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Zahnmedizinstudierende üben an einem Modell.

© imago stock and people

"Psychische Körperverletzung": Zahnmedizin-Studierende beklagen Schikanen an der Uni

Die Zahntechnik gilt nach dem Numerus Clausus als "zweite große Hürde" im zahnmedizinischen Studium. Bundesweit gibt es Ärger mit Lehrenden.

Studierende berichten, sie würden als „dumm und faul“ bezeichnet. Betreuer vermittelten ihnen das Gefühl, „unerwünscht zu sein“. Dozenten wirkten „frustriert und unlustig“, den Studierenden etwas beizubringen. Solche Urteile finden sich auf dem Portal „Studycheck“ in der Zahnmedizin. Und das nicht nur für die Berliner Charité, wo Studienanfänger – wie zuletzt im Oktober berichtet – schwere Missstände beklagen. Verzweifelte Kommentare kommen ebenso aus den Uniklinika in Hannover und Bonn.

„Wenn solche Dinge bei der Bundeswehr passieren, schaltet sich der Wehrbeauftragte ein“, sagt ein Student aus Hannover am Telefon. Aus Angst vor Repressalien will er seinen Namen nicht in der Zeitung sehen, seine Aussagen erscheinen aber aufgrund großer Detailkenntnis zu Abläufen in der Vorklinik glaubhaft. Schikane gehöre zum Alltag, wehren könne man sich kaum, berichtet der Student. „Hier legen Sie demokratische Verhältnisse am Eingang ab, oder sie können nicht mehr studieren“, werde einem gesagt.

Dramatisch klingt auch der Bericht eines Charité-Studienanfängers, den dieser für die Studienberatung verfasst und dem Tagesspiegel zur Verfügung gestellt hat. Nach dem Technisch-Propädeutischen Kurs wirft der junge Mann seinen Dozenten „psychische Körperverletzung“ vor. Er leide unter „Panikattacken, Herzrasen und Schlafmangel“, nachdem etwa ein Professor für alle sichtbar Notizen zu falschen Antworten gemacht und im überfüllten Labor „ein komplettes Chaos“ geherrscht habe. „Man will aussieben und nicht ausbilden“, klagt der Abiturient.

Läuft etwas grundsätzlich falsch in der Zahnmedizin? Herrscht insbesondere in den zahntechnischen Praktika ein rauer Ton? Die Berichte lassen vermuten, dass Studierende, deren sehr gute Abiturnoten von Leistungsbereitschaft zeugen, durch hohe handwerkliche Anforderungen, ein enormes Pensum und wenig empathiebereite Lehrende vor den Kopf gestoßen werden. In einem Leserkommentar auf Tagesspiegel Online wird aber auch die „Hybris“ von Einserabiturienten kritisiert, die sich mehr zutrauten als sie dann leisteten.

Mutter und Zahnärztin empört sich über "erzieherische Maßnahmen"

Es beschweren sich allerdings ebenso aufgebrachte Eltern. Ein Prothetik-Professor an der Charité habe Studienanfängern im Labor erklärt, „sie seien nicht an der Uni, um zu lernen, sondern man wolle das Können überprüfen“, schreibt die Mutter eines Studenten an die Zeitung. Ihr Sohn habe seine Prüfungen bestanden, weil er bei einem Zahntechniker ausgiebig übt. Trotzdem ist die Frau, die angibt, Zahnärztin zu sein, empört über fragwürdige „erzieherische Maßnahmen“. So würden Arbeiten von Assistenten ohne Angaben von Gründen „immer wieder zurückgeschickt mit dem Auftrag: ,noch mal neu’“.

In der Zunft der Zahnärzte ist die Kritik an den Studienbedingungen nicht unbekannt. Die Vorklinik sei „ein ganz sensibles Feld“, sagt Christian Sternat, Studentenbeauftragter im Deutschen Zahnärzte-Verband. „Der Zeitdruck ist groß, der Anspruch ist hoch und neben dem medizinischen Studienfach schwierig.“ Bei Sternat klingt indes durch, was auch von anderen Zahnmedizinern zu hören ist: Leistungsdruck und Anspruch an handwerkliche Präzision seien zu Recht so hoch.

