Interview mit Malariaforscher Peter Kremsner : "Wir haben Erfolg auf altbackene Art"

Am Dienstag begann der Großtest der ersten Malariaimpfung. Doch sie wird nur einen Teilschutz bieten. Mit einer anderen Immunisierung könnte sich das ändern.

Patient 1. Im Mitundu Community Hospital in Lilongwe (Malawi) bekommt am 23. April 2019 das erste von mehr als 100 000 Kindern eine „RTS,S“-Impfung. In Kenia und Ghana beginnen ähnliche Programme in der kommenden Woche.
Patient 1. Im Mitundu Community Hospital in Lilongwe (Malawi) bekommt am 23. April 2019 das erste von mehr als 100 000 Kindern...Foto: Amos Gumulira / AFP

Seit Jahrzehnten versuchen Mediziner und Infektionsbiologen, einen Impfstoff gegen Malaria zu finden. Doch die Erreger sind, anders als die der meisten anderen wichtigen Infektionskrankheiten, keine Bakterien oder Viren, sondern Einzeller mit Zellkern. Sie sind also hochkomplexe Lebewesen, die Menschen auch weitaus ähnlicher sind als jene anderen typischen mikrobiellen Krankheitsauslöser. Das macht es komplizierter, sie zu bekämpfen.

Der erste Impfstoff, dessen Wirksamkeit nachgewiesen ist, ist somit ein großer Fortschritt. Am Dienstag startete im afrikanischen Malawi ein Großversuch mit den von "GlaxoSmithKline" produzierten Injektionen, die Proteinteile des Erregers enthalten. Jährlich 360.000 Kleinkinder sollen dort die 'RTS,S'- Impfung erhalten. Sicher ist aber schon jetzt, dass der Impfstoff nur teilweisen Schutz bietet. Zudem ist das Impfschema – mit vier Injektionen über fast zwei Jahre – komplex und bedeutet in der Praxis im ländlichen Afrika eine Herausforderung.

Peter Kremsner, Direktor am Institut für Tropenmedizin der Universität Tübingen, war an den entscheidenden klinischen Studien zur Zulassung von RTS,S beteiligt und hat auch die jetzige Implementationsstudie für die Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit geplant. Er ist aber auch an der Entwicklung eines – wenn sich bisherige Studienergebnisse bestätigen – wahrscheinlich besser wirksamen neuen Lebendimpfstoffes beteiligt.

Herr Professor Kremsner, die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) hat den ersten Impfstoff gegen Malaria bereits 2015 zugelassen. Doch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt noch keinen weltweiten Einsatz und beginnt jetzt erst einmal eine Implementationsstudie in Ghana, Kenia und Malawi. Warum dieses Zögern?

Der Impfstoff ist durchaus sicher und halbwegs verträglich. Er ist aber nicht so wirksam, wie wir uns das erhofft hatten – ein halbes Jahr nach Verabreichung sind es gut 50 Prozent Wirksamkeit, nach vier Jahren fällt sie allerdings auf etwa 30 Prozent ab. Dennoch ist das ein großer Schritt, ein echter Durchbruch in der Forschung. Denn RTS,S ist der erste Impfstoff gegen einen Parasiten beim Menschen überhaupt. Das gab es noch nie zuvor, weil es viel schwieriger ist, als Impfstoffe etwa gegen Viren zu entwickeln.

Peter Kremsner (57) ist Direktor des Instituts für Tropenmedizin und des Comprehensive Infectious Disease Center (CIDiC) am Universitätsklinikum Tübingen.
Peter Kremsner (57) ist Direktor des Instituts für Tropenmedizin und des Comprehensive Infectious Disease Center (CIDiC) am...Foto: Uniklinik Tübingen

Was ist das Problem bei der Suche nach einem Impfstoff gegen Malaria?

Es liegt wahrscheinlich daran, dass der Erreger Plasmodium falciparum, ein Einzeller, zu komplex ist. Er hat sehr viele unterschiedliche Oberflächenstrukturen, so genannte Antigene, und zudem viele verschiedene Entwicklungsstadien. Das beginnt in der Mücke, geht weiter im Blut und in der Leber, dann wieder in der Blutbahn. All das sind Angriffspunkte für das Immunsystem. Die müsste man alle erwischen mit einem Impfstoff. Und das ist bisher nicht gut gelungen.

Sie entwickeln einen Lebendimpfstoff, der offenbar besser wirkt. Sollte man auf den warten, statt jetzt mit RTS,S zu starten?

