Weltklimakonferenz in Kattowitz : Verhandlungen im Smog

Im schlesischen Kohlerevier herrscht schlechte Luft. Die Bürger werden nun selbst tätig.

Salim Sadat Nora Marie Zaremba
In Krakau machen junge Menschen im Mai 2018 bei einem Flashmob auf die schlechte Luftqualität in der Stadt aufmerksam.
In Krakau machen junge Menschen im Mai 2018 bei einem Flashmob auf die schlechte Luftqualität in der Stadt aufmerksam.Foto: picture alliance / AA

Die 24. Weltklimakonferenz findet ausgerechnet im Herzen der polnischen Kohleindustrie statt: in Kattowitz, auf dem Gebiet einer ehemaligen Grube. Schon seit 250 Jahren wird der fossile Energieträger im schlesischen Revier gefördert. Die Kohle gibt 82 000 Menschen Arbeit, ein Drittel davon in der Industrieregion Oberschlesien. In Kattowitz sitzt Europas größter Kohleproduzent Polska Grupa Górnica, der vom Thema Kohleausstieg nichts wissen will. Ist das ein geeigneter Ort für Klimaverhandlungen?

Kattowitz habe es von der Kohle- zur modernen Industrie- und Dienstleistungsstadt gebracht, heißt es dazu aus dem polnischen Umweltministerin mit Stolz. Von den einst 15 Bergwerken, die es 1990 in der Region noch gab, sind nur drei übrig. „Doch das geht nicht auf eine langfristige Strategie aus Warschau zurück, sondern ist das Ergebnis recht kurzfristiger Politik und ökonomischer Entwicklungen“, erklärt der Kattowitzer Journalist Jan Opielka mit Verweis auf die zunehmende Unwirtschaftlichkeit der Kohle. „Zum anderen hat die Region rund um Kattowitz die am stärksten verschmutzte Luft innerhalb der EU.“

Dass Kattowitz im Winter in einen dichten Smogschleier gehüllt ist, daran trägt die Kohle Schuld. 80 Prozent der Einwohner beheizen ihre Wohnungen mit völlig veralteten Kohleöfen, die Ruß und Feinstaub ungefiltert in die Luft pusten. „Da minderwertige Kohle oder gar Hausmüll in den Öfen verfeuert wird, verschärft sich das Problem“, erklärt der Aktivist Andrzej Gula von der Organisation Polish Smog Alert. Viele Kattowitzer hätten jedoch keine Wahl, denn hochwertige Kohle sei für sie einfach zu teuer.

Minderwertige Kohle soll nicht mehr käuflich sein

Auf Druck von Polish Smog Alert wird 2019 ein Verbot von Feststoffheizungen in Krakau eingeführt. Solch ein Gesetz sollte es auch im Rest des Landes geben, fordern die Aktivisten. Fraglich ist allerdings, welche Durchsetzungskraft das Verbot hat. Denn viele Haushalte können sich den Austausch von Feststoff- zu Ölheizungen schlicht nicht leisten. Das müsse von der Regierung bezahlt werden, sagt Aktivist Gula.

Polish Smog Alert ist dennoch sehr erfolgreich: Von Krakau aus hat sich der Widerstand gegen schlechte Luft mittlerweile im ganzen Land ausgebreitet. Mit ihren Forderungen ist die Organisation längst an die polnische Regierung herangetreten. Diese will ein Maßnahmenprogramm in Höhe von sechs Milliarden Euro aufsetzen. Für Öfen sollen neue Standards gelten. Minderwertige Kohle soll nicht mehr käuflich sein.

Der Europäische Gerichtshof hatte Polen erst Anfang diesen Jahres wegen schlechter Luft verurteilt – genau wie Deutschland. Wenn die Länder nichts unternehmen, drohen ihnen Strafzahlungen in Milliardenhöhe. Kattowitz hat bereits gehandelt: Sie zahlt als erste größere Stadt des Landes Zuschüsse an Hausbesitzer, die ihre alten Kohleöfen durch Gasheizungen oder Fernwärme ersetzen.

Bis die Maßnahmen kommen, werden die Bürger von Kattowitz selbst tätig und schaffen dabei Strukturwandel. Geplagt von der verdreckten Luft haben der Umweltingenieur Marcin Glodniok und seine Forschungskollegen eine Riechdrohne entwickelt. Im Winter schwebt das mit Sensoren, Kameras und Messgeräten bepackte Fluggerät über die Schornsteine der Stadt und prüft die Luftqualität. Gemessen werden unter anderem der Gehalt von Feinstaub, Kohlendioxid, Stickoxid und Formaldehyd. Die Daten visualisieren die Forscher auf einer Karte, die die Luftqualität in verschiedenen Ortschaften zeigt.

„Wir setzten lieber auf Aufklärung“

Die Karte zeigt auch an, ob in den Öfen minderwertiges Material verbrannt wird. Mit Konsequenzen müssen die Heizsünder aber nur selten rechnen. Lediglich in Extremfällen seien ihre Messergebnisse die Grundlage für Bußgelder. „Wir setzten lieber auf Aufklärung und machen den Leuten klar, dass Abfall verbrennen die Luft verpestet“, erklärte Glodniok in einem Interview mit dem Schweizer Radiosender SRF.

Die Maßnahmen scheinen tatsächlich die gewünschte Wirkung zu zeigen. „In einigen Nachbarschaften, in denen die meisten Haushalte ihre Kohleöfen durch Gasheizungen oder Fernwärme ersetzt haben, ist die Luftqualität besser geworden“, erklärt Glodniok.

Und was können deutsche Kohleregionen von Kattowitz lernen? „Dass es sich lohnt, statt auf Kohle auf ein anderes „K“ zu setzen: Kultur“, sagt der Journalist Opielka. Neben Krakau zieht es Touristen nun auch verstärkt nach Kattowitz.

Mehr zum Thema

Weitere Beiträge rund um das Thema Energie & Klima finden Sie auf unserer Themenseite.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben