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Kreativität: So werden Sie kreativer - 10 Tipps

Kreativität ist nicht nur etwas für Künstler und Genies, sondern in jedem Gehirn angelegt. Sie hervorzulocken, ist Handwerk – ganz und gar unabhängig vom Kuss einer kapriziösen Muse. Die zehn wirksamsten Strategien.

Kreativ – das ist man oder ist es nicht, so lautet ein Klischee. Demnach besteht die Welt aus den „Kreativen“ einerseits, den Künstlern und Genies. Auf der anderen Seite gibt es den ganzen Rest, uns, die „Nichtkreativen“. Aus dieser Sicht ist Kreativität eine Eigenschaft, die man entweder hat oder nicht, und wenn man sie nicht hat, tja, dann kann man es bleiben lassen mit der fantasiereichen Arbeit und lieber eine Karriere als Schweinezüchter anstreben.

So verbreitet diese Vorstellung sein mag, sie ist falsch. In den letzten Jahren offenbarten zahlreiche Untersuchungen, dass Kreativität in jedem Gehirn angelegt ist. Man muss sie jedoch hervorzulocken wissen. Ich habe die vergangenen zwei Jahre damit verbracht, Hunderte von Studien zum Thema auszuwerten, ich bin zu den Forschungslabors gepilgert, habe mit Kognitionspsychologen und Hirnforschern diskutiert, und habe einige der Experimente im Selbstversuch mitgemacht, um am eigenen Leib zu erleben, was wirkt und was nicht. Hier sind die zehn wichtigsten Strategien, die Ihren Geist anregen werden:

KONFRONTIEREN SIE IHR GEHIRN MIT ETWAS UNGEWÖHNLICHEM

Meine erste Station war das Virtual-Reality-Labor der Universität Nimwegen an der deutsch-niederländischen Grenze. Dort bekommt man eine Datenbrille aufgesetzt, die einen in eine dreidimensionale Simulation der Uni-Cafeteria versetzt. Es ist, als würde man in eine zweite Realität eintauchen. In dieser Cafeteria geschahen merkwürdige Sachen. Wurde eine Flasche umgestoßen, stieg sie in die Luft. Oder man fegte wie mit Riesenschritten durch den Raum. Ein bisschen wie bei Alice im Wunderland.

Eine Hälfte der Testpersonen erlebte diese Cafeteria so wie ich. Die andere Hälfte fand sich in einer Cafeteria wieder, in der sich alles so verhielt, wie man das erwartet. Unmittelbar nach dem virtuellen Ausflug mussten die Teilnehmer die Frage beantworten: Was macht Geräusche? Binnen zwei Minuten sollten sie so viele Beispiele wie möglich nennen. Zwei unabhängige Gutachter – die nicht wussten, wer welche Cafeteria-Version erlebt hatte – werteten die Antworten aus.

Die Teilnehmer, deren Denken zuvor von der bizarren Cafeteria angeregt worden war, schnitten erheblich besser ab. Ihre Beispiele blieben nicht auf wenige Kategorien beschränkt (Auto, Bus, Flugzeug und Motorrad zum Beispiel wären allesamt Krachmacher aus der Kategorie Verkehrsmittel), sondern waren, verglichen mit denen der Kontrollgruppe, vielfältiger. So kamen die Testpersonen beispielsweise darauf, dass Insekten Geräusche von sich geben können, ebenso wie eine Uhr, fließendes Wasser oder Töpfe, die gegeneinander stoßen. Das ungewohnte Cafeteria-Erlebnis hatte ihre Fantasie entfesselt.

Was heißt das für die Praxis? Um Ihre kreativen Kräfte zu wecken, müssen Sie regelmäßig aus der Alltagsroutine ausbrechen. Fahren Sie einen anderen Weg zur Arbeit. Lesen Sie eine Zeitung, die Sie sonst nicht lesen würden. Besuchen Sie ein exotisches Restaurant und schockieren Sie Ihre Geschmacksnerven. Öffnen Sie sich für das Andere, das Ungewohnte.

