Steinmeier beim Deutschen Seniorentag : „When I’m Sixty-Four“

Als junger Mann hörte er den berühmten Beatles-Song, jetzt ist Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier selbst jenseits der 60. Bei einer Rede zum Deutschen Seniorentag sprach er darüber, was die Gesellschaft tun muss, damit alle gut alt werden können.

Bundespräsident und Schirmherr Frank-Walter Steinmeier, spricht zur Eröffnung des 12. Deutschen Seniorentages.
Bundespräsident und Schirmherr Frank-Walter Steinmeier, spricht zur Eröffnung des 12. Deutschen Seniorentages.Foto: Bernd Thissen/dpa

Mit Reden ist das so eine Sache. Mal muss man sie bei bestimmten Rednern eher über sich ergehen lassen – mal sind sie inspirierend und wegweisend. Die Worte von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier anlässlich der Eröffnung des 12. Deutschen Seniorentages Ende Mai in Dortmund nehmen einen mit auf eine musikalische Zeitreise – und sie regen zum Nachdenken und Handeln an. Steinmeier dankte den vielen tausend Haupt- und Ehrenamtlichen der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren- Organisationen. Die Seniorenwoche in Berlin dauert vom 23. Juni bis 4. Juli.

Vor mehr als 50 Jahren, im Mai 1967, ist die Platte „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ von den Beatles erschienen. Viele von Ihnen werden sich daran erinnern. Darauf war ein seltsames Lied, das klang wie Musik für ältere Leute. Es hieß „When I’m Sixty-Four“.

Im Alter, so träumt der Sänger, wird er als Großvater mit Großmutter in einem Landhausidyll leben. Auf den Knien die Enkel, in der Ecke brennt gemütlich der Kamin und Großmama strickt. So sollte es sein, wenn er einmal 64 Jahre alt sein wird.

Wer das Lied damals als Jugendlicher gehört hat, dem wird ein solches Alter unendlich fern vorgekommen sein – mir auch! Mancher hat damals sogar leichtsinnigerweise gehofft, er würde niemals so alt. Hymnisch zugespitzt ist diese Hoffnung in einem anderen Lied, nicht von den Beatles, in „My Generation“ von den Who.

Sie erinnern sich an die Textzeile: „I hope I die, before I get old“. Geschrieben hatte es Pete Townshend – mit nicht einmal 20 Jahren. Nun, Pete Townshend lebt noch. Wie auch Paul McCartney, der Komponist von „When I’m Sixty-Four“. Er hat die 64 längst überschritten, und statt als Großpapa mit Großmama am Kamin zu sitzen, tourt er noch immer über die Bühnen der Welt.

Ikonen unbeschwerter Jugendlichkeit

Und Mick Jagger, der Inbegriff ungestümen jugendlichen Rebellentums? Er ist vor vier Jahren Urgroßvater geworden. Und wird bald mit den Stones noch einmal in Deutschland auftreten. Und viele meiner Generation – und ein bisschen älter – werden wieder hingehen!

Die Ikonen unbeschwerter Jugendlichkeit haben längst das Rentenalter überschritten. Sie haben zwar nicht das Alter selbst, aber das gesellschaftliche Bild vom Alt-Sein in Teilen der Gesellschaft verändert.

Wer heute alt geworden ist, der hat auf Schiefertafeln schreiben gelernt – ich auch – und nutzt vielleicht heute das Tablet. Er hat die 1968er-+Bewegung erlebt, die Wohlstandsgesellschaft, das neue Verhältnis von Mann und Frau und das Erwachen des ökologischen Bewusstseins.

Wer in der DDR gelebt hat, hat dazu das Ende seines Staates und eines ganzen Gesellschaftssystems erlebt. Heutiges Alt-Sein ist durch die Erfahrungen solcher mächtigen Veränderungen zutiefst geprägt. Und durch den Fortschritt von Hygiene und Medizin dauert das Alt-Sein länger als je zuvor.

Gut so, sagen die meisten! Wie anders Alt-Sein geworden ist, zeigen übrigens manche Programmpunkte dieses Seniorentages. Da gibt es zum Beispiel „Interkulturelle Trainings in Theorie und Praxis“, „Unterwegs am anderen Ufer. Ältere Lesben und Schwule in der Seniorenarbeit“ oder „Gipfelstürmer 60+: Digital-Kompass für Internet-Lotsen“. Und selbstbewusst in den Handicaps des Alters gibt es auch „Tanzen mit Rollator“.

Die wichtigsten Berlin-Konzerte
19. Juni 1988. Moonwalk am Reichstag. Beim ersten Berlin-Konzert Michael Jacksons verbreitete sich eine an die Beatlemania früherer Jahrzehnte erinnernde Hysterie. Im Jahr nach der Veröffentlichung seines "Bad"-Albums war der US-Star auf dem Höhepunkt seines RuhmsWeitere Bilder anzeigen
1 von 21Foto: Votos-Roland Owsnitzki/Imago
28.03.2018 13:4419. Juni 1988. Moonwalk am Reichstag. Beim ersten Berlin-Konzert Michael Jacksons verbreitete sich eine an die Beatlemania...

(...) Ihre bewegte Jugendzeit prägt die Generation der Babyboomer, die sich jetzt auf Seniorentagen treffen, auch im Alter. Alte Menschen wollen heute so aktiv wie möglich am gesellschaftlichen und kulturellen Leben teilnehmen. Und nicht nur das. Sie wollen dieses Leben verantwortlich mitgestalten und auch genießen. Allerdings: Die optimistische Parole „Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an …“, gilt längst nicht für alle! Nicht alle haben noch Spaß daran!

So wenig, wie es „die“ Jugend gibt, gibt es „die“ Alten. Sicher, da gibt es tatsächlich die wohlsituierten Rentner, die man selten zu Hause antrifft, weil sie zwischen der letzten Kreuzfahrt und dem nächsten Mallorca-Urlaub ihr Theaterabo ausnutzen. Aber da gibt es auch die, und das sind mehr, die jeden Cent umdrehen müssen und die darüber bitter geworden sind, dass sie trotz lebenslanger Arbeit kein würdiges Auskommen haben.

Sportliche und Citysenioren

Da gibt es die, die bei einer der vielen Lebensmitteltafeln in unserem Land mithelfen – und da gibt es die, die für sich selber inzwischen auf diese Tafeln angewiesen sind. Da gibt es die Sportlichen, die morgens beim Schwimmen sind und nachmittags beim Nordic-Walking – und da gibt es die auf Rundumpflege Angewiesenen, die keinen eigenen Schritt mehr gehen können, die sich in ihrer Verlassenheit über noch so kurzen Besuch so unendlich freuen würden.

Da gibt es die Citysenioren, mit Kinos, Kneipen und Konzerthäusern um die Ecke – und da gibt es die, die in manchen Dörfern und kleinen Orten kaum öffentlichen Nahverkehr haben, die kaum noch rauskommen: keine Ärzte in der Nähe, kaum Kultureinrichtungen, öffentliche Bibliotheken oder Schwimmbäder – und dazu noch ein so langsames Internet, dass man auch dessen Bildungs- und Unterhaltungsmöglichkeiten nicht richtig nutzen kann.

Da gibt es die gut Vernetzten, die in Familie und Verein Gemeinschaft erleben und Gemeinschaft mit aufbauen – und da gibt es die, die keine Kinder und Enkel haben und deren Freunde längst nicht mehr leben. Schmerzlich erfahrene Einsamkeit – und das hat zugenommen – lässt viele nach dem Sinn des Lebens und des Weiterlebens fragen.

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