• Lehren der Feigheit: "Es ist wichtiger, sich politisch zu aktivieren als ruhig Wissenschaft zu betreiben"

Lehren der Feigheit : "Es ist wichtiger, sich politisch zu aktivieren als ruhig Wissenschaft zu betreiben"

Ein Diskussionsabend anlässlich des Gründungsjubiläums des Neuen Forums mit Jens Reich, Pamela und Wolf Biermann gerät zum politischen Weckruf für Forscher.

Manifest. Pamela und Wolf Biermann sowie Jens Reich traten anlässlich des 30. Jubiläums der Gründung des Neuen Forums im Berliner Institut für Medizinische Systembiologie auf.
Manifest. Pamela und Wolf Biermann sowie Jens Reich traten anlässlich des 30. Jubiläums der Gründung des Neuen Forums im Berliner...Foto: David Ausserhofer/MDC

Was kann dabei schon herauskommen: eine Veranstaltung mit dem in Berlin so oft bemühten Titelmotiv „Breaking Boundaries“ in einem jungen, noch kaum bekannten Molekularbiologie-Institut mit den zwei umso berühmteren, sich selbst als „Greise“ bezeichnenden Wolf Biermann und Jens Reich, die über ihre Zeit in der DDR und danach sinnieren?

Nichts – könnte man annehmen. Schließlich ist die DDR längst Geschichte, „der Drache tot“, gegen den Biermann singend und Reich mit Gründung des Neuen Forums vor genau 30 Jahren – erfolgreich – kämpften. Da hilft auch die Symbolik nicht, dass das Bio-Institut auf dem Gelände der ehemaligen Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in der DDR in der Hannoverschen Straße und in unmittelbarer Nähe von Biermanns ehemaliger, von der Stasi ununterbrochen überwachten Wohnung in der Chausseestraße 131 liegt.

Fridays for Future "nicht allein lassen"

Alles – werden die sagen, die am Montag im Institut für Medizinische Systembiologie anwesend waren. Denn was Jens Reich und Wolf Biermann an diesem Abend mit erschütternder Offenheit über Feigheit und Mut, über Ängste und Gefahren, Hoffnung und Hoffnungslosigkeit in der politischen Auseinandersetzung mit dem DDR-Regime sagten oder sangen, war alles andere als nur ein Blick zurück. Es war ein Aufruf an die Wissenschaftler, aus den Fehlern dieser Vergangenheit zu lernen, zu verstehen, „dass man in politische Umstände geraten kann, in denen es wichtiger ist, sich politisch zu aktivieren als weiterhin ruhig seine Wissenschaft zu betreiben“, so Reich in seiner Rede. Die protestierenden Freitags-Schüler dürften nicht allein gelassen werden, Forscher müssten die Verantwortung übernehmen, „ohne hysterischen Alarm aber auch ohne stille Resignation die gefährlich drohende Krise des Planeten darzustellen und Handlungen entwickeln zu helfen, wie man die Gefahr eindämmen kann.“

Zuvor war der ehemalige Bürgerrechtler hart mit sich selbst ins Gericht gegangen. Hatte geschildert, wie Biermanns schonungslos offene Kritik am Regime und an der angepasst schweigenden Mehrheit („mindestens 80 Prozent der Bevölkerung“) für ihn ein „Schock“ war und wie er trotz innerer Zustimmung davor zurückschreckte, ihn in der Chausseestraße auch nur zu besuchen. Und er beschrieb, wie er eine Einladung des Naturwissenschaftlers und Dissidenten Robert Havemann ausschlug, als dieser bereits Hausarrest in seinem Bungalow in Grünheide fristete: „ein Impuls der Vorsicht oder auch der Feigheit“, eine Entscheidung, mit der er sich „aus pragmatischen Gründen der Verantwortung des Wissenschaftlers zu Wahrheit und kollegialer Solidarität verweigert“ habe.

Entschlossenheit, den politischen Diskurs nicht anderen zu überlassen

Reich habe „unglaublich tapfer über die eigene Feigheit gesprochen“, sagte Wolf Biermann dazu. Und gestand selbst ein, Angst gehabt zu haben. „Nur Idioten haben keine Angst.“ Für ihn sei jedoch entscheidend gewesen zu wissen: „Habe ich die Angst oder hat die Angst mich?“ Die Antwort Biermanns, in gewissem Maße geschützt durch seine Prominenz, waren offene und ungeschminkte Texte gegen das bürokratisch-diktatorische DDR-Regime.

Diese Dimension von Angst, oder ihre Überwindung in Form von Mut, muss heute niemand mehr aufbringen, wenn er sich politisch äußert. „Heute leben wir in einer völlig neuen Welt“, sagte Reich. Als Naturwissenschaftler könne er sich jederzeit zu den wichtigen Fragen der Zukunft äußern, ohne Risiko ein, verhaftet zu werden. „Trotzdem gehört Entschlossenheit dazu“, denn es sei „einfach, den notwendigen öffentlich hörbaren politischen Kommentar gerade dort, wo es auf sorgfältig erworbene Kompetenz als Naturwissenschaftler ankommt, anderen zu überlassen.“ Die Diagnose sei klar: Homo sapiens überlaste die Trag- und Stressfähigkeit der Biosphäre dieses Planeten: „Vermüllung von Land und Ozeanen, Ausbeutung von Grund- und Trinkwasser-Ressourcen sowie Rohstoffen, Intensivlandwirtschaft, Massentierhaltung, Bodenerosion, schwindende Artenvielfalt, polare Eisschmelze und Auftauen von riesigen Permafrostgebieten, Umkippen unverzichtbarer terrestrischer und mariner Ökosysteme wie Tropenwald und Korallenriffe“ – das alles steuere auf einen Notstand zu, den zu bezweifeln nichts mehr mit freiem politischen Meinungsstreit zu tun habe.

Während Reich, Biermann und anderen in der DDR die Handlungsfreiheit als Staatsbürger vorenthalten wurde, sei sie heute jedem gegeben. Sie zu nutzen, sei auch eine Verantwortung. Wie als Antwort auf das verbreitete Zögern der Forschergilde, sich der politischen Diskussion zu stellen, öffentlich für faktenorientierte Debatten einzutreten und womöglich dafür Abstriche bei der eigenen wissenschaftlichen Karriere machen zu müssen, sang Biermann, der mit seiner Frau Pamela auftrat, sein „Selbstporträt an Reiner Kunze“: „Ach du, ach das ist dumm: Wer sich nicht in Gefahr begibt, kommt darin um.“

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