Erinnerungskultur in Deutschland : Holocaust-Gedenken kratzt nur an der Oberfläche

Deutschland ist stolz auf seine Erinnerungskultur. Doch in Wahrheit wird der NS-Verbrechen nur lückenhaft gedacht, sagt unser Autor, Professor für Holocaust-Studien in Berlin, im Gastbeitrag.

Stephan Lehnstaedt
Blumen liegen in Gedenken an den Beginn der nationalsozialistischen Deportationen von Juden aus Berlin am Gleis 17 im Bahnhof Grunewald.
Blumen liegen in Gedenken an den Beginn der nationalsozialistischen Deportationen von Juden aus Berlin am Gleis 17 im Bahnhof...Foto: Jörg Carstensen/dpa

Als Björn Höcke vor gut einem Jahr das Berliner Holocaustdenkmal als Schande bezeichnete, stieß er unisono auf Empörung. In Zeiten der AfD betonen Politiker anderer Parteien immer wieder ihren Stolz auf die deutsche Erinnerungskultur und auf den kritischen Umgang mit dem Nationalsozialismus. Doch es ist eine groteske Verirrung, wenn das Mahnmal an das deutsche Menschheitsverbrechen nun zur Auszeichnung für den eigenen Umgang mit der Vergangenheit wird. Denn bei genauerem Hinsehen drängt sich der Verdacht auf, dass dies vor allem eine Haltung ist, die mit wenig Kosten verbunden ist und trotzdem viel politisches Kapital einbringt.

So eilen die deutschen Gedenkstätten zwar von einem Besucherrekord zum nächsten, aber die Finanzierung hält damit bei weitem nicht Schritt. Dennoch bürdet ihnen die Politik immer neue Aufgaben auf, insbesondere bei der Erziehung Jugendlicher – die Vorstellung, zwangsverpflichtete Klassen bei einem Besuch vom Antisemitismus zu kurieren, ist da nur die Spitze des Eisbergs.

In der Schule findet sich immer weniger Zeit für die NS-Zeit

Gleichzeitig findet sich in schulischen Lehrplänen immer weniger Zeit für den Nationalsozialismus und die deutschen Verbrechen. Die Schüler besuchen die historischen Orte ohne Vorbildung – und verwechseln dann beispielsweise Staatssicherheit und SS. Ihr im Unterricht erworbenes Wissen ist auf die Trias „Machtergreifung“, „Reichskristallnacht“, Auschwitz begrenzt.

Aber mangelnde Zeit in der Schule ist nur eine Seite der Medaille. Auch bei der Lehrerausbildung liegt vieles im Argen. Wie jüngst eine Studie der Freien Universität Berlin zeigte, bot jede fünfte deutschen Hochschule innerhalb von vier Semestern nur eine oder sogar gar keine Lehrveranstaltung zu den Jahren von 1933 bis 1945 an.

Beinahe doppelt so viele Angebote gab es zur Nachgeschichte von Nationalsozialismus und Völkermord. Das entspricht der aktuellen Forschung, die sich viel mehr für Repräsentationsformen als für die sogenannte „Realgeschichte“ interessiert – auch viele Historiker sind von der deutschen Erinnerungskultur fasziniert. Die Einheit von Forschung und Lehre bleibt zwar gewahrt, aber es gibt schlicht zu wenig kompetente DozentInnen, die aus eigenem Wissen schöpfen und es vermitteln könnten.

Kategorien von Opfer und Tätern werden verwischt

Eine andere aktuelle Studie, diesmal von der Universität Bielefeld, offenbart die Folgen dieser Entwicklungen: In einer repräsentativen Umfrage meinten 18 Prozent, ihre Vorfahren hätten im Nationalsozialismus Opfern geholfen – die tatsächliche Zahl lag etwa um den Faktor 1000 niedriger. Noch grotesker ist, dass über 54 Prozent der Befragten angaben, unter den Verwandten Opfer des Zweiten Weltkriegs zu haben. Doch eine solche Zahl lässt sich nur erreichen, wenn gefallene Soldaten als solche betrachtet werden. Das verwischt die Kategorien von Opfer und Täter und läuft auf ein Bild vom ungewollten Krieg und von Hitler verführten Deutschen hinaus, das in den 1950ern vorherrschte.

