Kampagne "Frist ist Frust" : Verbaut euch nicht die Dauerstellen

Eine Initiative fordert, mit dem neuen Hochschulpakt Dauerstellen zu schaffen. Zu Recht, meint unser Kolumnist - und warnt vor Überfrachtung.

Ein Dozent steht vor Studierenden in einem Hörsaal.
Lust auf Lehre? Die Initiative "Frist ist Frust" will das Lehrdeputat auf acht Semesterwochenstunden begrenzen.Foto: Waltraud Grubitzsch/picture alliance

Ich kann es ja verstehen. Warum nicht, wenn man schon gegen den Befristungs-Irrsinn kämpft, auch gleich noch eine Obergrenze bei den Lehr-Deputaten verlangen?

 Die GEW, die Dienstleister-Gewerkschaft ver.di und das (hauptsächlich, aber nicht nur) aus Mittelbau-Mitarbeitern bestehende „Netzwerk für gute Arbeit in der Wissenschaft“ haben sich diese Woche zu einem kraftvollen Bündnis zusammengetan, um die Hochschulpolitik zum Umsteuern zu zwingen. Die Initiative hat den Schlachtruf „Frist ist Frust“ gewählt, und ihre wichtigste Forderung lautet: Die Bundesmilliarden aus dem Hochschulpakt-Nachfolgeprogramm soll es nur geben, wenn die Länder sich im Gegenzug verpflichten, das Geld vollständig für neue Dauerstellen einzusetzen. Erfüllen sie ihr Versprechen nicht, bekommen sie das nächste Mal Geld abgezogen.

Schluss mit der Prekarisierung der Hochschullehre

 Bund und Länder wollen sich bis Anfang Mai auf ein neues Vertragswerk einigen, das neben dem Erhalt der Studienplätze die Qualität der Hochschullehre in den Mittelpunkt stellt. Das ist ein dezidierter Unterschied zum bisherigen, 2007 erstmals geschlossenen Hochschulpakt, der dazu dienen sollte, ein vermeintlich vorübergehendes Hoch bei den Studierendenzahlen abzufangen. Doch gehen die Zahlen nicht mehr runter, zumindest nicht in dem Maß, und so hat der Bund den Ländern im GroKo-Koalitionsvertrag angekündigt: Die Milliarden gibt es auf Dauer, aber anders als bisher.

Jan-Martin Wiarda, Kolumnist.
Jan-Martin Wiarda, Kolumnist.Foto: Promo

Zu diesem „anders“, da hat „Frist ist Frust“ Recht, gehört zwangsläufig, mit der Prekarisierung der Hochschullehre aufzuhören. Denn gute Lehre fußt auch auf Dozenten, die Zeit hatten, in ihre Rolle hineinzuwachsen, und deren Aufmerksamkeit den Studierenden gilt und nicht den Sorgen um die nächste Vertragsverlängerung. Breite Unterstützung bis in die Hochschulleitungen hinein dürfte dem Bündnis insofern sicher sein.

 Allerdings gefährdet „Frist ist Frust“ diese Unterstützung mit seiner zweiten Forderung gleich wieder: Maximal acht Semesterwochenstunden solle das Lehrdeputat an Universitäten betragen, egal ob Professur oder Mittelbau. Was zum Beispiel Fachhochschulprofessoren, die von jeher 18 Stunden die Woche lehren, von so einem Vorstoß halten werden, kann man sich vorstellen.

Warum keine Stellen für Leute mit Lust auf Lehre?

 Richtig ist: Im internationalen Vergleich müssen deutsche Universitätsprofessoren ziemlich viel – zu viel – lehren, übrigens liegen die meisten bei neun, nicht acht SWS. Doch davon abgesehen: Wieso soll es daneben nicht auch Stellen geben dürfen für Wissenschaftler, die Lust haben, sich auf die Lehre zu konzentrieren? Könnten so die miesen Betreuungsrelationen nicht noch stärker verbessert werden? Nicht jeder kann, nicht jede will eine Karriere als Forscher machen. Muss er oder sie darum weg von der Uni?

 Der Abwehrreflex gegen die Etablierung vermeintlicher „Lehrknechte“ ist so alt wie der deswegen nie umgesetzte, deshalb aber nicht falsche Vorschlag des Wissenschaftsrates von 2007, Lehrprofessuren einzurichten. Dabei kann Lehre auch bei 12 oder 15 Wochenstunden noch „forschungsbasiert“ sein, selbst bei 18 Stunden bleibt, wie Oliver Günther, Präsident der Universität Potsdam, neulich vorgerechnet hat, noch einiges an Zeit für anderes.

Protest gegen 18 Stunden Lehrdeputat in Potsdam

 Günther hatte einen Grund für seine Rechenoperationen, die er in einen Brief an die Studierenden und Mitarbeiter gepackt hat. In Potsdam gibt es gerade viel Aufregung um einen Plan des Präsidiums, beim anstehenden Ausbau der Lehrerbildung neue (Dauer-)Stellen mit dem Schwerpunkt Lehre einzurichten. Mit – in der Tat happigen – 18 Semesterwochenstunden. Die Philosophische Fakultät weigerte sich per offenem Brief an Uni-Leitung und Landesregierung: Die Umsetzung der Pläne würde das „Ende der Philosophischen Fakultät als im besten Sinne des Wortes universitären Lehrinstitution“ bedeuten. Woraufhin eine Online-Petition gegen die 18 SWS startete, Günther zu rechnen anfing, und Solidaritätsadressen für die Philosophische Fakultät eingingen, unter anderem von, siehe oben, dem „Netzwerk für gute Arbeit“.

 Seien wir doch mal ehrlich: Stärker als an die Zahl der SWS hängt das Gelingen guter Lehre an der didaktischen Begeisterungsfähigkeit der Dozenten. Auch gibt es unter den Uniprofessoren viele, die nebenher hervorragende Forschung abliefern, und einige, von denen nichts kommt. Gar nichts. Trotz neun Stunden Lehrdeputat.

Der Autor ist Journalist für Bildung und lebt in Berlin. Auf seinem Blog www.jmwiarda.de kommentiert er aktuelle Ereignisse in Schulen und Hochschulen.

Anmerkung der Redaktion: An der Humboldt-Universität veranstaltet das Netzwerk für gute Arbeit in der Wissenschaft am heutigen Donnerstag, 7. März, gemeinsam mit der GEW und Verdi ein Expert*innen-Hearing zur Forderung nach einem "Entfristungspakt 2019" - von 13 bis 14.30 Uhr im Hauptgebäude Unter den Linden 6, Raum 2070 a. Und auf der Plattform openPetition haben die Initiatoren der "Frist ist Frust"-Kampagne eine Unterschriftensammlung gestartet (hier).

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