Kranzniederlegung und Queen's Lecture

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Die Queen in Berlin : Hüte, Hunde, Humor
Begeisterte Fans aus aller Welt begrüßten die Queen in Berlin.
Begeisterte Fans aus aller Welt begrüßten die Queen in Berlin.Foto: Stephanie Pilick/dpa

Kurz nach 12 Uhr, nach nur 17 Minuten Fahrt, ist die Anlegestelle nahe dem Bundeskanzleramt erreicht, die Queen hat wieder Boden unter den Füßen, politischen Boden. Der Bundespräsident springt, sobald die Brücke zum Ufer geschlagen ist, ritterlich voraus, was in dieser Reihenfolge sicher ein Ergebnis umfangreicher Abwägungen des Protokolls ist; ihm folgt die Queen, dann Daniela Schadt, Prinz Philip sichert gentlemanesk den Rückzug.

Während sich aber Joachim Gauck mit seiner Lebensgefährtin elegant in die Kulissen entfernt, steigt das Paar die Ufertreppe hinauf, um zum Kanzleramt gefahren zu werden. Dort warten Bundeskanzlerin Angela Merkel und Kanzleramtsminister Peter Altmaier, die wie ein altgedientes Ehepaar aussehen. Die Kanzlerin nickt knapp zur Begrüßung, ohne die geringste Knicks-Andeutung, das wirkt nicht ehrerbietig, ist eine Geste auf Augenhöhe – man kennt sich ohnehin persönlich. Altmaier zeigt einen wohlerzogenen Diener.

Arbeitsgerät: Handtasche und Blumenstrauß

Das Programm im Amt ist schlicht und knapp, beschränkt auf allenfalls 15 Minuten netto, zu wenig für politische Impulse von Weltgeltung. Merkel hat für die Königin ihr Arbeitszimmer nett gemacht, Altmaier zeigt Prinz Philip den Kabinettssaal. Über den Inhalt der Gespräche wird nichts bekannt, es ist anzunehmen, dass in der Kürze der Zeit mehr als freundlicher Smalltalk ohnehin nicht möglich ist. Dafür gibt es ein Video vom Balkobesuch der Queen mit Merkel.

Mit ihrem Besuch in Berlin soll sie den Boden bereiten für die Botschaften ihres Premiers Cameron. Arbeitsgerät: Handtasche und Blumenstrauß – aber eben auch eine klare persönliche Position. Deshalb ist die Reise nach Deutschland ohne politische Kommuniques auch ein Zeichen heimwärts an die Adresse Camerons, der sich mit seinem stetigen Drängen nach Sonderbehandlung im europäischen Rahmen derzeit keine Freunde macht.

Queen Elizabeth amüsiert sich königlich in Berlin
Es war einmal vor langer Zeit in einer weit, weit entfernten Galaxis... Hoppala. Das ist falsch. Von vorn. Es war einmal eine Königin, die weilte zum Staatsbesuch in der großen Stadt Berlin.Weitere Bilder anzeigen
1 von 30Foto: Kitty Kleist-Heinrich
19.04.2016 15:59Es war einmal vor langer Zeit in einer weit, weit entfernten Galaxis... Hoppala. Das ist falsch. Von vorn. Es war einmal eine...

Kunstvoll bescheidener Auftritt

Als nächsten Programmpunkt nach dem Treffen im Kanzleramt hat die Regie die Kranzniederlegung in der Neuen Wache Unter den Linden angesetzt. Die Limousine fährt vor, die Queen lässt sich die Türen öffnen, steigt aus. Drinnen ist alles vorbereitet, zwei Soldaten in vollem Gepränge ordnen den Kranz auf einem Ständer vor der Kollwitz-Bronze des Gefallenen mit seiner Mutter. Dann tritt die Königin vor, zupft mit der Routine vieler Jahrzehnte im Staatsdienst knapp an der Schleife, hält inne, wendet sich dann zum Gehen. Vermutlich mit einem fröhlichen Seufzen, denn das Programm sieht nun eine Pause vor: Rückkehr zum Adlon, ein bisschen Zeit zum Frischmachen vor der „Queen’s Lecture“ in der Technischen Universität. Die findet nun schon im 50. Jahr statt und ist der eigentliche zentrale Programmpunkt des Berlin-Besuchs. Diesmal, zum Jubiläum, mit der Queen persönlich. Und mit der Kanzlerin: Deren Besuch war zunächst nicht vorgesehen, doch dann stürmte sie so überraschend wie entschlossen über den roten Teppich ins Audimax an der Straße des 17. Juni.

Tierschutz und Liberalismus

Dort referierte der von der Kanzlerin geschätzte Neil MacGregor, Direktor des British Museum und designierter Intendant des Humboldt-Forums, mit britischem Humor und passend zu Berlin beispielsweise über Hunde - und zwar in der britischen Porträtmalerei und als Symbol für Menschlichkeit und Liberalität, die auch den Tierschutz miteinbeziehe. Dass sich der eine oder andere Terrier laut MacGregor im britischen Unterhaus wohl fühlen würde, wo sich Abgeordnete - teils zur Belustigung, teils zum Erschrecken ausländischer Beobachter - „offen beschimpften", tue der Sache keinen Abbruch. Weder dem Tierschutz noch dem Liberalismus.Zumal man sich ja nicht direkt angehe, sondern immer auf dem Umweg über den „Speaker“: „Dieser hochehrwürdige Gentleman hier redet völligen Unsinn.“

MacGregor hatte angekündigt, dass es in seiner Queen’s Speech um „pets, plants und politics" gehen würde, um Haustiere, Pflanzen und Politik. Vom Hund zur Grünanlage ist es kein weiter Weg und so sei nicht nur die von der Royal Family bis heute verkörperte Institution der Tierliebe typisch britisch. Auch Schutz und Gestaltung von Natur und Landschaft seien untrennbar verbunden mit dem britischen Kulturideal, englische Parks und Gärten seien weltweit prägend. „Hier konnte man seine Grand Tour, also die große Bildungsreise durch Europa, unternehmen, ohne die Heimat zu verlassen.“ Dass die Nachahmer dabei das Vorbild überholen können, beweist für MacGregor ein Beispiel aus Sachsen-Anhalt: „Jeder britische Park möchte insgeheim so sein wie Wörlitz.“

Dann wird die Queen sogar noch politisch

Abschluss des Abends: das Staatsbankett im Schloss Bellevue. Guter Rat des TV-Adelsexperten Rolf Seelmann-Eggebert: Man möge dabei die Hand der Queen nur sehr zart drücken – in Anbetracht der Menge, die sie zu drücken habe. Als ob irgendjemand die Hand einer 89-jährigen Regentin unbedacht in den Schraubstock nehmen würde!

Da wird es dann aber sogar noch richtig politisch: In ihrer kurzen Rede beim Bankett (Wortlaut im englischen Original hier) sagt die Queen in für sie ungewöhnlich deutlichen Worten mit Blick auf Europa: "Wir müssen uns vor einer Spaltung in Acht nehmen". David Cameron, der sich zu Hause der Europa-Skeptiker in der eigenen, konservativen Partei erwehren muss und vor einem Referendum zum EU-Austritt steht, hört aufmerksam zu.

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