Neue Therapien : Medikamententests mit Kindern nützen auch Erwachsenen

Kranke Neugeborene mit Arzneimitteln zu behandeln, die nur an 40-Jährigen getestet wurden – noch immer bleibt Ärzten oft keine Wahl.

Dosis und Wirkung. Kinder reagieren auf Arzneien oft anders als Erwachsene.
Dosis und Wirkung. Kinder reagieren auf Arzneien oft anders als Erwachsene.Foto: Imago/Antoine Arraou

Kinder mit Arzneimitteln zu behandeln, ist eine Wissenschaft für sich. Viele Medikamente sind für Menschen, die sich im Wachstum befinden, schlicht nicht geeignet. Andere wirken bei ihnen aufgrund der anderen Zusammensetzung des jungen Organismus stärker oder schwächer. Die langjährige Forderung, kranke Kinder nicht mehr einfach als kleine Erwachsene zu behandeln, hat im Jahr 2007 zur EU-Verordnung für Kinderarzneimittel geführt. Neue Medikamente werden seitdem auch an Heranwachsenden erprobt und das Sortiment an geprüften Arzneimitteln für Kinder und Jugendliche wächst. Gut so.

Allerdings hapert es nach wie vor an gesonderten Nachzulassungen älterer Mittel für Kinder. In mehr als der Hälfte aller Fälle müssen Ärzte deshalb zu Medikamenten greifen, die nur für Erwachsene zugelassen sind – etwa bei der Behandlung erkrankter Neugeborener, sagte der Neonatologe Wolfgang Göpel vom Uniklinikum Schleswig-Holstein beim Symposium „Arzneimitteltherapie bei Kindern und Jugendlichen“, das die Paul-Martini-Stiftung und die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina kürzlich in Berlin veranstalteten.

Umso wichtiger ist es, den weiteren Werdegang der so behandelten Babys zu begleiten – vor allem den der Frühgeborenen. Heute überleben fast 90 Prozent der Kinder, die bei der Geburt weniger als ein Kilogramm gewogen haben. „Sich allein am Überleben zu orientieren, ist allerdings eine echte Gefahr“, gab Göpel zu bedenken. Man denke dann zu leicht, dass die Medikamente, die den ganz Kleinen über die kritische Phase geholfen haben, sicher sind.

Unter Federführung der Lübecker Neugeborenen-Mediziner und mit finanzieller Unterstützung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung wurde im Jahr 2009 das Deutsche Frühgeborenen-Netzwerk GNN (German Neonatal Network) aufgebaut. Mehr als 20.000 Kinder mit unter 1500 Gramm Geburtsgewicht aus mehr als 50 deutschen Kliniken sollen so über zwölf Jahre medizinisch und psychologisch begleitet werden.

Koffein wirkt positiv, Dexamethason negativ auf den IQ

Nur solche Studien, in denen Kinder über Jahre begleitet werden, können zeigen, wie sich Behandlungen dauerhaft auswirken. „Solche Kohortenstudien leisten einen Beitrag zur Arzneimittelsicherheit“, betonte Göpel. Im Rahmen des GNN werden die Kinder vom Lübecker Team mit fünf Jahren einem standardisierten Test unterzogen, der die unterschiedlichsten Aufgaben aus den Bereichen Körperkraft, körperliche Geschicklichkeit und kognitive Entwicklung umfasst. Auf diese Art hat sich herausgestellt, dass der bei Frühgeborenen häufig eingesetzte Wirkstoff Koffein einen positiven Effekt auf den Intelligenzquotienten zu haben scheint, der ebenfalls häufig verwendete Wirkstoff Dexamethason dagegen eher einen negativen.

In anderer Hinsicht sind Kinder aber doch in höherem Maße „kleine Erwachsene“, als man bisher annahm. Nämlich was den Einfluss bestimmter genetischer Veränderungen betrifft. Ein Beispiel sind genetische Varianten im APOE-Gen, die bei Erwachsenen ein Risikofaktor für Hirnblutungen und Alzheimer sind. Sie treten auch bei Frühgeborenen mit Hirnblutungen gehäuft auf. Daten, die aus Medikamentenstudien mit Neugeborenen stammen, sind Göpels Ansicht nach deshalb höchstwahrscheinlich auch für Erwachsene von Nutzen, die Träger des Risiko-Gens sind.

Im Unterschied zu den Erwachsenen bekommen Frühgeborene die Blutungen in den ersten 72 Stunden ihres Lebens: Wegen dieses engen Zeitfensters ist es wesentlich leichter, die Wirkung von Medikamenten zu testen, die zur Vorbeugung eingesetzt werden. Hier könnten die „Großen“ also von der Forschung mit den Allerkleinsten profitieren.

Neueste Krebstherapie zuerst bei Kindern erfolgreich

Als großes Vorbild für die Erwachsenenmedizin gilt schon seit Jahren die Kinderonkologie und Hämatologie. Über 90 Prozent der Kinder werden im Rahmen von Studien behandelt. Bei der häufigen Akuten Lymphatischen Leukämie (ALL) verzeichnen die pädiatrischen Onkologen Heilungsraten, von denen man in der Erwachsenenmedizin nur träumen kann. Nach wie vor überlebt aber nur eine Minderheit der Kinder, die kurz nach der Behandlung einer ALL einen Rückfall erleiden, wie Tobias Feuchtinger vom Dr. von Haunerschen Kinderspital des Uniklinikums München berichtete. Hier setzen die Mediziner Hoffnungen in neue Strategien zur Immuntherapie. Etwa mit synthetischen Molekülen, die die körpereigene Abwehr dazu zwingen, sich gegen die Tumorzellen mit bestimmten Oberflächenmerkmalen zu richten.

Zudem ist jetzt die „CAR-T“-Zelltherapie zugelassen, ein „lebendes individualisiertes Arzneimittel“, sagte Feuchtinger. Dafür werden Immunzellen des Patienten isoliert und genetisch verändert. Danach tragen sie besondere „Antennen“ für Krebszellen auf ihrer Oberfläche, die chimären Antigen-Rezeptoren (CAR). Die so entstandenen Abwehrzellen werden den Erkrankten per Infusion zurückgegeben, vermehren sich im Körper und bekämpfen erfolgreich den Krebs.

Anders als üblich wurde die CAR-T-Zelltherapie zuerst für schwer kranke Kinder und Jugendliche zugelassen, erst dann für Erwachsene, sagte Jörg Dötsch von der Uniklinik Köln: „Die Pädiatrie, die lange Zeit darauf angewiesen war, ursprünglich für Erwachsene entwickelte Therapien zu übernehmen, wird zunehmend zu einem Impulsgeber auch für andere medizinische Gebiete.“ Pädiater seien selbstbewusster geworden und trieben Innovationen mit voran.

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