Spendenserie „Menschen helfen!“ : Auch Angehörige brauchen Unterstützung

Für psychisch Erkrankte gibt es viele Hilfsangebote. Die Angehörigen aber werden oft vergessen. Der ApK Landesverband Berlin e. V. berät sie - und benötigt dringend Spenden.

Anja Reinbothe
Neue Perspektiven entwickeln. Gudrun Weißenborn, hauptamtliche Projektleiterin des Berliner ApK.
Neue Perspektiven entwickeln. Gudrun Weißenborn, hauptamtliche Projektleiterin des Berliner ApK.Foto: Thilo Rückeis

Bei seiner 27. Weihnachtsspendenaktion "Menschen helfen!" bittet der Tagesspiegel um Spenden für 62 soziale Initiativen, aus Berlin, Brandenburg und im Ausland. In unserer Serie stellen wir 12 Projekte stellvertretend für alle anderen vor. Heute: der ApK Landesverband Berlin e. V. für Angehörige psychisch Erkrankter.

Mit einer Tasse Tee fängt es häufig an, ein Beratungsgespräch beim „Landesverband Berlin e. V. Angehörige psychisch Kranker“, kurz ApK. So war es auch bei Susanne Schiller, die im wahren Leben anders heißt. Die Mutter eines Sohnes hatte 2007 die Diagnose erfahren, dass ihr Kind an einer Psychose erkrankt sei.

Doch bis sie diese Gewissheit hatte, lagen viele Jahre der Unsicherheit dazwischen. Davon und von vielem mehr erzählte Schiller der Dame, die ihr damals im Beratungsraum in Wilmersdorf gegenübersaß, bei einer Tasse Tee. „Es hat extrem gut getan, mit jemandem zu sprechen, der ähnliche Erfahrungswerte hatte.“

„Ein Gespräch auf Augenhöhe nennen wir die Peer-Beratung“, sagt Gudrun Weißenborn, Projektleiterin beim ApK Landesverband Berlin. Die Beraterinnen, die selbst eine psychisch erkrankte Person im persönlichen Umfeld haben – Eltern, minderjährige oder erwachsene Kinder, Mitbewohner, Kollegen – unterstützen andere Angehörige.

„Wo den Betroffenen ein vielfältiges Angebot an Unterstützung zur Verfügung steht, kommen die Angehörigen oft zu kurz“, sagt Weißenborn. „Sie sind mitbetroffen, haben einen enormen Leidensdruck und kommen an die Grenzen der Belastbarkeit.“ Der ApK Landesverband Berlin e. V. bietet Hilfe zur Selbsthilfe durch Beratungen, Selbsthilfegruppen und die „Angehörigenakademie“. 2020 möchte der ApK diese Workshops, die für 15 bis 20 Personen ausgelegt sind, weiter ausbauen und bittet um Spenden.

Viele Workshops werden über die Krankenkasse gefördert

Bundesweit haben sich Landesverbände der Angehörigen etabliert. Der Berliner Verband wurde vor 30 Jahren auf Initiative einer Selbsthilfegruppe ins Leben gerufen, erzählt Weißenborn: „Von engagierten Angehörigen, die mit der bestehenden psychiatrischen Versorgung unzufrieden waren und die fehlende Berücksichtigung der Probleme der Angehörigen nicht weiter hinnehmen wollten.“

Drei Hauptamtliche arbeiten für den Landesverband, sowie 35 Ehrenamtliche. Der Verband finanziert sich unter anderem aus Mitgliedsbeiträgen, Spenden und Fördergeldern der Krankenkassen und des Berliner Senats. Mit dem Wissen, dass es den Angehörigen an Informationen fehlt, hat die 55-jährige ApK-Projektleiterin vor acht Jahren die „Angehörigenakademie“ ins Leben gerufen. Viele Workshops werden über die Krankenkassen gefördert. Für die Weiterentwicklung neuer Angebote werden zusätzliche Mittel benötigt.

Auch Susanne Schiller hat bereits viele dieser Workshops besucht. Alle seien sehr hilfreich gewesen: „Und sie sind für die Angehörigen kostenlos. Das ist wichtig.“ Die Belastung sei schon groß genug, oftmals auch finanziell. „In den Workshops wird über rechtliche Aspekte gesprochen oder über seelische Krisen und ihre Bewältigung.

Die Dozenten sind Spezialisten ihres Fachs.“ Doch bis es soweit war und die heute Mittfünfzigerin die Angebote der ApK nutzte, war es ein langer Weg. „Als mein Sohn zwölf war, fing alles an. Er war auf dem Gymnasium, ist ein intelligenter Mensch, sprachlich sehr versiert und empathisch“, berichtet Schiller rückblickend. „Dann veränderte er sich zusehends. Mehr und mehr war er in seinen eigenen Aktivitäten verstrickt, nicht mehr erreichbar.“ Eines Tages blieb er über Nacht weg, der Kontakt riss ab.

