E-Learning in der Schule : Digitales Klassenzimmer - sie können auch anders

Weil staatliche Lehrerfortbildungen für digitales Lernen nicht recht in die Gänge kommen, organisieren Lehrkräfte und Aktivisten sie jetzt selbst - mit Erfolg.

Christian Füller
Schülerinnen sitzen mit ihren iPads auf dem Boden und lösen Matheaufgaben.
Mit iPads Mathe zu machen, bringt offenbar Spaß. Wie man einen solchen Unterricht gestaltet, bringen sich Lehrkräfte in Workshops...Foto: Julian Stratenschulte/picture alliance/dpa

Das mutet jetzt fast kitschig an. Zwei Lehrerinnen jauchzen geradezu, als sie die digitalen Lernhilfen erleben, die ihnen die Dozentin Nele Hirsch vorstellt. „Das ist ja wunderbar! Es macht richtig Spaß, mit diesen digitalen Werkzeugen zu arbeiten“, sagt eine. Die beiden sind aus einer Berliner Schule ans Lisum gekommen, das Landesinstitut für Schule und Medien. Dort nehmen sie an einer Fortbildung teil, die freie Bildungsaktivisten zusammen mit dem Staat für Lehrkräfte veranstalten. Fast 100 Teilnehmer sind da. Aber die heißen bei dieser Digital-Werkstatt anders: Teilgeber. Denn Zuschauen geht hier nicht. Jeder muss selber machen.

Fortbildung für Lehrkräfte gilt als eine wunde Stelle des Schulsystems: Wie soll man die 800.000 deutschen Lehrerinnen und Lehrer zu Experten digitaler Bildung zu machen, die mit Tablets, Lern-Apps und Facebook umgehen können? In der Regel geht Fortbildung an den staatlichen Weiterbildungsinstituten der Länder so: Sie bilden in Gruppen von bis zu 20 Teilnehmern außerhalb der Schule fort; oder sie versuchen an pädagogischen Tagen ganze Kollegien in der Schule zu qualifizieren. Das klappt nicht immer, auch weil Weiterbildungen für Lehrkräfte nicht ganz zu Unrecht im Ruf stehen, bürokratisch zu sein und haarscharf an den Bedürfnissen vorbeizugehen. Einige Akteure gehen jetzt neue Wege – mit Erfolg.

Zum Beispiel bei der Fortbildung am Lisum, das für Berlin und Brandenburg zuständig ist. Das Landesinstitut lud sich Jöran Muuß-Merholz ein, der eine Bildungsagentur betreibt, um Lehrkräfte mit meist freiberuflichen Referenten aus der Digitalszene zusammen zu bringen. Am Lisum in Ludwigsfelde nahm das häufig den wilden Charme eines Summerhill für Lehrer an. Von Anfang an machte Muuß-Merholz deutlich: Ihr müsst aushalten, dass hier kein fixer Stundenplan vorgelegt wird. Es gab nämlich kein Programm mit festen Workshops, sondern lediglich Sprechzeiten bei Referenten.

Ausprobieren, wie Digitales funktioniert

Zuerst konnten sich die Lehrer in frei bestimmbaren thematischen Arbeitsgruppen (Communities) selbst organisieren. Dann sollten sie möglichst bald mit dem Erstellen eigener Lehrmaterialien beginnen und sie auf einer Internet-Plattform online stellen – damit andere Lehrer sie nutzen können. Immer, wenn es hakte, ging man in die Sprechstunde.

Die Sprechstunde von Nele Hirsch entwickelte sich zu einem richtigen Workshop. Die ehemalige Bundestagsabgeordnete hat sich mit einem „eBildungslabor“ selbständig gemacht. Sie stellte im Lisum in Ludwigsfelde alle möglichen Online-Plattformen vor, mit denen Schüler sofort zusammen schreiben, mindmappen oder etwa Videos teilen können. So ist es einem Lehrer möglich, auf der offenen Glitch-Homepage von Hirsch einen Comic, ein Quiz oder ähnliche Muster herunter zu laden – und diese dann im Unterricht einzusetzen.

Die Idee dahinter: Die Vorlagen können individuell bearbeitet werden. „Mir ist wichtig, dass die Lehrer und Schüler damit ausprobieren, wie Digitales funktioniert“, sagte Hirsch. „Zum Beispiel, indem sie den Quellcode sehen und bearbeiten können, der hinter einer Webseite oder einer Anwendung steht.“

Schnell praktisch werden - etwa mit dem digitalen Daumenkino

Angebote zur Fortbildung wie am Lisum breiten sich gerade aus. Die Agentur „Digitales Lernen Berlin“ veranstaltet immer wieder offene Angebote für Lehrer. Die Idee ist auch hier, möglichst schnell praktisch zu werden, sei es Stop-Motion-Filme zu produzieren (eine Art digitales Daumenkino) oder mit der Programmierplatine Calliope eine Messstation für Feinstaub zu bauen. „Digitales Lernen“ ist ein Projekt des Bezirksamts Mitte. Bundesweit ist die Initiative Pacemaker aktiv. Sie schickt digitale Helfer in Schulen, um ein Jahr lang digital gestützten Unterricht vor Ort zusammen mit Lehrern zu entwerfen – und zu halten. An solchen Projekten beteiligen sich maximal 100 Lehrkräfte.

Viel mehr Pädagogen erreicht die Walter-Eucken-Schule (WES) in Karlsruhe. Insgesamt 600 Lehrerinnen und Lehrer haben sich dort unlängst zur „WES 4.0“ getroffen, um sich gegenseitig digitales Lehren und Lernen beizubringen. Der Clou des Massenevents: Kein Bildungsministerium steht dahinter, kein Lehrerseminar und nicht mal ein kommerzielles Weiterbildungsinstitut. Die WES 4.0 wird von einem Team von acht Lehrerinnen organisiert, denen ihr Schulleiter unter die Arme greift.