GEHEN SIE INS AUSLAND

Es gibt eine Situation, in der Sie praktisch wie von selbst Ungewohntes erleben – im Ausland. In der Fremde brauchen Sie nur vor die Tür zu gehen, und schon werden Ihre Wahrnehmung und Ihr Denken stimuliert. Menschen, die länger im Ausland gelebt haben, schneiden in diversen Kreativitätstests besser ab. Das zeigte unter anderem eine Untersuchung des Psychologen Adam Galinsky von der Columbia-Universität in New York: Die Chance, dass jemand das „Kerzenproblem“ löst, steigt mit der Anzahl der Monate, die diese Person im Ausland verbracht hat.

Kreativitätstest. Die Kerze muss an die Wand - aber wie?

© Abb.: Schiller Design Frankfurt/Andreas Berger

LERNEN SIE EINE FREMDSPRACHE

Ein Auslandsaufenthalt bringt oft einen weiteren Bonus: Wir lernen eine Fremdsprache. Und da die Sprache unser Denken beeinflusst, kann sie es ebenfalls lockern. Ein Beispiel dafür liefert die russisch-amerikanische Linguistin Lera Boroditsky von der Universität von Kalifornien in San Diego. Welche Adjektive fallen Ihnen zum Wort „Brücke“ ein? Stellt man deutschen Muttersprachlern diese Frage, nennen sie auffallend häufig Wörter, wie schön, elegant, zierlich, friedlich, hübsch, schlank. Fällt Ihnen etwas auf? Es ist eine Liste von stereotyp weiblichen Assoziationen.

Bei spanischen Muttersprachlern klingen die Adjektive eher so: groß, gefährlich, lang, kräftig. Alles männlich. Woher rührt der Unterschied? Nun, im Deutschen ist die Brücke grammatikalisch weiblich, im Spanischen männlich (el puente). Wie die Forscherin Boroditsky nachweisen konnte, steuert die Sprache unsere Fantasie in eine vorbestimmte Richtung. Bei mehrsprachigen Menschen, die beispielsweise sowohl Deutsch als auch Spanisch sprechen, erweisen sich die Assoziationen dagegen als durchmischter. Die zweite Sprache hat ihre Einfälle von der Fessel der Muttersprache befreit.

PFLEGEN SIE EINEN MÖGLICHST BUNTEN BEKANNTENKREIS

Wer Kontakte zu Menschen hat, die nicht ganz so ticken wie man selbst, Menschen mit anderen Berufen und Hintergründen, darf ebenfalls mit einem Kreativitätsschub rechnen. Eine Untersuchung, die für dieses Prinzip spricht, stammt von dem Soziologen Ronald Burt der Universität Chicago. Er hatte einst die Chance, die Arbeitsprozesse des US-amerikanischen Elektronikkonzerns Raytheon, der aus insgesamt mehr als 60 000 Mitarbeitern besteht, zu studieren. Er legte gut 670 Managern die Frage vor, wie man die Vorgänge in ihrem Arbeitsbereich verbessern könnte. Zwei Top-Manager benoteten anschließend sämtliche Ideen. Nicht alle Mitarbeiter kamen gleichermaßen gut weg – manche erhielten schwache, andere gute Noten.

Die Bandbreite der sozialen Kontakte erwies sich als ausschlaggebende Inspirationsformel. Besonders die Manager, die sich über ihre eigene Arbeitsgruppe hinaus regelmäßig mit Kollegen aus anderen Abteilungen des Unternehmens austauschten, hatten auffallend oft die besten Einfälle. Soziale Vielfalt, egal ob im Beruf oder privat, erhöht die Bandbreite der Erfahrungen, mit denen wir in Berührung kommen. Die Vielfalt stimuliert, sie regt uns zu neuem Denken an.

Brainstorming? Vergessen Sie's!