[Dieses Jahr rufen wir unsere Leser, die Internet- und Social-Media-User zum 27. Mal auf, zugunsten von ausgewählten Projekten vor allem im Kinderschutz zu spenden, aber auch für arme, alte und kranke Menschen. Überweisen können Sie gern aufs Spendenkonto, Empfänger: Spendenaktion Der Tagesspiegel e.V., Verwendungszweck: „Menschen helfen!“, Berliner Sparkasse IBAN: DE43 1005 0000 0250 0309 42. BIC: BELADEBE. Bitte Namen und Anschrift für den Spendenbeleg genau und leserlich notieren. Onlinebanking ist möglich. Kontakt zum ApK: www.apk-berlin.de, Tel.: (030) 86 39 57 01.

DAS BENEFIZ-ABO: „Tagesspiegel verschenken und dabei Gutes tun!“ – unter diesem Motto hat der Spendenverein des Tagesspiegels mit dem Verlag ein Benefiz-Abo als Geschenk aufgelegt. Somit können unsere Leserinnen und Leser jetzt den Tagesspiegel im Abonnement an Freunde, Verwandte oder eine soziale Einrichtung verschenken: einen, drei oder sechs Monate. Je verschenkten Monat zum Abopreis von 56,40 Euro spendet der Tagesspiegel 20 Euro an die traditionelle Aktion „Menschen helfen!“ für bedürftige Menschen in Berlin, Brandenburg und dem Ausland. Alle Infos zum Benefiz-Geschenk- Abo: www.tagesspiegel.de/verschenken. Fragen per Telefon? Mo-Fr 7-19.30 Uhr; Sa-So 8-12 Uhr: (030) 29 02 15 50.]

Zwei Jahre ist der heftigste Schub ihres Sohnes her. „In dieser Zeit geriet er sogar in die Obdachlosigkeit“, sagt die Mutter. „Wir hatten zeitweise keinen Kontakt mehr, das war sehr hart für mich.“ Gleichwohl war das familiäre Band da und die Tür stets offen. „Ein heißes Bad und Essen gab es immer.“ Heute hat ihr Sohn wieder ein Dach über dem Kopf und ist auf dem Weg in die Selbstständigkeit.

Jeder von uns könne in eine seelische Krise geraten, sich auffällig emotional, kognitiv verändern, so Gudrun Weißenborn. „Viele erleben nur eine Episode im Leben. Schwierig sind die sozialen Folgen, die oft lange nachwirken. Hier sind Angehörige die größte Ressource.“ Der ApK möchte zur Entstigmatisierung Betroffener und Angehöriger beitragen.

„Wir lösen uns vom medizinischen Begriff psychischer Krankheit, daraus folgt ein öffnendes Verständnis von Phänomenen wie Psychosen, Depression, Borderline- oder Bipolarer Störung und eine ressourcenorientierte Haltung“, sagt die ausgebildete Physiotherapeutin und Diplom-Rehabilitationspädagogin. „Ich spreche auch von Erkrankung, denn die Chance zu genesen ist immer da, weil der Mensch ständig neue Erfahrungen machen kann.“

Es dauere aber, bis sich Angehörige eingestehen, dass sie selbst Unterstützung bräuchten, sagt Weißenborn. „Die meisten erfragen in erster Linie Hilfe für den betroffenen Menschen, nicht für sich. Ich muss alles tun, damit es ihm wieder gut geht.“ Angehörige seien jedoch selbst stark belastet. „Dann treffen sie auf uns, und zum ersten Mal werden sie gefragt: Wie geht es Ihnen?“ Die erfahrenen ehrenamtlichen ApK-Berater geben Zeit und Raum für Gespräche.

„Die Peer-Beratung ermöglicht den Anfragenden, vorurteilsfrei in den Austausch zu gehen. Peer-Berater finden leichter Worte für komplexe Problemlagen.“ Die Zahl hilfesuchender Angehöriger habe zugenommen. Mehr als 15 Personen lassen sich pro Woche beim ApK beraten, der auch mal kurzfristig Termine vergibt und mehrsprachig arbeitet. „Wir nehmen uns Zeit für die Angehörigen, für individuelle Ängste und Sorgen, schaffen spürbare Entlastung durch den persönlichen Austausch.“

Viele Angehörige, auch Susanne Schiller, besuchen eine der 15 Berliner Selbsthilfegruppen, die sich in verschiedenen Berliner Bezirken treffen. „Mein Anliegen ist es“, sagt Susanne Schiller, „ dass ich an meine Ressourcen komme und Energiequellen auftanke.“ Nun versucht sie, andere zu unterstützen. Sie ließ sich anderthalb Jahre zur Peer-Beraterin qualifizieren.

„Einmal wöchentlich berate ich seit September selbst Angehörige. Denn wenn schwere Erfahrungen einen Sinn haben, dann den, sie nutzbringend für andere einzusetzen, die in einer ähnlich verzweifelten Situation sind wie ich damals.“ In Krisenzeiten würde unglaublich viel von den Angehörigen verlangt werden. „Ich schenke den Menschen meine Zeit. Sie dürfen mir ihr Herz ausschütten.“ Bei einer Tasse Tee.

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