„Wir haben auch nicht gedacht, dass es so gut angenommen wird, als wir das zum ersten Mal für andere Schulen öffneten“, erzählt die Projektleiterin, Informatik-Lehrerin Saskia Ebel. Ihr ist das Flair wichtig. „Jeder von uns aus dem Team der Schule ist immer ansprechbar“, sagt sie. „Hier soll es menscheln – und kein kommerzielles Ding draus werden.“ Wenn die „WES 4.0“ stattfindet, wird ein pädagogischer Tag ausgerufen. Die Schüler - bis auf jene, die als Helfer dabei sind – haben frei, Gäste aus ganz Deutschland kommen dazu – und kein Klassenzimmer in der Eucken-Schule ist mehr frei.

Was tun, wenn das WLAN ausfällt?

In einem Klassenraum stellt Andreas Preußer gerade den so genannten flipped classroom vor. „Im normalen Unterricht habe ich selten Zeit, mich zehn Minuten intensiv mit einem einzelnen Schüler zu befassen“, erklärt der Realschullehrer aus Bayern seinen Kollegen. Im „flipped classroom“ gehe das. Zuhause schauen seine Schüler ein kurzes Lernvideo von knapp zehn Minuten – vor der Schulstunde. So gewinnt Preußer Zeit und kann sich im Unterricht in der Schule individuell um einzelne Schüler und ihre Fragen zum Lernvideo kümmern.

[So ist es um die digitalen Kompetenzen der deutschen Achtklässler im internationalen Vergleich bestellt]

Etwa 30 Lehrkräfte hören Preußer zu – und sie bombardieren ihn danach mit ihren Fragen. Ein Drittel davon bezieht sich aufs WLAN: Was tun, wenn das Netz ausfällt? Der Horror jeden Lehrers, der vom Schulbuch aufs Digitale umsteigt. Bei der WES 4.0 sind viele Lehrer, die im Unterricht noch nicht mit Tablets oder anderen digitalen Tools arbeiten. Für die bietet Saskia Ebel vor der Konferenz einen Crashkurs für die Tabletnutzung an. Die Lehrer erhalten leihweise ein Gerät, lernen seine Grundfunktionen kennen und können es zwei Tage benutzen.

In einem anderen Workshop geht es um die Gretchenfrage: Wie bildet man Lehrer am besten für die digitale Welt fort? Kolja Brandtstedt von den Pacemakern stellt Mikrofortbildungen vor. Das sind Kurz-Instruktionen vor dem Unterricht oder im Lehrerzimmer, wo Kollegen sich untereinander eine neue Lern-App erklären oder sich über Online-Tools aufklären.

Beim Riesenschritt ins Neuland nicht allein gelassen werden

Schnell kommt im Workshop die Frage auf, was man eigentlich mit Verweigerern umgehen soll. Einer brummt, „lasst die Blockierer einfach in Ruhe“. Ein Schulleiter warnt: „Nein, man muss diese Kollegen mit einbeziehen, sonst verbreiten sie schlechte Stimmung und blockieren Beschlüsse in der Lehrerkonferenz.“ Gabriela Krellmann, Leiterin der Louis-Lepoix-Schule in Baden-Baden, mahnt hingegen die forschen Digitalisierer. „Es ist ja auch ein Riesenschritt für die Kollegen“, sagt sie. „Beim Umstellen auf digitale Methoden verlangen wir von ihnen, alles Bisherige ihres Unterrichts über den Haufen zu werfen.“

Die WES 4.0 an der Eucken-Schule ist nicht einmal die größte ihrer Art. Auf 1000 Teilnehmende kommt die Konferenz „Mobile.Schule“ in Oldenburg. Sie entstand 2009 in der kleinen Waldschule in Hatten, als der Grundschullehrer Andreas Hofmann Kollegen aus anderen Schulen zeigte, wie seine Schüler mit Tablets arbeiten. Die „#molol“, wie sie in Kurzform heißt, wuchs immer weiter, bis sie 2014 den Rahmen der Waldschule sprengte. Seitdem findet die Veranstaltung in der Universität Oldenburg statt und wird vom niedersächsischen Landesinstitut für schulische Qualitätsentwicklung mitorganisiert.

Für die letzte #molol im März 2019 war die Hälfte der Tickets binnen 90 Minuten weg. „Veränderungsprozess wie der digitale Wandel bedürfen Weiterbildungen“, sagt ihr Erfinder, Andreas Hofmann, über „Mobile.Schule“ und WES 4.0. „Beides sind von Pädagogen mit viel Herzblut organisierte Fortbildungstage, die fernab von Formalismus Spaß machen und inspirieren sollen.“

Im Lisum in Ludwigsfelde arbeitet derweil Sabine Hartwich, Gymnasiallehrerin, die aus Genthin, mit HackMD. Das frei verfügbare Editierprogramm ermöglicht es, einen Text zu verfassen, der gleichzeitig in einer Softwaresprache und für die Schüler als Präsentation nutzbar ist. „Ich fühle mich in diesem offenen Format hier sehr wohl“, sagt Hartwich. „Hier konsumiert man nicht nur, hier kann man machen.“ Damit formuliert sie womöglich ein Rezept, mit dem mehr sehr viel Lehrkräfte als bisher für eine sinnvolle Digitalisierung der Bildung zu motivieren und zu aktivieren wären.

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