Opfergeschichten spielen bei den Bunkerführungen eine Nebenrolle

Seite 2 von 2
Berlin inszeniert seine Geschichte : Die Attraktion der Schattenorte
Hanno Hochmuth

Trotz eingestreuter rhetorischer Distanzierung von den größenwahnsinnigen Germania-Plänen stören in der Regel keine Opfergeschichten die Beschäftigung mit dem heiklen Thema. Hinweise auf die Zwangsarbeiter, die die meisten Bunkeranlagen erbauen mussten, verdüstern das Bild zwar ein wenig, wirken aber wie eine Referenz an die öffentlich geförderte, opferzentrierte Erinnerungskultur.

Mindestens ebenso wichtig sind die „Schattenorte“ des Kalten Krieges und der deutschen Teilung. Der Checkpoint Charlie steht wie kein anderer Ort für die globale Systemkonfrontation. Touristen kommen mit einem medial geprägten Vorwissen. Sie kennen die Aufnahmen der Panzerkonfrontation vom Oktober 1961, die einen dritten Weltkrieg hätte auslösen können, und wollen die ikonografischen Bilder am authentischen Ort abgleichen. Und so dominiert am Checkpoint das Paradigma der historischen Rekonstruktion, das auf die Nachahmung des früheren Zustands zielt. Daher musste das Kontrollhäuschen in Form der frühen 60er wieder aufgebaut werden – so wie es von den Aufnahmen der Panzerkonfrontation bekannt ist, und nicht etwa in Gestalt der ausgebauten Grenzanlagen späterer Jahre.

Die Geschichte wird möglichst plastisch erfahrbar gemacht – was auch den geschichtspolitischen Intentionen der Gründer des Mauermuseums am selben Ort folgt. Es wurde durch den Menschenrechtsaktivisten Rainer Hildebrandt gegründet und war von vornherein auch ein wichtiger Anlaufpunkt für die Fluchthilfe. Seit der Gründung besitzt die Ausstellung einen anklagenden Gestus gegen das SED-Regime. Bis heute atmet das Museum den Geist des Kalten Krieges, was zahlreiche Debatten ausgelöst hat.

Die "Lichtgrenze": Schattenorte als globale Erlebnisorte

Bemerkenswert ist, dass in der Regel keine staatlichen, häufig auch keine akademischen Akteure, sondern Aktivisten mit einer (geschichts-)politischen Agenda die Gedenkstätten entwickelt haben. So haben alternative Projekte zur Touristifizierung Berlins als „Rom der Zeitgeschichte“ beigetragen. Mit Blick auf die großen kommerziellen Potenziale des Berliner Geschichtstourismus treibt die landeseigene Kulturprojekte Berlin GmbH die Eventisierung der Geschichtskultur weiter voran. Im dichten Takt der Jahrestage werden die „Schattenorte“ als globale Erlebnisorte inszeniert: Nichts zeigt dies so deutlich wie die Lichtgrenze, die zum 25. Jahrestag des Mauerfalls entlang des früheren Grenzverlaufs installiert wurde.

Die Berliner „Schattenorte“ sind unterschiedlich „authentisch“ – nicht im objektiven Sinne, sondern in ihrem Umgang mit der historischen Authentizität. Während die Topographie des Terrors und die Mauergedenkstätte in der Bernauer Straße ihre authentische Aura aus sorgfältig konservierten Überresten der historischen „Schattenorte“ beziehen, zielen die Außenanlagen am Checkpoint Charlie auf die „authentische“ Rekonstruktion des vertrauten Erscheinungsbildes.

Beide Ansätze kommen gleichermaßen gut bei den Touristen an. Es ist die „Erfahrung“ historischer Authentizität, die das „Erlebnis“ einer dunklen Vergangenheit ermöglicht und den Erfolg der „Schattenorte“ ausmacht. Die eigentümliche Kraft des Authentischen steht im Mittelpunkt des neuen Leibniz-Forschungsverbunds Historische Authentizität, in dem 17 außeruniversitäre Forschungseinrichtungen untersuchen, woher die Sehnsucht nach der Vergangenheit stammt. Damit fragt die Forschung letztlich nach dem Selbstverständnis unserer Gegenwart.

Der Autor ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam. Der Text basiert auf einem Vortrag für die öffentliche Tagung „Schattenorte. Stadtimage und Vergangenheitslast“.

Artikel auf einer Seite lesen

Twitter

Folgen Sie unserer Wissen und Forschen Redaktion auf Twitter: 

5 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben