Caroline von Humboldt-Professur : Wie die Berliner Integrationsmaschine funktioniert

Metropolenforscherin Ilse Helbrecht erkundet Kulturkontakte an urbanen Orten – demnächst auch im Senegal. Jetzt wird sie mit der Caroline von Humboldt-Professur geehrt.

Die Admiralbrücke in Kreuzberg als Treffpunkt.
Die Admiralbrücke in Kreuzberg ist den Forschungen von Ilse Helbrecht zufolge einer der besten Orte für urbane Kulturkontakte.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Ilse Helbrecht fängt Passanten ein wie eine Tierfilmerin. Auf den Fährten der Berlinerinnen und Berliner, von Pendlern und Touristen stellt sie Kameras mit Stativen überall dort in der Stadt auf, wo sich etwas bewegt. Genug bewegt, um die Forschungssubjekte stundenlang legal filmen zu können, und hinreichend gemächlich bewegt, um möglichst „urbane Orte des Kulturkontakts“ zu identifizieren.

Die Methode der Videographie, bislang verbreitet in der Tierverhaltensforschung, setzt Helbrecht erstmals in der Geographie ein. Genauer gesagt in ihrem Gebiet der Kultur- und Sozialgeographie, für das sie seit 2009 eine Professur an der Humboldt-Universität (HU) innehat.

Die Wissenschaftlerin hinter dem neuen Tourismuskonzept

Doch Helbrecht, heute Direktorin des Georg-Simmel-Zentrums für Metropolenforschung der HU, bricht nicht nur immer wieder aus ihrem Arbeitszimmer auf dem Campus Adlershof aus, um mit ihren Studierenden Feldforschung in den Berliner Kiezen zu betreiben. Zuletzt machte die 53-Jährige ihre Beobachtungen – mit und ohne Kamera – fruchtbar für das neue Berliner Tourismuskonzept. Sie ist die wissenschaftliche Politikberaterin hinter dem von Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) unlängst präsentierten Plan „2018 +“, nach dem die Touristenströme etwa von der überlasteten Partymeile in der Simon-Dach-Straße in die Spandauer Altstadt gelockt werden sollen. Es basiert auf einer von Helbrecht geleiteten Studie zu „stadtverträglichem Tourismus“.

„Wir brauchen eine kiezbasierte Tourismuspolitik“, sagt Helbrecht. Und Berlin brauche nicht nur beim Management seiner Besucherströme einen „kompletten Perspektivwechsel“ – von der historischen Mitte und Kreuzberg in die Kieze, über die Stadtgrenzen hinaus ins Umland. Für ihre Fähigkeit, Perspektivwechsel in ihrem Fachgebiet vorzunehmen, Studierende dabei mitzunehmen und neben der Forschung auch Politikberatung und nicht zuletzt Wissenschaftsmanagement zu betreiben, wird Ilse Helbrecht am Freitag von ihrer Universität mit der Caroline von Humboldt-Professur ausgezeichnet.

Funktioniert die Stadt wirklich wie eine Integrationsmaschine?

Der für ein Jahr verliehene und mit 80.000 Euro dotierte Ehrentitel ist nach der Ehefrau des Berliner Universitätsgründers Wilhelm von Humboldt benannt und würdigt die Arbeit exzellenter HU-Professorinnen. Helbrecht wird von der Jury als „herausragende Allrounderin“ gelobt, „die auch über ihr Fachgebiet hinaus einen Fußabdruck hinterlässt“.

Ilse Helbrecht, Direktorin des Georg Simmel-Zentrums für Metropolenforschung (GSZ) an der Humboldt-Universität zu Berlin.
Ilse Helbrecht, Direktorin des Georg Simmel-Zentrums für Metropolenforschung an der Humboldt-Universität zu Berlin.Foto: Promo

Und welchen Fußabdruck hinterlassen die Passanten in den Berliner Kiezen, in Fußgängerzonen, auf Plätzen und in Parks? Kommt es an diesen urbanen Orten wirklich zum Kulturkontakt, durch den die Stadt „wie eine Integrationsmaschine“ funktioniert, wie Helbrecht in einer Forschungshypothese vermutete? Das Ergebnis nimmt sich etwas nüchterner aus, als im schönen Begriff „Geographies of Encounter“ anklingt.

