"Orientiert euch an Daten, an Fakten, an Experimenten, an Statistik."

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Genderstudies und Biologie : „Da treffen zwei Welten aufeinander“

Meinen Sie, dass Gleichheit und Diversität, zwei der Leitbegriffe der freien Welt, gar nicht zu vereinen sind?

Die Menschheit ist wunderbar divers, so wie die ganze Natur. Und es wird mit ideologischem Impetus übertrieben versucht, alles gleichzumachen.

Martin Luther-King ...

... meinte tatsächliche Konstrukte von Ungleichheit aufgrund der Herkunft oder Hautfarbe. Ihm ging es um gleiche Rechte und Universalität der Menschenwürde. Welcher vernünftige Mensch würde da widersprechen? Aber für mich gehört zu menschenwürdigem Leben das Recht, eigenen biologischen Veranlagungen zu folgen. Doch es ist absurd, auf unhaltbare Konstrukte von Ungleichheit mit genauso unbegründeten Konstrukten von Uniformität zu antworten.

Was ist denn typisch Mann oder Frau?

Jungs spielen lieber mit Baggern, Mädchen eher mit Puppen, das ist sogar bei Menschenaffenbabys so. Männer können sich im Allgemeinen besser räumlich orientieren als Frauen, vielleicht ein Erbe der zehntausende Jahre, in denen sie Jäger waren. Es gibt auch Orientierungsgenies bei Frauen, nur eben seltener. Die Nobelpreisträgerin Dorothy Hodgkin etwa, die die dreidimensionale Struktur von Molekülen erforschte, war vielleicht so eine. Ich beschreibe sie in meinem Buch. Aber eben eher als Ausnahme von der statistischen Regel. Anekdoten sind eingängig, aber sie haben keine wissenschaftliche Aussagekraft. „Typisch weiblich“ trifft immer nur zu einem Teil zu.

Axel Meyer
Axel Meyer ist ein vielfach ausgezeichneter Evolutionsbiologe an der Universität Konstanz.Foto: privat

Sie sprechen viel von statistischen Wahrscheinlichkeiten, das finden die meisten Leute abschreckend, unkonkret, abstrakt.

Wer das so sieht, sollte sich klarmachen: Sie wären ohne Statistik wahrscheinlich längst tot, oder nie geboren worden. Denn ohne Statistik gäbe es kein einziges modernes und einigermaßen sicheres Medikament. Deren Wirkung wird in Studien statistisch analysiert.

Aber statistische Wahrscheinlichkeiten bedeuten auch Unsicherheit. Zum Beispiel was Krankheitsgene angeht.

Teilweise werden aus Wahrscheinlichkeiten gruselige Tatsachen. Ich selbst habe mein Genom charakterisieren lassen. Da kam ein im Vergleich zum Durchschnitt mehr als dreifach erhöhtes Thromboserisiko heraus. Und raten Sie mal, weswegen ich, während ich an dem Buch schrieb, ins Krankenhaus musste?

Man könnte jetzt über selbst erfüllende Prophezeiungen spekulieren. Aber konkret: Was bringt so ein Test dann?

Solche Gentests sind zwiespältig, bei manchen Krankheitsgenen kann man bislang wenig machen, denen für Alzheimer etwa. Bei Thrombose hat mir der Test vielleicht geholfen, selbst die Verdachtsdiagnose zu stellen und ins Krankenhaus zu fahren. Jetzt nehme ich blutverdünnende Medikamente zur Vorbeugung. Angelina Jolie hat sich wegen ihres Krebsrisikos die Brüste, Eierstöcke und Eileiter entfernen lassen. Ohne dieses Wissen und ihre Konsequenz wäre sie mit 80-prozentiger Wahrscheinlichkeit erkrankt.

Sollte es, sofern möglich, erlaubt werden, solche Gene im Embryo abzuschalten?

Da stehen uns tiefgreifende Debatten bevor. Ich habe keine abschließende Antwort. Wir müssen uns bewusst sein, dass es wahrscheinlich gemacht werden wird. Wenn nicht bei uns, dann anderswo.

Zurück zu den Paralleluniversen der Geschlechterforschung und der Lebenswissenschaften. Wie können sie sich annähern?

Wie überall, durch Bildung und Kommunikation. Es wäre gut, wenn Studenten der Geisteswissenschaften Grundkurse in Genetik und Evolutionsbiologie besuchen würden, Naturwissenschaftler umgekehrt Wissenschaftsphilosophie oder Soziologie hören müssten. Als Naturwissenschaftler plädiere ich: Orientiert euch an Daten, an Fakten, an Experimenten, an Statistik. Und nicht an Anekdoten und an denen, die am lautesten brüllen.

Die Fragen stellte Richard Friebe. Axel Meyer kommt am 29. September 2015 an die Urania in Berlin und stellt sein Buch „Adams Apfel und Evas Erbe. Wie die Gene unser Leben bestimmen und warum Frauen anders sind als Männer“ vor (Bertelsmann, München 2015. 19,99 Euro).

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