Corona-Übertragung : Singen ist gar nicht unbedingt gefährlicher als Sprechen

Für eine Studie sollen 25 Teilnehmer in einer klinisch reinen Umgebung „Happy Birthday“ singen und sprechen. Die Ergebnisse sind anders als lange angenommen.

Über Monate haben sich viele Menschen gewünscht, endlich wieder so singen zu können.
Über Monate haben sich viele Menschen gewünscht, endlich wieder so singen zu können.Foto: Imago

Ein dicht beieinanderstehender Chor, der aus voller Kehle singt? Undenkbar in Pandemie-Zeiten, denn schon lange kursiert die Annahme, dass das Virus beim Singen ganz besonders schnell übertragen wird. Auslöser waren wohl mehrere alarmierende Ereignisse: Im Berliner Dom etwa infizierte eine Frau, die sich selbst in Südtirol angesteckt hatte, 60 von 80 Sängern.

Aus den USA ist ein ähnlicher Fall bekannt. Ein Mann infizierte 32 der 60 Chormitglieder. Die Aerosol-Ausscheidung, so erklärten Forscher sich die vielen Ansteckungen, soll beim Singen besonders hoch sein.

Bis Ende Juli war daher das Singen in geschlossenen Räumen in Berlin verboten. Davon waren etwa Kirchen, Musikgruppen oder Schulchöre betroffen. Jetzt ist das gemeinsame Singen in geschlossenen Räumen unter strenger Einhaltung der Hygiene- und Infektionsschutzstandards wieder erlaubt.

Die Annahme, dass Singen eine Übertragung besonders begünstige, wurde bislang kaum wissenschaftlich hinterfragt. Doch eine neue Studie von der Universität Bristol gibt Aufschluss: Den Ergebnissen zufolge macht es keinen großen Unterschied, ob jemand spricht oder singt. Viel entscheidender ist die Lautstärke.

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Für die Studie hatten britische Medizinerinnen und Ingenieure professionelle Sängerinnen und Sänger in einen Raum ohne Hintergrundumgebung eingeladen, das heißt: keine Winde oder Wandpolster sollten die Aerosolausbreitung im Raum in irgendeiner Weise beeinflussen. Alle Teilnehmer sollten in dieser klinisch reinen Umgebung das Lied "Happy Birthday" in verschiedenen Lautstärken singen und sprechen.

Je lauter, desto nasser

Die Wissenschaftler erfassten die Aerosolausscheidung der Sängerinnen und Sänger. Den Messungen zufolge macht es keinen Unterschied, ob jemand nur atmet oder leise mit 50 bis 60 Dezibel singt oder spricht.

Bei zunehmender Lautstärke maßen die Forscher eine deutliche höhere Konzentration an Aerosolen in der Luft. Die Forscher empfehlen mit Blick auf die Ergebnisse unteranderem Stimmverstärker in geschlossenen Räumen zu nutzen, damit Menschen nicht so laut sprechen müssen.

Zudem wurde bei dem Experiment eine Randbeobachtung gemacht. Einige Teilnehmer produzierten mehr Aerosole als andere. Sie könnten also, wenn sie mit dem Coronavirus infiziert sind, möglicherweise ansteckender sein. Die Ursachen dafür müssen weitere Studien untersuchen.

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