Berliner Abschlussprüfungen : Hoffen und Bangen - auch beim Mittleren Schulabschluss

"Die eigentlich entscheidende Frage ist gerade, wie es mit dem MSA weitergeht", sagt SPD-Bildungsexpertin Maja Lasić. Den Zehntklässlern fehle Unterricht.

Werden die Abschlussprüfungen stattfinden? 
Werden die Abschlussprüfungen stattfinden? Foto: Sebastian Kahnert/dpa

Die Hoffnung stirbt zuletzt: Die Frage, ob ab kommender Woche 30.000 Berliner Schüler ihre Prüfungen zum Mittleren Schulabschluss (MSA) und zum Abitur antreten sollen, war auch am Mittwoch aus Sicht der Betroffenen noch – etwas – offen. Woran sie sich klammerten? Es war das Wörtchen „wollen“, das der Regierende Bürgermeister benutzt hatte, es war eine Äußerung der stellvertretenden SPD-Landesvorsitzenden Iris Spranger, und es war eine Pressemitteilung aus den Reihen der rot-rot-grünen Koalition.

Zunächst zu Spranger. Sie hatte sich am Mittwoch bei Twitter an die Seite derer gestellt, die nur freiwillige Prüfungen wollen und von der Kultusministerkonferenz (KMK) eine „gemeinsame Abweichung von der Abiturregelung“ fordern.

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Die einflussreiche SPD-Abgeordnete schrieb, sie unterstütze das Anliegen der Schüler, Lehrer und Eltern und setze sich „derzeit in vielen Gesprächen dafür ein“ – wurde allerdings sofort von der SPD-Bildungsexpertin in der Fraktion, Maja Lasić, per Twitter damit konfrontiert, dass die Fraktion „zu einem anderen Ergebnis“ gekommen sei.

Der Vorstoß Sprangers taugte somit nicht als Rettungsanker der Prüfungskritiker.

Eine missverständliche Formulierung des Regierenden Bürgermeisters

Dann war da Michael Müller (SPD). Er hatte im rbb-Radio gesagt: „Die Schüler, die den MSA schreiben wollen, die das Abitur schreiben wollen, die müssen die Chance dazu haben.“ Sollte das etwa auf eine Freiwilligkeit bei der Prüfungsteilnahme hinauslaufen? Regina Kittler, die Bildungsexpertin der Linksfraktion, winkte ab: „Ich bezweifle, dass Michael Müller das so gemeint hat“, sagte die Abgeordnete. Sie habe keinerlei Hinweise darauf, dass Müller und Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) auf eine freiwillige Lösung hinarbeiteten.

Diese Option habe es zwar vor zwei Wochen gegeben, sei aber nach dem Vorpreschen der CDU-Bildungsministerin von Schleswig- Holstein, Karin Prien, im Keim erstickt worden. Prien hatte überraschend und ohne ausreichende Abstimmung dafür plädiert, dass es gar keine Prüfungen geben sollte.

Die Linke fordert, "die Prüfungen in diesem Schuljahr auszusetzen"

Auch Linkenpolitikerin Kittler votierte am Mittwoch gegen alle Prüfungen und argumentiert, dass die Prüflinge seit Mitte März zu Hause „unter teils belastenden Lebenssituationen“ lernen müssten. Sie lebten nicht nur in Ungewissheit darüber, „wann und wie die Prüfungen stattfinden sollen und können“. Vielmehr seien auch „die Wohnzimmer der Elternhäuser keine idealen Lernorte“. In der Situation müsse die Politik dafür sorgen, dass sich Ungerechtigkeiten im Bildungssystem nicht weiter verschärften.

"Die Krise verstärkt soziale Unterschiede"

„Die Krise verwischt soziale Unterschiede nicht, sie lässt sie noch viel stärker zutage treten“, sagt Kittler und verweist darauf, dass es vielen Familien an technischer Ausstattung für Homeschooling fehle. Vielfach hätten Schüler und Lehrkräfte auch Sorge, sich im Zuge der Prüfungen anzustecken. Kittler nennt damit die gleichen Einwände wie die Gewerkschaften DGB und GEW, Migranten- und Schulleiterverbände sowie der Landesschülerausschuss.

Niederlanden, Großbritannien, Spanien und Portugal sagten die Prüfungen ab

"Ich fordere die Kultusministerkonferenz auf, die Prüfungen in diesem Schuljahr auszusetzen und die jeweiligen Regelungen in den Bundesländern anzuerkennen", lautet Kittlers Statement. Die Noten für den Abschluss der allgemeinen Hochschulreife sollten durch die Lehrkräfte aus den Noten der letzten vier Semester der Gymnasialen Oberstufe berechnet werden. Mittlerer Schulabschluss und Berufsbildungsreife sollten auf der Grundlage der erbrachten Leistungen im 10. Schuljahr zuerkannt werden: "Was in den Niederlanden, Großbritannien, Spanien und Portugal möglich ist, sollte auch in Deutschland möglich sein!", findet Kittler.