Zahnmediziner sehen Studium als harte, aber notwendige Übung

Zwar würde man im Berufsleben keinen bleibenden Zahnersatz anfertigen – das obliegt den Zahntechnikern. Doch Zahnärzte haften für das, was die Patienten am Ende im Mund haben. Sie müssen die Qualität der Prothetik beurteilen und individuell anpassen können. Auch der Praxisalltag sei überaus stressig, das Studium eine harte, aber notwendige Übung.

Trotzdem sei „die Kritik aus dem Studium heraus verständlich“, sagt Sternat. „Zahntechnik ist unsere große zweite Hürde nach dem Numerus Clausus.“ Dass viele Studienanfänger gerade im Labor Schwierigkeiten haben, überrascht auch Andreas Zenthöfer, Privatdozent an der Universität Heidelberg und Generalsekretär der Vereinigung der Hochschullehrer in der Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde, nicht. „Viele sind hochintelligent, aber das Studium verlangt ihnen auch große praktische Fähigkeiten ab.“ Häufig hätten Studienanfänger „dies aber nicht überprüft oder trainiert“.

"Es kostet viele Tränen, aber es härtet einen ab"

Den Eindruck von Studierenden, sie sollten bewusst herausgeprüft werden, weist Zenthöfer zurück. Vielerorts gebe es ein Malus-System bei der Mittelzuweisung durch die Unileitung, wenn die Quote der Durchfaller oder Abbrecher zu hoch sei. „Alles, was dauerhaft über eine Quote von 30 Prozent hinausgeht, ist zu viel.“ In Heidelberg liege sie in der Vorklinik bei durchschnittlich 15 Prozent. Es gebe aber Schwankungen je nach Leistungsstärke der Studierendenkohorte.

In Berlin wird zumindest für Teilprüfungen im zahntechnischen Phantomkurs von über 70 Prozent berichtet, die nicht bestehen. Am Ende des letzten Phantomkurses I habe die Quote bei 30 Prozent gelegen, hieß es. Gleichwohl ließ man wie im vergangenen Jahr eine zusätzliche Nachprüfung über die üblichen zwei Fehlversuche hinaus zu.

Handelt es sich bei den zahntechnischen Kursen womöglich um ein legitimes Instrument zur Auslese von Studienanfängern, die wegen fehlender Fingerfertigkeit oder Durchhaltevermögens im falschen Fach sind? Auch bei grundsätzlich positiven Kommentaren erfolgreicher Studierender - "Alles machbar!" "Gute Atmosphäre!" - klingt auf "Studycheck" vielfach Bedenkliches an: In Göttingen wird "eine etwas bedrückende Hierarchie" erlebt. Einer, der das Staatsexamen schon geschafft hat, schreibt: "Es kostet viele Tränen, aber es härtet einen ab." Das zwiespältige Urteil einer Studentin in Frankfurt am Main lautet: "Ein Kampf, der sich lohnt." Weiter schreibt sie: "Wenn da nicht die fiesen Ärzte wären, die die Vorklinik betreuen, die Arbeiten bewerten und da nicht immer ganz fair sind."

Für jeden Schritt ein Testat - das kann schikanierend wirken

Gibt es in der Zahnmedizin aufseiten der Lehrenden ein Problembewusstsein für die beklagten Missstände? „Ich weiß nicht, ob das Studium ,nett’ sein muss“, sagt Andreas Zenthöfer. Dass er und seine Kollegen im Labor „für jeden Schritt ein Testat erteilen“, könne durchaus „schikanierend wirken“. Doch im vergangenen Jahrzehnt habe sich in der Lehre vieles zum Besseren verändert. Die Lehrenden in Heidelberg müssten hochschuldidaktische Kurse absolvieren. Und mit den studentischen Evaluationen hätten die Studierenden „ein mächtiges Instrument“.

Prodekan der Charité spricht von "Problembewusstsein für die Situation"

Zahnmedizinstudierende üben an einem Modell.
Gefordert. Unter Zahnmedizinern herrscht die Auffassung, das Studium sei zu Recht hart – wie später der Beruf.

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„Selbstverständlich gibt es ein Problembewusstsein für die Situation“, teilt Charité-Prodekan Joachim Spranger auf Anfrage mit. Zu den „ergriffenen Maßnahmen“ gehörten eine Ombudsperson „als direkter, unabhängiger Ansprechpartner“ für Studierende, wöchentliche Treffen von Kurssprechern und -sprecherinnen mit den Lehrenden, ein neuer Studienausschuss sowie „schriftlich fixierte“ Anforderungen. Zur Orientierung würden weitere Filme hergestellt, die zeigen, wie die geforderten Arbeiten aussehen müssen.

