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Von vorn beginnen. Die Nachfrage nach Alphabetisierungskursen ist groß. Eine Werbekampagne soll noch mehr Menschen motivieren.

© dapd

Analphabeten: Wie Erwachsene wieder lesen lernen

Viele Menschen in Deutschland können nicht richtig lesen und schreiben. Neue Initiativen sollen ihnen helfen. Die mangelnde Grundbildung von Erwachsenen wird das zentrale Zukunftsthema der Bildungspolitik.

Ein ganz normaler Morgen in Berlin, auf einem beliebigen S-Bahnsteig: Die Leute tragen Zeitungen unter dem Arm, bleiben vor Werbeplakaten stehen oder tippen SMS in ihre Handys. Schwer zu glauben, dass jeder Siebte auf dem Bahnsteig weder richtig lesen noch schreiben kann – sondern Analphabet ist.

Und doch hat die große „Level-One-Studie (Leo)“, die im vergangenen Jahr veröffentlicht wurde, genau das gezeigt: 14,5 Prozent der 18- bis 64-Jährigen in Deutschland können weder richtig lesen noch zusammenhängende Texte schreiben. Sie sind funktionale Analphabeten. Das heißt, sie können höchstens einige Wörter lesend erkennen und allenfalls kurze, rudimentäre Sätze schreiben. Schriftliche Arbeitsanweisungen, Gebrauchsanleitungen, selbst Fahrpläne können sie nicht entziffern, von Zeitungsartikeln oder Büchern ganz zu schweigen. – 14,5 Prozent der erwerbsfähigen Erwachsenen: das sind 7,5 Millionen Menschen. „Ein gesellschafts- und bildungspolitischer Skandal erster Güte“, findet Ernst Dieter Rossmann, bildungspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion.

Am heutigen Mittwoch treffen sich im Bundestag Bildungsexperten verschiedener Institutionen, um zu beraten, wie die Alphabetisierung der funktionalen Analphabeten im Erwachsenenalter vorangebracht werden kann. Mit dabei ist Anke Grotlüschen, Professorin für Lebenslanges Lernen an der Universität Hamburg und Mitverfasserin der Leo-Studie. Sie sagt: „In den vergangenen zehn Jahren, im Anschluss an die Pisa-Studie, galt alle Aufmerksamkeit den Lesekompetenzen der Schüler. Jetzt wird es Zeit, sich den Älteren zu widmen.“ Spätestens in zwei Jahren, wenn die Ergebnisse der internationalen PIAAC-Untersuchung (Programme for the International Assessment of Adult Competencies) veröffentlicht werden, werde es zu einem „Paradigmenwechsel in der Bildungspolitik“ kommen: weg von der Schülerzentrierung, hin zu Strategien, um Erwachsene zu alphabetisieren und sie in ihrer Grundbildung zu unterstützen.

Unter den Analphabeten sind viele, die noch zu Schulzeiten leidlich lesen konnten, es aber aus Mangel an Übung später verlernt haben – nicht anders als es Menschen geht, deren Lateinkenntnisse nach der Schule stark verblassen. Darum liegt der Anteil der funktionalen Analphabeten von Menschen über 29 Jahre höher als in den Altersgruppen darunter. Immerhin 58 Prozent der funktionalen Analphabeten haben Deutsch als Muttersprache, drei Viertel haben die deutsche Staatsangehörigkeit.

57 Prozent der funktionalen Analphabeten gehen einem regelmäßigen Beruf nach

Im vergangenen Dezember haben Bund und Länder eine „nationale Strategie“ angekündigt, mit der sie den funktionalen Analphabetismus unter Erwachsenen bekämpfen wollen. Schon auf dem Weltbildungsforum der Unesco im Jahr 2000 hat Deutschland sich wie andere Länder auch verpflichtet, die Zahl seiner Analphabeten bis zum Jahr 2015 zu halbieren. Insgesamt 20 Millionen Euro sollen nun fließen, um die Forschung zur Alphabetisierung zu fördern, Unternehmen für das Thema zu sensibilisieren, Kurse an Arbeitsplätzen einzurichten und eine Werbekampagne im Radio und Fernsehen zu starten. Denn sehr viele Analphabeten wissen gar nicht, welche Möglichkeiten zum Lesen- und Schreibenlernen es für sie gibt. Kein Wunder: In den seltensten Fällen kommen Infoblätter oder Werbeplakate ohne Schrift aus.

Ernst Dieter Rossmann fordert deshalb, die Informationskampagne viel breiter anzulegen. Er verweist darauf, dass knapp 57 Prozent der funktionalen Analphabeten einem regelmäßigen Beruf nachgehen. „Die Arbeitgeber und Betriebsräte müssen über das Problem Bescheid wissen und dann über die Möglichkeiten zur Alphabetisierung informieren.“

Eine erste Anlaufstelle für Lernwillige bietet bereits die Internetseite www.ich-will-lernen.de des Volkshochschulverbandes, auf der viele Lernaufgaben vorgelesen werden. Einige Texte muss der Benutzer allerdings selbst lesen. Seit 2004 haben sich fast 360.000 Menschen für die Kurse auf der Seite interessiert. In die Alphabetisierungskurse der Volkshochschulen kommen jährlich bis zu 30.000 Teilnehmer.

Um die Kosten für die Werbung bezahlen zu können und im Anschluss genügend Plätze in Kursen anbieten zu können, sieht Rossmann Bedarf für ein Paket, das mindestens 100 Millionen Euro von Bund und Ländern umfasst. Im Mai war die SPD-Fraktion selbst dabei noch von 20 Millionen Euro Bundesmitteln jährlich als Einstieg für eine Alphabetisierungskampagne ausgegangen, jetzt sagt Rossmann über die Initiative der Bundesregierung: „Das ist zwar ein Anfang. Aber ein magerer.“ Seine Fraktion habe erkannt, dass es größerer Investitionen bedürfe.

Dass eine bessere finanzielle Ausstattung in der Erwachsenenbildung helfen kann, ist das Ergebnis einer Studie aus Großbritannien („Do learners learn?“, 2001): Sie belegt, dass Teilnehmer von Alphabetisierungskursen Lernfortschritte machen – wenn auch in langsamem Tempo. Anke Grotlüschen verweist aber auf die große Bedeutung, die schon kleine Entwicklungen bei Erwachsenen haben. Denn es gehe nicht nur um die Analphabeten selbst, sondern auch um deren Kinder. Beginnen die Eltern zu lesen und zu schreiben, steigen die Chancen der nächsten Generation, nicht auch Analphabeten zu werden. „Erfolg in der Schule hängt in Deutschland im extremen Maße von den Voraussetzungen im Elternhaus ab.“ Das sei der eigentliche bildungspolitische Skandal.

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