große Währungsreform 1948 erinnern.
Nach dem Krieg? Da war das Umstellungsverhältnis aber doch zehn zu eins, also deutlich schlechter!


Ja, aber Löhne und Renten sind auch hier eins zu eins umgestellt worden. Bei der Wirtschafts- und Währungsunion im Jahr 1990 ist ja auch nicht alles eins zu eins angepasst worden, einige Werte sind ja mit eins zu zwei beziehungsweise eins zu drei umgestellt worden, unterm Strich hatten wir einen Umtauschkurs von eins zu 1,8. Das war ziemlich nahe an dem Vorschlag der Bundesbank, die damals eins zu zwei für das richtige Verhältnis gehalten hatte.
Aber es sind ja trotzdem viele Bürger aus der einstigen DDR in den Westen gegangen, weil sie keine Arbeit mehr hatten.


Das lag aber nicht nur an den höheren Löhnen, die die Kombinate nicht zahlen konnten, sondern daran, dass den Ost-Unternehmen die Märkte weggebrochen sind. Es hat doch nach der Wende niemand mehr einen Trabi oder einen Wartburg haben wollen. Und wegen der Veränderungen in der Sowjetunion ist auch noch der Ostblockmarkt verschwunden. Es gab keine Alternative zu den Privatisierungen durch die Treuhand. Das war für die Unternehmen die einzige Möglichkeit, den Markt im Westen zu erreichen.
Der Wirtschafts- und Währungsunion waren ja monatelange Demonstrationen in der DDR vorausgegangen mit Rufen wie "Eins zu eins, sonst werden wir niemals eins". Hatten Sie als Politiker damals überhaupt einen Spielraum beim Umtauschkurs?


Was die Leute gefordert haben, war berechtigt. Auch die Umstellung der kleinen Sparguthaben im Verhältnis eins zu eins. Sonst hätten die Menschen von ihrer Lebensleistung nichts gehabt. Sie hatten doch außer ihren Ersparnissen nichts, die Renten in der DDR waren niedrig, die meisten Menschen hatten kein Eigentum. Die Umstellung der Sparguthaben hat insgesamt 30 bis 35 Milliarden DM ausgemacht, das war nicht das Problem.
Was hat denn die deutsche Einheit insgesamt gekostet?


Zwei Billionen Euro.
Mit welchen Kosten hatten Sie damals gerechnet?


Ich habe gar keine Schätzung abgegeben, zum Glück. Der Schriftsteller Ernst Jünger hat mal auf die Frage, was er zu den Kosten der deutschen Einheit meint, gesagt: „Wenn dein Bruder vor der Tür steht, lässt du ihn rein und fragst nicht, was das kostet.“ Die wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsinstitute hatten damals mit 50 bis 500 Milliarden DM gerechnet, die lagen alle falsch. Selbst ein so kluger Mann wie der erste Präsident der Treuhand, Detlev Rohwedder, musste seine erste Schätzung des DDR Volksvermögens von plus 500 in minus 300 Milliarden DM korrigieren. Ich bin im Herbst nach Korea eingeladen, um dort darüber zu sprechen, was eine Wiedervereinigung kostet. Ich bin aber nicht sicher, ob ich zur Wiedervereinigung Koreas einen entscheidenden Beitrag leiste, wenn ich sage, wieviel das in Deutschland war.

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