Noch ein Opfer von Corona : Aprilscherz fällt dieses Jahr aus

Das oftmals platte Brauchtum zum 1. April ist in der aktuellen Pandemie unangemessen. Eine Scherz-Kritik

Bernd Matthies
Waren die grünen Punkte zwischen rot-weißen Pollern auf der Bergmannstraße eigentlich ernst gemeint?
Waren die grünen Punkte zwischen rot-weißen Pollern auf der Bergmannstraße eigentlich ernst gemeint?Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Die meisten Berliner lassen sich heute sicher gern in den April schicken – schon, um den desaströsen März loszuwerden, der in die Stadtgeschichte eingehen wird, und in der Hoffnung, dass es langsam mal wieder bergauf geht.

 Doch wenn diese Formulierung auf den früher so beliebten Aprilscherz zielt, ist es erlaubt, von aussterbendem Brauchtum zu sprechen: Die zumeist platte Komik dieser Späße ist der aktuellen Situation in einem so krassen Maß unangemessen, dass sie vermutlich nicht einmal mehr zum kurzfristig heiteren Vergessen taugen.

Mag sein, dass es hier und da trotzdem jemand versucht, aber nicht hier in dieser Zeitung. Sie brauchen nicht zu suchen. Nicht, dass damit in Berlin viel verloren ginge. Zum einen hat die Realität der beiden vergangenen Jahrzehnte – nehmen wir nur den Flughafen BER oder die ewige Krise der S-Bahn – hinsichtlich der Fallhöhe die meisten ausgedachten Katastrophen weit hinter sich gelassen.

Auch andere Phänomene, etwa der sprühende Ideenreichtum des zuständigen Stadtrats bei der Befriedung in der Bergmannstraße, lassen sich nur schwer durch satirischen Zugriff überhöhen, da ist schlicht keine Luft mehr nach oben.

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Die Ausbeute der vergangenen Jahre ist entsprechend schwach, obwohl die absolute Scherzmenge durch viele heiter twitternde Pressestellen vermutlich sogar einen neuen Höchststand erreicht hatte. 

Schon 2019 war kein guter Scherz-Jahrgang

2019 teilte der rbb mit, dass der Sandmann zum 60. Geburtstag seinen Bart verliere, das war dann auch schon der Höhepunkt. Kein guter Jahrgang, so viel steht fest, aber offenbar spüren viele professionelle Kommunikatoren am 1.April noch immer den Druck, eine Pointe landen zu müssen.

Die besten Scherze finden eher im Rest des Jahres statt und sind dann auch halb ernst gemeint, wie das Video vom rappenden BVG-Kontrolleur, dem alles egal ist. All das würde in der Coronakrise sofort als komplett unangemessen durchfallen. 

Und das Thema selbst hätte zwar Potenzial, aber wer wollte schon für die Folgen einstehen, wenn er meldet, dass der Pförtner am Berliner Rathaus ab 15 Uhr preisgünstiges Klopapier austeilt? Die Krise des Aprilscherzes enthält aber nicht nur die aktuelle, sondern auch eine schon länger wirkende Komponente. Denn die Grundidee besteht ja darin, dass eine absurde Information auftaucht, geglaubt oder nicht geglaubt wird und spätestens am nächsten Tag nach Auflösung wieder komplett verschwindet.

Was nicht heißt, dass besonders gute Scherze aus der Erinnerung gelöscht werden. Sie bleiben im kollektiven Gedächtnis erhalten wie ein Loriot-Sketch – nehmen wir nur den berühmten, inzwischen über 60 Jahre alten BBC-Bericht von der Spaghetti-Ernte im Tessin. 

Viele Scherze enden als Fake News im Netz

Aber das war eben auch die Zeit ohne Internet, das in seinen unüberschaubaren sozialen Netzwerken den Aprilscherz vom Termin abkoppelt und so innerhalb von ein paar Tagen zur unzerstörbaren Fake News werden lässt. 

Unser harmloser Scherz über die Pläne des Berliner Senats, sich im Bundesrat für durchgegenderte Verkehrszeichen einzusetzen, ist beispielsweise nach wie vor am Leben, ohne als Aprilphänomen durchschaut zu werden. Wie auch, wenn er im Hochsommer bei Facebook wahrgenommen wird? So etwas verdirbt den Spaß am Ausdenken.

Wer schreibt schon einen Aprilscherz hin, wenn er befürchten muss, dass die AfD ihn zum Gegenstand einer parlamentarischen Anfrage macht? Es bliebe allenfalls die Flucht in die totale Harmlosigkeit – mag sein, dass Google im vergangenen Jahr mit einem digitalen Sprachassistenten für draußen in Gartenzwergform, dem „Google Gnome“, den Zeitgeist getroffen hat. Das war wenigstens witzig, und wenn der 1. April 2021 solche Späße wieder möglich erscheinen lässt, dann wäre das ein gutes Zeichen. Aber der dröge Berliner Pflichtaprilscherz darf gern in dieser Krise untergehen.

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