Wahl in Bayern : Über die wechselvolle Beziehung zwischen Berlin und München

Preußen und Bayern verbindet ein nicht immer friedliches Nebeneinander. Anlässlich der Landtagswahl werfen wir einen Blick zurück in der Geschichte.

Die blau-weiß-bayrische Idylle kennt man in Berlin nur von Postkarten.
Die blau-weiß-bayrische Idylle kennt man in Berlin nur von Postkarten.Foto: picture alliance/Sven Hoppe/dpa/Schöning Verlag/dpa

Die Geduld eines Münchners mit eingebildeten Berlinern mag groß sein, aber unendlich ist sie nicht. Man nehme folgende historische Szene in einem Wirtshaus der bayerischen Landeshauptstadt, vielleicht ist es sogar das Hofbräuhaus: „Mit der Münchner Kunst is nischt mehr, Berlin is jetz’ die deutsche Kunstmetropole“ – so hat der Schnösel von der Spree vor seinem Gegenüber von der Isar aufgetrumpft, der dies nur mit einem gutmütigen „So, so“ kommentierte. Als der Berliner aber nachsetzt: „Un besseres Bier wird in Berlin auch schon jebraut“, schwingt der Bayer mit heiligem Zorn seinen Humpen: „Hanswurscht, damischer, dass I dir dei freche Goschen net recht herhau.“

Klar, das ist erfunden, aber gut erfunden, eine Karikatur aus dem „Simplizissimus“, der in der Kaiserzeit besonders gerne blasiertes Zwirbelbartgetue und krachlederne, aber nicht ganz ungefährliche Gemütlichkeit aufeinandertreffen ließ. Ein Kontrast, der längst abgeflacht ist, sich allenfalls noch im Gerede von Berlin als tatsächlicher, aber München als heimlicher Hauptstadt widerspiegelt. Ja, sogar der Brauch des bierseligen Oktoberfests ist inzwischen weit nach Norden und auch an die Gestade von Havel und Spree vorgedrungen. Es gibt sogar ein Hofbräu-Wirtshaus nahe dem Alexanderplatz, wenngleich umgekehrt im Münchner Hofbräuhaus leider noch immer keine Berliner Weiße auf der Getränkekarte steht.

Berlin und München - ein sich verändernder Antagonismus

Berlin und München, Preußen und Bayern – es war über die Jahrhunderte ein wechselvolles, nicht immer friedliches Nebeneinander, ein mal stärker, mal schwächer ausgeprägter Antagonismus, der gerade an einem Wahlsonntag wie diesem wieder in den Blick gerät. Dessen Ergebnisse werden hier im Norden besonders intensiv in der Behrenstraße 21-23 in Mitte mit Spannung erwartet.

Dort sitzt die bayerische Landesvertretung, in einem repräsentativen Gebäude, das 1896 vom Schaafhausen’sche Bankverein eröffnet und 1998 als erste Landesvertretung in Berlin genutzt worden war. Seit 1740 bestanden diplomatische Beziehungen zwischen Preußen und Bayern, erst 1934 wurde die Gesandtschaft in Berlin zwangsaufgelöst. Sie hatte sich zuletzt in der Voßstraße in Mitte befunden und wurde in den Folgejahren zugunsten der Neuen Reichskanzlei abgerissen.

Nicht immer haben sich die Konflikte zwischen den beiden Staaten auf diplomatischem Wege gelöst. Im Jahr 1866, während des Krieges zwischen Preußen und Österreich, ging es sogar überaus blutig zu. Bayerische Bataillone kämpften auf Österreichs Seite, allein bei der Schlacht von Kissingen am 10. Juli 1866 verloren die siegreichen Preußen 153 Mann, die Bayern 111. Dazu gab es zahlreiche Verwundete und Vermisste. Beim Krieg 1870/71 standen die Bayern dann aber auf der richtigen Seite.

