Corona-Panne in Bayern : Ahnungslose Infizierte könnten Ansteckungswelle verursachen

Bayerische Gesundheitsämter sind mit der Kommunikation von Coronatest-Ergebnissen überfordert. Welche Infektionsgefahr geht von unwissend Infizierten aus?

Corona-Testzentrum an der Autobahn 93 (A93) an der Rastanlage Inntal-Ost
Corona-Testzentrum an der Autobahn 93 (A93) an der Rastanlage Inntal-OstFoto: dpa/Sven Hoppe

Mehr als 900 Urlaubsrückkehrer nach Bayern waren bei der Wiedereinreise mit dem neuen Coronavirus Sars-CoV-2 infiziert. Sie mussten aber bis diese Woche auf das Ergebnis ihres freiwilligen Tests warten, das die Infektion bestätigte. Einige seit Ende Juli. Zudem gebe es weitere positive Ergebnisse, die noch gar nicht zugeordnet werden konnten, erklärte die bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml am Mittwoch.

Es muss davon ausgegangen werden, dass die nicht informierten Infizierten ihr Verhalten in den vergangenen Wochen nicht umgestellt haben, um Ansteckungen ihrer Kontaktpersonen zu vermeiden, und dass Übertragungen des Virus stattgefunden haben, die durch besondere Maßnahmen verhindert worden wären. Kommt es wegen der Kommunikationsverzögerung nun unnötigerweise zu mehr Infektionen und womöglich gar mehr Todesfällen?

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Das Risiko von Folgeansteckungen hängt vom Verhalten der Infizierten ab, ob informiert oder nicht, sagte Bernd Salzberger, leitender Infektiologe der Uniklinik Regensburg, dem Tagesspiegel: „Bei entsprechender Distanzierung ist das Risiko natürlich niedrig, bei unvorsichtigem Verhalten höher.“

Friedemann Weber, Direktor des Instituts für Virologie der Justus-Liebig-Universität Gießen nennt ebenfalls zuerst die Kontaktfrequenz der Infizierten. Daneben aber auch längere Aufenthalte mit anderen Personen in schlecht belüfteten Räumen und die Teilnahme an Veranstaltungen, bei denen laut gesprochen oder gesungen wird.

Dabei besteht die Gefahr von Superspreading-Ereignissen, bei denen eine infizierte Person zahlreiche weitere ansteckt. Beispiele wie Konzerte, Chorproben und Gottesdienste sind dokumentiert.

Ansteckungsgefahr ist schwer zu beurteilen

Weber betrachtet die Anzahl von mehr als 900 uninformierten positiven Fällen als so hoch, dass das Ansteckungsrisiko in Bayern und auch bundesweit höher bewertet werden muss als vor der Reiserückkehr. „Die Anzahl aktiver Fälle hat sich seit dem letzten Monat praktisch verdoppelt“, sagt der Virologe. Und die Wahrscheinlichkeit für Folgeansteckungen steige.

„Die Panne ist besonders tragisch, da die Personen, die Infektionen von der Reise mitbringen, wahrscheinlich nicht zu den besonders Vorsichtigen gehören“, sagt Salzberger. Er geht jedoch davon aus, dass die örtlichen Gesundheitsbehörden trotzdem noch Präventionsmaßnahmen einleiten können. Dadurch könnten Infektionsketten auch jetzt noch durchbrochen werden.

Der Chef des Hamburger Bernhard-Nocht-Instituts, Jonas Schmidt-Chanasit, sagte dem Tagesspiegel, dass die Tests auch sehr geringe Virusmengen nachweisen und längst nicht alle positiv Getesteten auch infektiös gewesen seien. Zudem sei die Phase hoher Ansteckungswahrscheinlichkeit bei Personen, die nicht gleichzeitig auch ernste Symptome zeigten, auch bei hoher Viruslast nach zwei bis drei Tagen wieder vorbei.

„Ich habe das mal überschlagen, und komme auf eine Zahl im mittleren zweistelligen Bereich von Leuten, die wegen der Testpanne unerkannt ansteckend waren“, so Schmidt-Chanasit. Die Zahl unerkannt ansteckender Reiserückkehrer in andere Bundesländer, die keine Tests angeboten haben, sei zudem wahrscheinlich höher.

Unbekannte Corona-Positive

Zur Gruppe der nicht informierten, infizierten Bayern-Rückkehrer gibt es bislang wenig Informationen. Epidemiologisch wären persönliche Daten wie Alter und Geschlecht wichtig, aber auch aus welchem Reiseland sie zurückgekehrt sind. Das Bundesministerium für Gesundheit, das Auswärtige Amt und das Bundesministerium des Innern weisen eine Reihe von Risikogebieten aus, „in denen ein erhöhtes Risiko für eine Infektion mit Sars-CoV-2 besteht“.

Zuletzt hinzugekommen ist Rumänien mit einer Reihe von Gebieten und der Metropolregion Bukarest. Zuverlässige Testdaten von Reiserückkehrern wären ein Reality-Check für die Risikoeinordnungen und die laut Quarantäneverordnungen einzelner Bundesländer anzuordnende „Pflicht zur Absonderung“.

Auch die berufliche Tätigkeit der Wiedereinreisenden zu kennen, die sie wahrscheinlich bald nach der Rückkehr wieder aufgenommen haben, wäre wichtig. Besonders relevant sind Beschäftigte im Gesundheitswesen. Sie haben Kontakt zu Risikogruppen wie ältere Menschen oder Patienten mit medikamentös unterdrücktem Immunsystem, die bei einer Ansteckung einen schweren Verlauf befürchten müssen.

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Inzwischen werden immer mehr jüngere Menschen infiziert. Über 60 Prozent sind jünger als 40 Jahre. Das sei günstig, sagt Salzberger, da eine geringere Rate von Komplikationen, Krankenhauseinweisungen und Todesfälle zu erwarten ist. „Ganz wichtig ist dabei nur, dass Infektionen nicht an ältere und Risikopatienten weitergegeben werden“, so der Infektiologe. Ob dies in den zurückliegenden Wochen geschehen ist, etwa bei Verwandtenbesuchen nach dem Urlaub, wird sich in den kommenden Wochen in den vom RKI erhobenen Fallzahlen zeigen.

Weitere Tests angemahnt

„Über die Bedeutung des Fiaskos in Bayern kann man keine Aussage machen“, sagte der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach dem Tagesspiegel. Es sei dennoch wichtig, die Reiserückkehrer konsequent weiter zu testen. „Bei Mangel an Testkapazitäten müssen andere Testmethoden genutzt werden“, sagt Lauterbach. Er empfiehlt, die Zulassung von Schnelltests voranzutreiben, die mittlerweile so präzise wie die Standard-PCR-Tests seien und kostengünstig auch außerhalb medizinischer Einrichtungen durchgeführt werden könnten.

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Die Ergebnisse einer zweiten Testung hätten in den Fällen der nicht informierten Corona-positiven Rückkehrer als zeitversetzte Nachweise hohe Aussagekraft gehabt. Allerdings ist die Zeit, in der das Virus nachweisbar ist, bei vielen bereits verstrichen.

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