Beste Begegnungen auf der Admiralbrücke - oder mit Kind und Hund

Damit tatsächlich „Geographien der Begegnung“ entstehen, müssen viele Kriterien erfüllt sein, was beispielsweise in der Fußgängerzone Wilmersdorfer Straße in Charlottenburg nicht der Fall ist. Obwohl die Planer Begegnungszonen mit Bänken und Spielplatzgeräten schufen, „ist der Passantenstrom dort zu schnell und zu groß“, hat Helbrecht beobachtet. Auf dem Walter-Benjamin-Platz querab vom Kudamm wiederum ist zu wenig los, als dass sich Menschen wirklich begegnen und in Kontakt kommen. Einer der besten Interaktions- und Kennenlernorte war am Ende die Admiralbrücke in Kreuzberg, auf der verkehrsberuhigende Poller Musiker wie Passanten zum Hinsetzen einladen. Und der Mauerpark mit seinem legendären Karaoke-Event.

Die besten Kontaktstifter seien allerdings noch immer das Baby im Kinderwagen oder der Hund an der Leine, die Frage nach dem Weg oder nach Feuer, sagt Helbrecht. Dann ist es an jedem Einzelnen, etwas daraus zu machen, um die Anonymität der Großstadt aufzulockern.

Gentrifizierung: Verdrängte wollen im Kiez bleiben

Die Metropolenforschung war Ilse Helbrecht nicht in die Wiege gelegt. Sie stammt „zum Glück aus Osnabrück“. Aber bei aller Liebe zum Beschaulichen hat sie die eher mittelgroße Universitätsstadt in Niedersachsen schon früh verlassen. Studium in Münster, Promotion und Habilitation in München, Forschung und Lehre in Vancouver, Amsterdam und Bremen, wo sie ihre erste Professur bekommt und von 2005 bis 2008 Konrektorin der Universität ist. Kaum nach Berlin berufen, wirkt sie 2009/10 am erfolgreichen Zukunftskonzept der HU im Exzellenzwettbewerb mit.

Wissenschaftliche Exzellenz verträgt sich für Helbrecht auch mit Kiezforschung „meist ohne Drittmittel“, wie sie stolz anmerkt. Ihre jüngste große Publikation „Gentrification and Resistance“ hat sie mit Studierenden erarbeitet. Ihr Ansatz: „Es gibt viel Forschung über Verdrängung. Gentrifizierung wurde immer als Aufwertung eines Viertels durch den Zuzug von Besserverdienern und besser Gebildeten untersucht.“ Doch bis 2014 hatte niemand erforscht, was eigentlich aus den Verdrängten wird, wohin sie ziehen, wenn die Mieten nach Luxussanierungen ins Unbezahlbare steigen.

Herausgefunden haben es Helbrecht und ihre Studierenden der Stadtgeographie „mit kriminalistischen Mitteln“. Sie fragten Hausmeister in Prenzlauer Berg und Kreuzberg, was sie über die früheren Mieter wissen, klingelten bei Nachbarn, um die „Gentrifizierten“ wiederzufinden. Nach und nach entstanden Kontakte, tauchten Adressen auf. In Interviews mit den Betroffenen erfuhr die Forschungsgruppe dann, wie sehr diese an ihren Kiezen hängen, dass Großsiedlungen am Stadtrand für sie in aller Regel keine Alternative sind.

Neue Forschungs-Richtung: Auf zur Biennale in Dakar und in Taipeh

„Alle haben versucht, in der Nähe zu bleiben, sich eine kleinere Wohnung zu nehmen oder Untermieter zu suchen, um bleiben zu können“, sagt Helbrecht. Die „Resistance“ im Titel des daraus entstandenen Sammelbandes ist also kein aktiver Widerstand, wie ihn etwa Hausbesetzer üben. Es sind Anpassungsstrategien, mit sich vor allem ärmere Menschen „gegen die existenzielle Bedrohung“ stemmen, die ein solcher Verlust der Verwurzelung im Kiez für sie bedeuten würde.

Für Helbrecht selber steht demnächst wieder ein Perspektivwechsel an. Das Preisgeld ihrer Caroline von Humboldt-Professur wird sie im Senegal und in Taiwan einsetzen. Reise- und Forschungsziele sind die neu aufgelegten Kunstbiennalen in den Hauptstädten Dakar und Taipeh. Helbrecht will erkunden, wie Städte solche kreativen Wettbewerbe nutzen, um „global sichtbarer“ zu werden. Und ob wir irgendwann nicht mehr nur zur Berlinale nach Berlin oder zur Biennale nach Venedig pilgern müssen, sondern auch nach Dakar.

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