Kampf gegen Antisemitismus : Warum Berlin einen jüdischen Feiertag braucht

Die Berliner Landesregierung will einen neuen Feiertag einführen. Angesichts des alltäglichen Antisemitismus in der Stadt empfiehlt unser Autor: Lasst uns Jom Kippur feiern! Ein Kommentar.

Ein Kippa-Träger in Deutschland.
Ein Kippa-Träger in Deutschland.Foto: dpa

Es ist nicht so, dass es Berlin an Orten mangelt, die an die, wie man so sagt, „christlich-jüdische Tradition“ erinnern. Ganz im Gegenteil, das Holocaust-Denkmal steht direkt im Herzen der Stadt und auch die mittlerweile rund 8000 verlegten Stolpersteine rufen den Hauptstädtern jeden Tag aufs neue ins Gedächtnis, dass diese Tradition nicht zuletzt darin bestand, dass die Christen die Juden ermordeten. Doch ein Blick auf die Schlagzeilen der vergangenen Monate zeigt leider: Die Mahnmale aus Beton und Metall konnten nicht verhindern, dass der Judenhass wieder zu einem alltäglichen Phänomen in Berlin geworden ist.

Das beweist die Attacke auf einen Kippa tragenden Touristen im April. Das beweist das monatelange Mobbing eines Juden an der John-F.-Kennedy-Schule in Zehlendorf. Und das beweist auch die Statistik: 947 antisemitische Vorfälle zählte die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) für das vergangene Jahr. „Antisemitismus gehört nicht zum Berlin, in dem wir leben wollen“, sagte der Regierende Bürgermeister Michael Müller daher kürzlich. Richtig so.

Wenn es der SPD-Politiker aber wirklich ernst meint mit seinen Worten, dann müsste er jetzt über einen Kurswechsel in der Präventionspolitik nachdenken. Vielleicht sollten wir nicht länger nur toten Juden mit Betonstelen und Messingplatten gedenken, sondern endlich auch den lebenden Juden unsere Solidarität zeigen. Die Absicht der Berliner Koalition, einen neuen Feiertag einzuführen, bietet da eine gute Möglichkeit.

Mein Vorschlag: Berlin feiert künftig einen der höchsten jüdischen Feiertage, Jom Kippur! Beim mosaischen Versöhnungsfest bitten die Juden all jene um Verzeihung, mit denen sie sich im vergangenen Jahr gestritten und gezankt haben – das Fest besäße somit auch für Christen, Atheisten, Muslime und alle anderen Weltanschauungen einen echten Mehrwert. Und ganz nebenbei wären die Antisemiten gezwungen, ein jüdisches Fest zu begehen. Es würde ihnen sicher nicht schaden.

Berlin sucht einen neuen Feiertag - in sieben Plädoyers machen Tagesspiegel-Autoren Vorschläge. Hier finden Sie die anderen Beiträge der Reihe:

27. Januar: TAG DER AUSCHWITZ-BEFREIUNG
8. Mai: TAG DER BEFREIUNG
23. Mai: TAG DES GRUNDGESETZES
17. Juni: TAG DES AUFSTANDES
Oktober/September: JOM KIPPUR
9. November: TAG DES MAUERFALLS
16. November: TAG FÜR TOLERANZ

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