ENTSPANNEN, LOSLASSEN UND DIE AUFMERKSAMKEIT ERWEITERN

Wer vor einem vertrackten Problem steht, der macht oft folgendes: Er braut sich noch einen Kaffee, klemmt sich an seinen Schreibtisch, strengt sich an und versucht, sich auf das Problem zu konzentrieren. In vielen Fällen ist das zweifellos die richtige Strategie. Gewisse Herausforderungen aber profitieren nicht von Konzentration. Eine in der Forschung viel verwendete Kreativaufgabe ist der „Wortassoziationstest“. Man soll das vierte Wort finden, das sich sinnvoll mit den drei vorgegebenen Wörtern verbinden lässt, Beispiel: Fieber, Versicherung, Welt.

Die Antwort lautet Reise (Reisefieber, Reiseversicherung, Weltreise)

Der Punkt ist, dass Sie die weitläufige Assoziation aufspüren müssen, die trotzdem zu allen Wörtern passt (die erste Assoziation zum Wort „Fieber“ ist ja nicht unbedingt Reise). In einem Versuch der Kognitionspsychologin Jennifer Wiley von der Universität von Illinois in Chicago zeigte sich, dass dies beschwipsten Testpersonen leichter fällt. Studenten, die einen Wodka-Cranberry-Cocktail intus hatten, lösten nicht nur knapp 40 Prozent mehr Wortaufgaben, sie fanden – obwohl Alkohol die Reaktionsgeschwindigkeit im Allgemeinen senkt – das vierte Wort auch schneller als eine nüchtern gebliebene Kontrollgruppe. Alkohol verringert das Konzentrationsvermögen, wodurch die Aufmerksamkeit „erweitert“ wird und uns entfernte Assoziationen eher einfallen. (Es geht um einen leichten Schwips, nicht um Volltrunkenheit!)

Übrigens kann man die Aufmerksamkeit auch leberschonend erweitern, zum Beispiel mit Hilfe von Meditation. Ich selbst habe an der Universität Leiden eine Meditationssitzung mitgemacht und schnitt danach in Kreativitätstests weitaus besser ab als zuvor – ein Effekt, der inzwischen in mehreren Untersuchungen bestätigt werden konnte.

FOLGEN SIE EINER ARBEITSROUTINE MIT FESTVERANKERTEN PAUSEN

Wir verbinden Kreativität häufig mit Spontanität. Die Muse küsst uns, wann sie will, nicht wann wir wollen. Beobachtet man jedoch die Arbeitsgepflogenheiten von Künstlern, Schriftstellern, Regisseuren, einfallsreichen Philosophen und Wissenschaftlern, so zeigt sich: Die wenigsten von ihnen warten darauf, dass eine Muse vorbeigeflogen kommt.

Stattdessen ist bei den allermeisten der Arbeitstag sehr ritualisiert – häufig unterbrochen oder gefolgt von einer entspannenden „Pause“, die, und das ist entscheidend, als Teil der Arbeit verstanden wird. Der britische Romancier Charles Dickens beispielsweise saß jeden Tag um punkt 9 am Arbeitstisch und schrieb bis exakt 14 Uhr. Danach brach er zu einem dreistündigen Spaziergang auf, währenddessen der Schriftsteller in gelockertem Denkmodus weiter an seinen Romanen arbeitete.

BRAINSTORMING WIRKT (MEIST) NICHT

Egal, ob es sich um ein iPhone, ein Medikament oder ein Forschungsprojekt handelt: Neue Erfindungen und Entdeckungen entstehen heutzutage nur noch selten im einzelnen Kopf, sie sind nahezu immer eine Teamleistung. Was die Frage aufwirft, wie man im Team auf neue Ideen kommt. Die Standardantwort: Brainstorming! Dutzende von Studien der vergangenen Jahrzehnte jedoch haben nachgewiesen, dass solche Sitzungen nicht sonderlich effektiv sind. Menschen kommen alleine meist auf mehr und bessere Ideen als in der Gruppe. Es gibt nur wenige Spezialbedingungen, unter denen das gemeinsame Brainstorming produktiv wird. Vor allem hilft es, wenn ein Moderator anwesend ist, der für einen ausgewogenen Gedankenaustausch der Mitglieder sorgt. Der Moderator liefert selbst keine Ideen, sondern motiviert die Gruppe, sorgt dafür, dass schweigsamere Mitglieder ins Spiel gebracht werden und fördert so den Ideenaustausch.

