Kampf gegen resistente Erreger : WHO regelt den Antibiotika-Gebrauch neu

Immer mehr Bakterien sind gegen Antibiotika resistent. Jetzt hat die Weltgesundheitsorganisation die vorhandenen Mittel in drei Nutzungs-Kategorien eingeteilt.

Test zeigen, dass es weltweit immer mehr Bakterien gibt, deren Vermehrung mit bestimmten Antibiotika nicht mehr zu verhindern ist. Mit lebensgefährlichen Folgen für infizierte Patienten.
Test zeigen, dass es weltweit immer mehr Bakterien gibt, deren Vermehrung mit bestimmten Antibiotika nicht mehr zu verhindern ist....Foto: Daniel Karmann/dpa

Weltweit sind immer mehr Bakterienstämme resistent gegen Antibiotika, warnt die Weltgesundheitsorganisation WHO und spricht von "alarmierenden Ausmaßen". "Die Antibiotikaresistenz droht, 100 Jahre medizinischen Fortschritts zunichte zu machen", warnte WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus am Dienstag in Genf. Eine Lösung dafür zu finden sei eine der dringendsten Herausforderungen im Gesundheitsbereich. Deshalb teile die WHO die vorhandenen Antibiotika ab sofort in drei neue Kategorien ein. In der ersten Gruppe sind Mittel zusammengefasst, die bei ernsthaften Infektionen eingesetzt werden sollen. In der zweiten Kategorie werden jene genannt, die jedes Gesundheitssystem zwar vorhalten, aber nicht immer bei den gängigsten Infektionen verabreichen sollte. Und in der dritten Kategorie führt sie die Mittel auf, die nur als letzter Ausweg genutzt werden sollen.

Sparsamerer Gebrauch der lebensrettenden Arzneien angemahnt

In der ersten Kategorie seien vor allem keine Breitbandantibiotika aufgeführt, sondern Medikamente, die gegen spezifische Mikroorganismen wirken, so die WHO. Die Mittel der zweiten und dritten Kategorie müssten sparsamer eingesetzt werden. So könne das Risiko der Entwicklung von Resistenzen verringert werden.

In vielen Ländern werden nach WHO-Angaben mehr als die Hälfte der Antibiotika falsch eingesetzt. So bekämen Patienten Antibiotika bei Virusinfektionen, obwohl sie nur bakterielle Infektionen bekämpfen oder sie bekämen ein Breitband-Antibiotikum, wenn ein zielgerichteteres Medikament besser wäre. 

Besonders besorgniserregend sei die Ausbreitung von Keimen wie Acinetobacter, Escherichia coli und Klebsiella pneumoniae, die oft in Krankenhäusern zirkulierten. Sie könnten Lungenentzündung, Blutvergiftung und Wundinfektionen verursachen. 

Die WHO nennt das neue Klassifizierungssystem "AWaRe", was aus dem Englischen etwa mit "Aufpassen" übersetzt werden kann. Das A steht für Access oder Zugang und steht für die erste Kategorie. Wa steht für Watch oder "beobachten" und beschreibt die zweite Kategorie. Re steht für Reserve und bedeutet "zurückhalten", die dritte Kategorie.

Resistenzen entstehen zufällig, aber keineswegs selten

Von Antibiotikaresistenz sprechen Ärzte, wenn Patienten auf ein Antibiotikum nicht mehr reagieren, das heißt, wenn die Vermehrung krankmachenden Bakterien durch die Antibiotika nicht mehr verhindert werden kann. Resistenzen können sich entwickeln, wenn einige Bakterien aufgrund zufälliger Genmutationen oder Aufnahme fremden Genmaterials aus anderen Bakterien etwa plötzlich in der Lage sind, einen Antibiotika-Wirkstoff zu zerstören, etwa durch ein verändertes Enzym. Solche Bakterien überleben dann einem Antibiotikaeinsatz und vermehren sich ungehindert. Das Problem: Erst der Einsatz der Antibiotika gibt den mutierten, resistenten Bakterien die Chance, sich explosionsartig zu vermehren, denn das Mittel beseitigt die (nicht-resistente) bakterielle Konkurrenz. Deshalb ist ein sparsamer Antibiotikaeinsatz so wichtig.

Mit der Zeit können Bakterien Resistenzen gegen mehrere Mittel ansammeln, sie werden "multiresistent". Grundsätzlich lösen resistente Bakterien zwar keine stärkeren oder gefährlicheren Infektionserkrankungen aus. Allerdings sind infizierte Patienten (vor allem solche mit geschwächtem Immunsystem) besonders gefährdet, weil Ärzte mitunter erst zu spät erkennen, dass der Patient mit resistenten Bakterien befallen ist und welches Antibiotikum noch wirkt. Infektionen mit Bakterienstämmen, die allen Antibiotika widerstehen können, die zur Verfügung stehen, sind zwar noch selten, doch es gibt sie. Für solche Patienten gibt es dann oft kaum Heilungschancen. skb/dpa

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