Viele Juden meiden öffentliche Verkehrsmittel

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Antisemitische Angriffe in Berlin : Jüdische Schule empfiehlt, die Kippa zu verbergen
Marius Gerads

Die Datenbank der Polizei besagt auch, dass von den 126 Fällen zehn Taten „auslandsextremistisch motiviert“ waren - hier gehen die Ermittler davon aus, dass die Taten in Zusammenhang mit dem Nahost-Konflikt stehen. Lediglich zwei Fälle davon waren Gewalttaten, bei denen die Opfer körperlich attackiert worden waren.

Auch wenn die Statistiken einen leichten Rückgang von antisemitischer Gewalt belegen, fühlen sich trotzdem viele Juden auf Berlins Straßen nicht sicher genug. Der Rabbiner Andreas Nachama sagte dem Tagesspiegel, er meide Busse und Bahnen. Er sei selbst an einem Sonntagmittag vor zehn Jahren in der S-Bahn in Steglitz als Rabbiner erkannt und attackiert worden. „Zwar erst nur verbal, aber als ich die Bahn verließ, jagte mich der Mann auf die Straße.“ Dort habe er sich mit einem Tritt gegen den Angreifer gewehrt und sei in einem Taxi geflohen. „Seitdem fahre ich fast nie mit Öffentlichen Verkehrsmitteln, sondern lieber Auto“, sagte Nachama, „In Europa muss man leider heute noch sich darüber im Klaren sein, dass man in der Öffentlichkeit als Jude in Schwierigkeiten kommen kann.“

Innensenator Frank Henkel (CDU) sagte dem Tagesspiegel, dass das Angstgefühl unterschiedlicher Gruppen, etwa Gläubige, die negative Erfahrungen gemacht haben, ernst zu nehmen sei. „ Es ist nicht Aufgabe der Politik, solche Ängste zu verharmlosen oder anzuheizen“, sagt Henkel. Allerdings sei er vorsichtig mit Begriffen wie No-Go-Areas. „Das hieße, dass sich die Sicherheitsbehörden aus bestimmten Gebieten zurückziehen. Der Rechtsstaat weicht nirgends zurück.“ Die Zivilgesellschaft zum Glück auch nicht.

An diesem Freitag wird bei einem seit längerem geplanten Integrationsfest auf dem Dürerplatz auch Solidaritätsbekundungen für den Rabbiner und seine Familie geben. Für kommenden Sonntag rufen die SPD Friedenau, die Evangelische Philippus-Nathanael-Kirchengemeinde und die Jusos zum Protest auf dem Grazer Platz auf. Neben vielen Politikern hat auch die Islamische Föderation in Berlin den Angriff auf den Rabbiner aufs Schärfste verurteilt. Als Zeichen der Solidarität mit dem Opfer wolle man alle erforderlichen Maßnahmen gegen die Täter aktiv unterstützen. „Eine diesbezügliche Zusammenarbeit mit der Jüdischen Gemeinde ist deshalb ausdrücklich erwünscht“ heißt es in der Erklärung.

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