Man hat ihnen die Unbotmäßigkeit in Berlin nicht weiter übelgenommen, schließlich hatte ja noch am 29. November 1823 Prinzessin Elisabeth von Bayern, Tochter Maximilians I., den preußischen Thronfolger und späteren König Friedrich Wilhelm IV. in der Kapelle des Berliner Schlosses geehelicht, eine Feier mit allem Pipapo: Empfang der Braut durch Berlins Magistrat, Errichten einer Ehrenpforte, Illumination der Stadt, Armenspeisung. Es wurde der Beginn einer, nach allem, was überliefert ist, glücklichen Ehe.

Im Film „Meyer aus Berlin“ kommt der Berliner nicht gut weg

Auch Bayern und Preußen kamen nach der Reichsgründung ganz gut miteinander aus, es war ja nun klar, wer hier das Sagen hatte – eine übrigens umgekehrte Konstellation wie zwischen 1323 und 1373, als die bayerischen Wittelsbacher Markgrafen von Brandenburg waren. Die beiden ehemaligen, nun im Kaiserreich vereinigten Kriegsgegner bespöttelten sich nur noch gegenseitig, wie man an unzähligen Karikaturen sieht oder auch an einem Film wie „Meyer aus Berlin“ von Ernst Lubitsch, 1918 in Berlin-Tempelhof und am Watzmann gedreht: Der Berliner kommt darin nicht allzu gut weg, sucht Erholung im Bayerischen, kleidet sich ausgesprochen zünftig, das Hütchen mit Gamsbart und Fasanenfeder, Hirschhornknöpfe am Jenkerl und das Hanfseil für die Berge malerisch umgeschlungen. „Bring mir meinen Bergstock!“, ruft er seinem Weibe zu, stolziert von dannen, bis er auf den Hausmeister trifft. Der Herr wolle wohl zum Maskenball?

Zugezogene in Berlin und Bayern (Grafik anklicken zum Vergrößern).
Zugezogene in Berlin und Bayern (Grafik anklicken zum Vergrößern).Foto: Tsp/Krohn

Solches andauernde Fingerhakeln hat die Oberen der damals noch eigenständigen Stadt Schöneberg 1907 aber nicht davon abgehalten, den zentralen Platz in einem für großbürgerliche Käuferschichten neuangelegten Viertel nach Bayern zu benennen. Viele der Straßen in diesem Viertel sind nach bayerischen Städten benannt.

Selbstverständlich gibt es dort eine Münchener Straße, wie übrigens auch in Frohnau und Lichtenrade, während Westend mit einer Bayernallee, Wilmersdorf mit einer Bayerischen Straße und Tempelhof mit einem Bayernring aufwarten kann.

Der Ur-BMW kam doch aus Berlin

Spandau dagegen mit den Bayerischen Motoren Werken. Seit 1939 ist BMW dort ansässig, produziert erst Flugzeugmotoren, unter anderem für die Ju 52, ab 1949 Teile für die Motorradproduktion, die 20 Jahre später aus München dorthin verlagert wurde. Und so stolz man in München auch auf die Autos mit dem blauweißen Propellerlogo ist, die Bayern schon im Herstellernamen tragen – der Ur-BMW kam doch aus Berlin.

Am 22. März 1929 war das erste Serienauto des Konzerns fertiggestellt worden. Das Fahrgestell stammte aus Eisenach, wo BMW im Jahr zuvor einen Kleinwagenhersteller erworben hatte. Ganzstahlkarossen konnte der aber nicht, und so wurde die Karosserie des Wagens im Werk der Firma Ambi-Budd nahe dem Flugplatz Johannisthal in Treptow hergestellt. Die Bayern hatte sie samt Maschinen gemietet, und hier wurde der Wagen auch montiert. Der BMW 3/15 PS, der allererste BMW also, ein erstaunlich geräumiger Kleinwagen, der mit dem Slogan „Innen größer als außen“ beworben wurde – er war eigentlich ein Berliner.

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