Personalwechsel an der Spitze - und neue Anforderungen

Verbandsvertreter Zenthöfer sieht durchaus Unterschiede unter den 30 Zahnmedizinstandorten. Wenn an einigen wenigen von Verwerfungen und hohen Durchfallquoten die Rede sei, könne dies auf „Personalwechsel in der Führungsebene“ und damit einhergehende Veränderungen der vorklinischen Anforderungen „im Hinblick auf die Schwerpunkte im klinischen Studienabschnitt“ zurückgeführt werden.

In Berlin verbindet sich die Kritik mit dem Professor, der seit 2015 die Vorklinik leitet. 2016 hatte er von einer in den Vorjahren abgesunkenen Qualität der Lehre gesprochen. Er wolle „die Studierenden wieder an ein höheres Leistungsniveau“ heranführen.

Mit dem Leiter der vorklinischen Ausbildung habe man über Maßnahmen zur Verbesserung der Studienbedingungen besprochen, teilt der Prodekan auf die Frage nach Reaktionen auf den Beschwerdebrief des Studienanfängers mit. Von der Leiterin des Studienreferats seien dem Studierenden im Gespräch „alle bislang erfolgten Maßnahmen“ erläutert worden.

Hohe Kosten für die Studierenden - und für den Staat

Als belastend gelten auch die anfallenden Kosten. Für den Instrumentenkoffer, den Studierende von Beginn an aufbauen müssen, fallen mehrere Tausend Euro an. Zusammen mit selbst zu zahlenden Verbrauchsmaterialien können bis zum Ende des Studiums mehr als 10.000 Euro zusammenkommen. Zenthöfer verweist auf die hohen Kosten für einen Zahnmedizin-Studienplatz von über 100 000 Euro, die der Staat trägt, würde aber Beihilfen für finanzschwache Studierende begrüßen.

Was in der umstrittenen Zahntechnik „national übliche Anforderungen sind“, auf die sich die Berliner Zahnmedizin beruft, legt die zahnärztliche Approbationsordnung fest – allerdings nur für das Physikum. Hier müssen binnen sieben Tagen vier verschiedene Arbeiten hergestellt werden. Dies können Totalprothesen, Teilprothesen mit entsprechenden Klammern, Brücken sowie Kronen sein, die an Modellen eingesetzt werden.

Das erfordert zweifellos Übung, doch beim Umfang der Anforderungen in der Vorklinik gibt es große Spielräume. Dieser werde „überall deutlich reduziert zugunsten von Behandlungssituationen“, sagt Zenthöfer. „Wir möchten die Studierenden angesichts des straffen Lehrplans nicht mit weniger relevanten Sachen quälen, müssen ihnen aber nötige Fertigkeiten für den klinischen Studienabschnitt und das spätere Berufsleben vermitteln.“

Auch die Charité will Umfang der Arbeiten im Praktikum prüfen

Wird die Zahntechnik auch an der Charité reduziert? Dort werde „der Umfang der in den Praktika zu leistenden Arbeiten“ weiterhin überprüft, erklärt der Prodekan.

Nun soll eine neue Approbationsordnung (AO) kommen, die alte stammt von 1955. Zahnmedizin- und Medizinstudierende sollen in der Vorklinik bundesweit gemeinsam unterrichtet und der Anteil der Zahntechnik zu Studienbeginn etwa zugunsten der Krankenpflegepraxis auf die Anforderungen der aktuellen zahnärztlichen Praxis reduziert werden. Im Phantomkurs will man das Betreuungsverhältnis zudem von 1:20 auf 1:15 verringern. An der Charité bereite eine Arbeitsgruppe die anstehende Reform vor – Veränderungen werde es aber auch unabhängig davon geben, heißt es.

Ein Lichtblick für künftige Studierende? Wenn weiterhin Durchfaller in den Laborpraktika die ideale Gruppengröße verdoppeln, bleibt der Stresspegel hoch. Und einen Bewusstseinswandel bei den Lehrenden in der Zahnmedizin kann ohnehin niemand verordnen.

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