Über 250 Prüflinge pro Schule könnten aufeinandertreffen

Anders als Kittler und die genannten Gruppierungen und Gremien hatte der Landeselternausschuss (LEA) zwar nicht für den Wegfall aller Prüfungen plädiert, aber gefordert, dass zumindest auf den MSA verzichtet werden sollte, wenn die Zehntklässler in die gymnasiale Oberstufe versetzt werden: Der Abschluss ist für diese Schüler nur in Berlin vorgeschrieben. Auch da hat Scheeres bisher nicht eingelenkt. Falls es dabei bleibt, bedeutet dass, dass im Mai tageweise über 250 Prüflinge pro Schule aufeinandertreffen – an soziale Distanz ist da nicht zu denken.

"Den zehnten Jahrgängen fehlt Unterricht"

In Sachen MSA gibt es mehr Anlass zur Hoffnung als beim Abitur: „Die eigentlich entscheidende Frage ist gerade, wie es mit dem MSA weitergeht. Hierfür ist entscheidend, wann die Schulen wieder öffnen, weil den zehnten Jahrgängen noch Unterricht fehlt – im Gegensatz zu den Abiturienten“, machte Maja Lasić deutlich.

Keine Festlegung zur Berliner Schulöffnung

Wann Berlin die Schulen öffnet, wurde am Abend nicht kommuniziert. Die Senatsverwaltung für Bildung wollte sich am Abend dazu nicht äußern - anders als andere Bundesländer wie Hessen, Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Bayern, die sich anlässlich der bundesweiten Absprachen am Mittwoch geäußert hatten: Nordrhein-Westfalen will seine Abschlussjahrgänge sogar schon kommende Woche zurück in die Schulen holen - wenige Tage nach dem 20. April, wie Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) und Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) ankündigten.

Der Berliner Landeselternauschuss hatte – nicht nur im Hinblick auf die anstehenden Prüfungen – bemängelt, dass nicht alle Schüler von ihren Lehrern während der Schulschließungen gut betreut würden. Damit Lehrer sich der Kommunikation nicht weiterhin „verweigern“ könnten, solle die Bildungsverwaltung Regeln vorgeben – etwa feste Zeiten der Erreichbarkeit „von 8 Uhr bis 16 Uhr“.

43 Prozent der Lehrer arbeiten (etwas) weniger

Dass es an der Erreichbarkeit zurzeit mancherorts hapert, könnte mit dem zu tun haben, was die „Die Zeit“ am Mittwoch meldete: Unter Berufung auf eine repräsentative Umfrage des „Deutschen Schulbarometers“ im Auftrag der Robert Bosch Stiftung unter Lehrern hieß es, dass 43 Prozent der Lehrer weniger oder etwas weniger arbeiten als im normalen Schulbetrieb.

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28 Prozent hingegen benennen ihren Arbeitsaufwand als deutlich mehr oder etwas mehr, heißt es in der Spezial-Befragung. Obwohl zwei Drittel der Lehrer sich unzureichend auf die Krise vorbereitet gefühlt hatten, geben 80 Prozent an, dass sie mittlerweile ganz gut mit der Schulschließung zurecht kämen. Genauso viele äußern, sie stünden für die Anfragen ihrer Schülerinnen und Schüler „jederzeit“ zur Verfügung.

Erklärvideos spielen inzwischen eine große Rolle

Der häufigste Kommunikationsweg zwischen Lehrern, Schülern und Eltern ist die klassische E-Mail. Häufigster Aufgabentypus sind Arbeitsblätter. 39 Prozent der Lehrer nutzen bereits Erklärvideos, lediglich 14 Prozent Videokonferenzen, heißt es im „Deutschen Schulbarometer Spezial“, für das das Meinungsforschungsinstitut forsa 1.031 Lehrkräfte an allgemeinbildenden Schulen in Deutschland befragt hatte.

"Schule wird nicht mehr so wie vorher", sagen zwei Drittel der Lehrer

Nach Einschätzung der Lehrer wird sich Schule nach Ende der Schulschließungen verändern: So würden 67 Prozent der Befragten ihren Schülern mehr Verantwortung für ihren eigenen Lernprozess geben. 47 Prozent würden häufiger digitale Lernformate einsetzen.


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