Es ist weniger paradox, als es auf den ersten Blick scheinen mag, wenn in der gleichen Studie ebenfalls knapp 18 Prozent der Interviewpartner angeben, unter ihren Vorfahren Täter des Zweiten Weltkriegs zu haben. Diese Zahl hängt zwar von der Definition von „Tätern“ ab, dürfte aber annähernd zutreffen. Die starke Betonung von Unterstützung einerseits und Widerstand andererseits sagt viel über die Präsenz dieser Themen in Medien und Öffentlichkeit aus. Und sie sagt gleichzeitig etwas darüber aus, wie wenig Wissen und Lehren aus der Geschichte jenseits des „nie wieder“ verbreitet sind. Letzteres immerhin ist als zentrale Erkenntnis weithin akzeptiert und wird auch in der Vermittlung eingefordert.

Kaum jemand spricht über ethnische Polen

Und so nimmt es nicht wunder, dass das Erinnerungsnarrativ in Politik und Gesellschaft weitgehend auf den Holocaust beschränkt ist. Manchen Gruppen kommt zumindest eine marginale Rolle zu, andere sind letztlich gar nicht präsent. Kaum jemand spricht etwa über ethnische Polen, über sowjetische Kriegsgefangene oder nichtjüdische Zivilisten aus den diversen Sowjetrepubliken, die die Deutschen ermordeten. Viel zu wenig bewusst ist, dass in Europa im Grunde nur ethnische Deutsche, die dem Nationalsozialismus nicht ablehnend gegenüberstanden, von Verfolgung verschont blieben – also die überwältigende Mehrheit der Vorfahren der heutigen Deutschen.

Die oft rituell beklagten „vergessenen Opfer“ sind tatsächlich Millionen von Menschen. Die Stätten ihrer Ermordung liegen fast ausschließlich im östlichen Europa. Dort aber sind sie für die Deutschen aus den Augen und aus dem Sinn. Wir veranstalten ein Holocaust-Gedenken light, das viel günstiger ist: Lediglich Auschwitz und Yad Vashem erhalten kontinuierlich Bundesmittel. Aber schon die in Polen gelegenen Vernichtungslager der „Aktion Reinhardt“ – Belzec, Sobibor und Treblinka –, wo deutsche Täter etwa 1,8 Millionen Juden ermordeten, werden nur auf Antrag, ausnahmsweise und mit minimalen Summen gefördert.

Das Haus der Wannsee-Konferenz wird beschädigt

Natürlich gibt es vielfach ernsthaftes Bemühen um Andenken und Aufklärung. Aber längst nicht alles ist Gold, was glänzt. Als politische Abgrenzungsstrategie gegen Rechts kann Erinnerungskultur aber nur funktionieren, wenn hinter Worten auch Taten stehen. Doch daran fehlt es häufig. Zuletzt wurde dem Haus der Wannsee-Konferenz zusätzlicher Platz für die Bibliothek mit dem Argument verwehrt, die Institution habe keinen Forschungsauftrag und benötige deshalb keine Bücher. Die Mediensammlung trägt den Namen des Holocaustüberlebenden Joseph Wulf, der viele Jahre vergeblich versuchte, dort ein Forschungszentrum zu etablieren. Die Politik ignorierte ihn zu Lebzeiten, beugte sich schließlich zivilgesellschaftlichem Engagement – und demontiert jetzt sein Vermächtnis.

Diese Geschichtsvergessenheit beschädigt außerdem eine einzigartige Stütze der Berliner Wissenschaftslandschaft zum Nationalsozialismus und den deutschen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg, die von vielen namhaften WissenschaftlerInnen genutzt wird. Es handelt sich dabei um eine fundamentale Fehleinschätzung: Nur wenn Wissen ständig generiert wird, lässt es sich überhaupt vermitteln. Der Kreis von Forschung – Lehre – Schulbildung – Gedenkstätten – Erinnerung schließt sich nicht mehr.

- Der Autor ist Professor für Holocaust-Studien und Jüdische Studien am Touro College Berlin.

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