Es ist in Ordnung so, dass man jetzt dieses Programm mit dem RTS,S durchzieht. Die WHO hat sich ja etwas zurückhaltend gezeigt und nun diese Implementationsstudie vorgeschlagen. Die wird noch einige Jahre dauern. Das ist wissenschaftlich sinnvoll, verzögert die breite Einführung des Impfstoffs aber massiv. Selbst wenn er nur 30 Prozent wirksam ist, dann ist das noch unglaublich gut. Wir haben ja bisher außer der Therapie nichts, was wir einsetzen können, von ein bisschen Mückenschutz und Insektiziden abgesehen. Die Implementationsstudie soll zeigen, ob sich der Impfstoff in der wirklichen Welt bewährt. Nicht so, wie das bei unseren Untersuchungen in den sehr kontrollierten und überwachten Zulassungsstudien gemacht wird, sondern zusammen mit all den anderen Impfungen und in realen Situationen in Afrika, wo auch Impfungen durcheinander gebracht, vergessen oder doppelt verabreicht werden. Es wird spannend, was dann dabei herauskommt. Wenn dann die Effekte immer noch gut sind, dann wird er sicher eingesetzt werden. Wenn die Effekte in der Praxis aber noch weiter zurückgehen, dann war es das wohl.

Was für einen Impfstoff mit lebenden Erregern entwickeln Sie in Ihrem Labor ?

Dieser Impfstoff ist sozusagen der 'zweitfortgeschrittenste' nach RTS,S. Wir arbeiten dabei mit lebenden Sporozoiten, einem wichtigen Entwicklungsstadium der Malaria, die wir bestrahlen und so abschwächen. Wir sind fast fertig mit den klinischen Phase-II-Studien, die die Wirksamkeit überprüfen, und haben auch schon ein Impfschema für eine Phase-III-, also eine Zulassungsstudie. Bei einem zweiten Impfstoff aus Sporozoiten, die mit gleichzeitiger Chemotherapie mit Chloroquin abgeschwächt werden, sind wir noch nicht ganz so weit, aber auch dieser Ansatz schaut sehr gut aus. In Afrika läuft gerade eine Phase-II-Studie, mit der wir klären wollen, ob die Ergebnisse aus Tübingen dort vor Ort wiederholbar sind. Das werden wir im Herbst wissen. Dann fangen wir mit der Zulassungsstudie in Europa und den USA an – und etwas zeitverschoben dann in Afrika.

Wer stellt so einen Impfstoff her?

Wir arbeiten mit der kleinen kalifornischen Biotech-Firma Sanaria zusammen, gegründet von einem Wissenschaftler. Das Wesentliche ist, dass man die Erreger aus den Mücken herausholen und einfrieren und wieder auftauen kann, so dass man sie als Grundlage für den Impfstoff verwenden kann.

Man muss also alle Erreger per Hand aus den Mücken holen? Lassen sich die Sporozoiten nicht in einer Zellkultur vermehren?

Bislang musste man sie wirklich aus den Mücken holen, das ist in der Tat ein Flaschenhals für die Massenproduktion eines Impfstoffs. Aber inzwischen ist es gelungen, mit gewieften Methoden die Mücke zu umgehen. Den Menschen kann man über Blutkulturen ersetzen, und nun also auch die Mücke. Damit haben wir ein System, das völlig ohne höhere Organismen auskommt, um den Entwicklungszyklus der Erreger im Labor nachzustellen und die Vermehrung zu kontrollieren.

Braucht es unbedingt einen Lebendimpfstoff oder könnte eine Kombination von Oberflächenmolekülen ausreichen?

Das ist auch eine Glaubensfrage. Seit 50 Jahren glauben wir, dass wir gescheiter sind als die Natur und mit isolierten Antigenen zu einem Impfstoff kommen – einzeln, in Kombination oder zusammen mit Hilfsstoffen oder gar mit Hepatitis-B-Stoffen. Wir haben damit auch über dreißig Malaria-Impfstoffe herstellen können, die hundertprozentig wirksam sind. Aber leider nur in der Maus, was mir relativ wurscht ist, denn sie müssten ja im Menschen funktionieren. Ausnahme ist allein RTS,S. Er ist auch der mit Abstand beste Impfstoff bisher. Ich glaube aber, uns hat die Impfstoffgeschichte etwas gelehrt: Es ist einfacher und auch vielversprechender, wenn man mit den ganzen Erregern arbeitet, sie abschwächt und daraus einen Impfstoff macht. Wo immer das geht, sind die besten Impfstoffe entstanden: Cholera, Thyphus, Masern, Gelbfieber, Polio. Genauso machen wir es jetzt auch. Wir sind praktisch hundert Jahre zurückgegangen, haben die altbackene Art gewählt und damit offenbar Erfolg.

Gibt es noch andere gute Ansätze?

Bei dem, was publiziert ist, nicht. Wenn wir die Malaria effektiv bekämpfen wollen, dann brauchen wir einen sehr gut wirksamen Impfstoff, sonst können wir diese Krankheit nicht effektiv bekämpfen oder gar ausrotten. Das könnten wir mit den abgeschwächten lebenden Sporozoiten erreichen, so wie es aussieht.

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