Enteignung in Berlin : So verheerend ist die Lage im "Geisterhaus"

Seit mehr als 15 Jahren steht das Gebäude leer, im Inneren türmen sich Müll und Dreck. Jetzt kommt Bewegung in den Fall.

Das "Geisterhaus" am Hindenburgdamm Ecke Gardeschützenweg.
Das "Geisterhaus" am Hindenburgdamm Ecke Gardeschützenweg.Foto: Boris Buchholz/Tsp

Zerstörte Wohnungen, Toiletten voller Exkremente: Die Bilder aus dem Inneren des seit mehr als 15 Jahren leerstehenden "Geisterhauses" am Hindenburgdamm Ecke Gardeschützenweg sind verstörend.

Zerstörte und verdreckte Bäder im "Geisterhaus".
Zerstörte und verdreckte Bäder im "Geisterhaus".Foto: Privat

Wohin der Blick auch wandert, haben sich Vandalismus und Zerstörungswut ihren Weg gebahnt. Kaum eine Schreibe ist mehr ganz, kaum eine Wasserleitung mehr intakt, von den durch Kupferdiebe gestohlenen Stromleitungen ganz zu schweigen.

Sogar unterm Dach des "Geisterhauses" hat sich der Vandalismus bahngebrochen.
Sogar unterm Dach des "Geisterhauses" hat sich der Vandalismus bahngebrochen.Foto: Privat

Dem Bezirksamt von Steglitz-Zehlendorf war dieser Anblick nun über: Erstmals seit Ergänzung des Zweckentfremdungsgesetzes von Wohnraum im Jahr 2018 plant der Bezirk die Anwendung des Treuhandmodells. Dieses sieht vor, Vermieter oder Eigentümer übergangsweise zu enteignen, um Mietwohnungen wieder ihrem eigentlichen Zweck zuzuführen.

Im Hinterhof stapelt sich der Schrott.
Im Hinterhof stapelt sich der Schrott.Foto: Privat

Tatsächlich eignet sich das in Steglitz-Zehlendorf berüchtigte „Geisterhaus“ für dieses Pilotprojekt wohl wie kein anderes. Seit Mitte der 2000er Jahre gammelt das Haus vor sich hin - in bester Lage. Im Inneren des Gebäudes ließen sich immer wieder Obdachlose nieder, aber auch Vandalen ließen ihrem Frust in den Räumen freien Lauf.

Obdachlose nutzen das "Geisterhaus" immer wieder für ihre Übernachtungen.
Obdachlose nutzen das "Geisterhaus" immer wieder für ihre Übernachtungen.Foto: Privat

Die geplante Enteignung, über die zuerst das Nachrichtenportal „rbb24“ berichtet hatte, ist laut Angaben aus dem Bezirksamt mit den Senatsverwaltungen für Stadtentwicklung und Finanzen abgestimmt. Auch diese wollen den jahrelangen Leerstand und den Verfall des Hauses in Zeiten von Wohnungsnot und steigenden Mieten nicht länger hinnehmen.

Der Vandalismus zeigt sich auch in den einzelnen Räumen.
Der Vandalismus zeigt sich auch in den einzelnen Räumen.Foto: Privat

Bezirksstadtrat Michael Karnetzki (SPD) erklärte zu den Plänen: "Das Haus steht schon sehr lange leer und alle übrigen Mittel sind fehlgeschlagen. Unser Ziel ist, die elf Wohnungen wieder in einen bewohnbaren Zustand zu bekommen.“ In der Vergangenheit waren bereits Buß- und Zwangsgelder gegen den Eigentümer der Immobilie verhängt worden. Diese hatte der Eigentümer - ein pensionierte Mediziner, dem bis zu ein dutzend Immobilien in Berlin gehören sollen - nach juristischen Auseinandersetzungen beglichen.

... auch hier wüteten die Vandalen.
... auch hier wüteten die Vandalen.Foto: Privat

Laut Karnetzki ist der Schritt mit Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher (Linke) und Finanzsenator Matthias Kollatz (SPD) abgestimmt. Lompscher habe zugesichert, den Bezirk bei der Erstellung eines Gutachtens über den Wert der Bausubstanz, die Auflistung notwendiger Maßnahmen und die Kostenschätzung zu unterstützen. Auf dieser Grundlage erfolge dann eine Ausschreibung für einen Treuhänder.

Eine Küche ... oder das, was von ihr übrig blieb.
Eine Küche ... oder das, was von ihr übrig blieb.Foto: Privat

Unklar ist, wie teuer die Sanierung des Hauses wird und ob diese wirtschaftlich überhaupt Sinn macht. Eine erste Kostenschätzung in Höhe von einer Million Euro hält die Linken-Bezirkschefin Franziska Brychcy für zu niedrig angesetzt. „Das Gebäude muss kernsaniert werden, eine Million wird da nicht reichen“, erklärte sie, lobte aber die Initiative des Bezirksamts. Brychcy hält es für möglich, dass das Gebäude nach der Sanierung über ein Vorkaufsrecht in den Immobilienbestand des Landes Berlin aufgenommen wird, sollte der Eigentümer die anfallenden Kosten nicht tragen können.

Dies war einmal eine Dönerbude. Nun ist es Teil des Geisterhauses
Dies war einmal eine Dönerbude. Nun ist es Teil des GeisterhausesFoto: Privat

Frei von Hürden ist der eingeschlagene Weg nicht: Voraussetzung für das Treuhandmodell ist, dass der Wohnraum dem Wohnungsmarkt beispielsweise durch Leerstand entzogen wird. Unklar ist, wie es sich mit stark sanierungsbedürftigem Wohnraum verhält, der dem Wohnungsmarkt aufgrund seines Zustandes ohnehin nicht zur Verfügung steht. CDU-Fraktionschef Torsten Hippe, der am Dienstag erklärt hatte, „keine politische Meinung“ zu dem Streit um das Haus zu haben, gilt als Verfechter dieser Position. Der Rechtsanwalt Hippe hatte den Eigentümer in der Vergangenheit anwaltlich vertreten, nach eigener Angabe jedoch nicht in dessen Auseinandersetzungen mit dem Bezirksamt.

Seit 15 Jahren steht das Haus leer - und das in Zeiten von Wohnungsnot und Mietenwahnsinn.
Seit 15 Jahren steht das Haus leer - und das in Zeiten von Wohnungsnot und Mietenwahnsinn.Foto: Privat

Dennoch musste sich der Vorsitzende des Stadtplanungsausschusses Interessenkonflikte vorwerfen lassen und hatte darauf mit einer Abmahnung gegen den Linken-Fraktionschef Gerald Bader reagiert. Hippe erklärte dem Tagesspiegel, er beschäftige sich politisch nicht mit der Angelegenheit, was CDU-Bezirksbürgermeisterin Cerstin Richter-Kotowski bestätigte. In Richtung des von seiner Parteikollegin geleiteten Bezirksamtes sagte Hippe: „Wenn das Bezirksamt meint, damit Erfolg zu haben, dann sollen sie mal machen.“

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