Oft vergessen: Das Umfeld trägt zur Kreativität bei - oder auch nicht

FREUDE AM AUSTAUSCH IST IN GRUPPEN ENTSCHEIDEND

Der zwischenmenschliche Austausch hat sich als der entscheidende Erfolgsfaktor der Gruppenkreativität herausgestellt. Für eine Studie, erschienen im Fachmagazin „Science“, mussten knapp 700 Versuchsteilnehmer zunächst individuell einen IQ-Test absolvieren. Danach wurden sie in Gruppen von zwei bis fünf Mitgliedern eingeteilt. Jetzt bekamen sie noch einmal IQ-Aufgaben, die sie nun allerdings in der Gruppe lösen sollten. Außerdem wurden die Teams mit vielen weiteren Kreativtests und Knobelaufgaben konfrontiert.

Es stellte sich heraus, dass manche Teams bei diesen Aufgaben generell recht gut abschnitten, während andere schwächelten. Erstaunlicherweise spielte der IQ der Einzelnen dabei kaum eine Rolle, weder der Durchschnitts-IQ der Mitglieder noch ein „Genie“ mit außergewöhnlich hohem IQ machte eine Gruppe klug und kreativ. Entscheidend war vielmehr die Gruppendynamik. In einigen Gruppen kam keine Diskussion in Gang, ein Mitglied dominierte die Runde, der Austausch blieb gering. Oft handelte es sich dabei um reine Männerrunden. Je mehr Frauen dazu stießen, desto lebhafter wurde der Austausch, und damit stieg die Leistung. Ausschlaggebend war aber letztlich nicht das Geschlecht, sondern die Interaktion. Verhielten sich Männer ebenso sozial feinfühlig, brachten auch sie die Gruppenleistung in Schwung. Fazit: Erst ein reger Austausch macht eine Gruppe zu einem kreativen Team, das mehr ist als die Summe der Einzelnen.

AUCH DAS GEBÄUDE SPIELT EINE ROLLE

Ein häufig übersehener Faktor, der den Austausch einer Arbeitsgruppe hemmen oder fördern kann, ist das Gebäude, in dem sie tätig ist. Als Faustregel gilt hier: Räumliche Nähe hilft beim Austausch, während große Entfernungen und insbesondere auch Etagen ausgesprochene Kommunikationskiller sind. Das soll kein Plädoyer für laute, stressige Großraumbüros sein. Wenn aber viele Mitarbeiter über Einzelbüros verfügen, sollte es zusätzlich gemeinsame Räume geben, in die es die Mitarbeiter immer wieder lockt, wo man sich spontan trifft, wie zum Beispiel eine gemeinsame Kaffeeküche oder entspannende Bereiche mit Pingpongtischen.

ENTDECKEN SIE IHR TALENT – DANN FOLGT DER SCHWEISSFAKTOR

Kreativität ist keine generelle, sondern eine meist spezifische, „disziplingebundene“ Fähigkeit. Wir können nicht in jedem Bereich kreativ sein. Die wichtigste Voraussetzung besteht vielmehr darin, die eigenen Talente richtig einzuschätzen und systematisch auszubilden. In der Forschung spricht man von der „Zehn-Jahres-Regel“. Im Schnitt bedarf es rund zehn Jahre intensiver Einarbeitung und Übung, um es in einem Feld zur kreativen Könnerschaft zu bringen. Das freilich wusste schon der große Erfinder Thomas Alva Edison, als er seine berühmte Weisheit festhielt: „Genie ist ein Prozent Inspiration und 99 Prozent Transpiration.“

Die Strategien entstammen dem Buch „Und plötzlich macht es Klick!“ (S. Fischer, 19,95 Euro) von Bas Kast. Am Montag, den 2. März, um 19.30 Uhr, wird er es in der Berliner Urania vorstellen (An der Urania 17, 10787 Berlin).

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