Zukunft der Hochschulmedizin : Deutsche Unikliniken liegen international weit zurück

Geld- und Personalnot, kaum Innovationen, in der Forschung abgehängt: Experten suchen Lösungen auf dem Hochschulsymposium in Berlin.

Die Charité ist als eine von wenigen der 33 deutschen Uniklinken ohne Defizit. Aber die Sparmaßnahmen sorgen immer wieder für Unmut bei den Mitarbeitern. Und auch die Forschung leidet darunter.
Die Charité ist als eine von wenigen der 33 deutschen Uniklinken ohne Defizit. Aber die Sparmaßnahmen sorgen immer wieder für...Foto: Jörg Carstensen/dpa

Universitätskliniken haben es nicht leicht. Patienten sollen sie behandeln, künftige Ärzte ausbilden und nebenbei noch forschen – und zwar auf Weltklasseniveau. Diesen Anforderungen steht die harte Realität gegenüber: Es fehlt an Geld und Personal, und in der Forschung sind die USA und China auf vielen Gebieten schon längst enteilt. Auch in der Digitalisierung hinkt die deutsche Medizin hinterher. Um diese Probleme zu diskutieren, luden die Hanns Martin Schleyer-Stiftung und die Heinz Nixdorf-Stiftung gemeinsam mit der Justus-Liebig-Universität Gießen am Mittwoch und Donnerstag zu einem Hochschulsymposium unter dem Motto "Hochschulmedizin auf dem Prüfstand".

"Wir könnten 200 Kliniken schließen"

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) drängte in seinem Eröffnungsvortrag auf mehr Tempo bei der Digitalisierung: "Ich möchte, dass wir 2020/21 für jeden, der es will, die elektronische Patientenakte auf dem Smartphone haben." Unverständlich findet Spahn, dass es immer gleich "eine kleine Form der Hysterie" gebe, wenn man Gesundheitsdaten für die Forschung nutzen wolle. Wichtig sei ihm auch, der Digitalisierung in der ärztlichen Ausbildung gerecht zu werden. Die Ausbildung wird gerade im Rahmen des "Masterplans Medizinstudium 2020" neu entworfen.

Diesen Plan, der 2017 von SPD und CDU beschlossen wurde und eine komplette Reformierung des Medizinstudiums vorsieht, verteidigte Spahn auch in der anschließenden Podiumsdiskussion. Zudem lobte er den Aufbau neuer Medizinfakultäten in Augsburg und Bielefeld. Der steigende Ärztebedarf könne dadurch aber bei weitem nicht gedeckt werden.

Charité-Chef Karl Max Einhäupl gab zu bedenken, dass durch die Ausbildung von mehr Ärzten das Verteilungsproblem zwischen Stadt und Land nicht gelöst werde. "Da braucht es andere Mechanismen, die wir diskutieren müssen", so Einhäupl. Als weiteres großes Problem benannte er, dass es in Deutschland viel zu viele Krankenhäuser gebe, einige von ihnen mit unterdurchschnittlicher Qualität. "Wir könnten 200 Kliniken schließen, und kein Patient würde dadurch sterben", sagte der Mediziner. Er fragte in die Runde, wer sich von einem Chirurgen operieren lassen wolle, der diese OP nur ein paarmal im Jahr durchführt. Spahn pflichtete bei: "Wer dauerhaft schlechte Qualität liefert, der muss vom Netz." Einhäupl prognostizierte, in zehn Jahren werde es in Deutschland nur noch fünf bis sieben große universitäre Medizinzentren geben, "alle anderen werden sich auf ein niedrigeres Niveau begeben müssen".

Wo ist der Mut, die Dinge umzupolen?

Für diese Form der Zentralisierung, wie sie etwa in den USA schon lange stattfindet, trat auch Otmar Wiestler ein, der Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft. "Wir müssen uns schleunigst auf den Weg machen, ein Spitzensegment aufzubauen", sagte er. Entscheidend sei, Grundlagen für eine datenbasierte Medizin und Gesundheitsforschung zu schaffen. Gemeinsam mit der Industrie sei er in Gesprächen, wie dies gelingen könnte. Es gebe auf dem Gebiet weltweit einen enormen Wettbewerb, "und seien wir ehrlich: Wir liegen weit zurück", gab Wiestler zu. Den Unikliniken riet er, in der Wissenschaft häufiger den Schulterschluss mit außeruniversitären Forschungseinrichtungen zu suchen.

"Neidisch" schaue man aus der Schweiz auf die Exzellenzinitiativen und die medizinische Infrastruktur in Deutschland, sagte Peter Suter, ehemals Präsident der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften. In manchen Gebieten seien die deutschen Unikliniken aber noch unterentwickelt, etwa beim Thema Versorgungsforschung. Mit Blick darauf, wie sich Hochschulmedizin für die Zukunft rüsten könne, sagte Suter, man müsse vor allem "den Mut haben, Dinge umzupolen". Nur: Dafür ist die Medizin bisher nicht gerade bekannt.

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