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Rex und Hopp. Tristan wird vorsichtig abgebaut und eingepackt.
© Britta Pedersen/dpa

T-Rex Tristan verlässt Berlin: Ein Dinosaurier-Umzug als Knochenjob

Drei Millionen Menschen haben ihn besucht, er war ein Glücksfall für Berlins Naturkundemuseum. Jetzt zieht T-Rex Tristan um. Der Abschied eines Stars.

Es beginnt mit der Enthauptung. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Berliner Naturkundemuseums haben die Hände vor den Mund geschlagen, die Augen gebannt auf das gerichtet, was hier passiert. Vor ihren Augen baumelt ein gewaltiger Schädel mit leeren Augenhöhlen an einer Kette. Es ist der Kopf des Objektes mit der Inventarnummer MB.R.91216. Es ist der Kopf von Tristan Otto, dem Tyrannosaurus Rex, dem berühmtesten Jäger der Urzeit. Zwischen dem hellen Metall der Gerüststreben ragt er in den Raum hinein wie ein Tier aus seinem Käfig. Das Podest zu seinen Füßen ist abgebaut, die Krallen des Tyrannosaurus schweben in der Luft.

Es sind Reisevorbereitungen. Am Montag wird Tristan Berlin verlassen, ab April wird er für ein Jahr im Statens Naturhistoriske Museum in Kopenhagen zu sehen sein. Seine 300 Einzelteile sollen in den nächsten Tagen unbeschadet in Dänemark ankommen. Tristans Reise ist eine logistische Herausforderung – und der Abschied eines Stars.

30 Millionen Exponate umfasst die Sammlung des Naturkundemuseums, keines hat so viel Aufsehen erregt wie Tristan. Für Forscher bot der Tyrannosaurus seit seiner Ankunft im Dezember 2015 eine seltene Chance, für etliche Berliner ist das Skelett zu „ihrem“ Tristan geworden. Für das Naturkundemuseum war er vor allem ein wirtschaftlicher Glücksfall.

Nach Angaben des Museums ist die Besucherzahl seit Tristans Ankunft deutlich gestiegen. Kamen im Jahr 2015 – vor Tristan – rund 540.000 Menschen ins Museum, waren es im Jahr darauf fast 280 000 Menschen mehr. 2019, im Jahr vier nach Tristans Einzug, waren es immer noch 740.000 Gäste.

Und es scheint, als halte das Glück an: Bund und Land beschlossen 2018, dem Museum für Aus- und Umbauarbeiten 660 Millionen Euro zur Verfügung zu stellen. Weil das Museum ein bedeutender Wissenschaftsstandort ist, aber auch, weil es Touristen anzieht. Tristan wurde von insgesamt drei Millionen Menschen besucht, 2021 soll er nach Berlin zurückkehren.Die Faszination der Stadt für den Dino scheint ungebrochen zu sein.

Erleichterung, Applaus, Kameraklicken

Im Flaschenzug schnarren die Glieder der Kette, von einer Hebebühne aus lässt der Schlosser des Museums den mattschwarzen Kopf nach unten, in eine brusthohe Kiste aus hellem Holz. Erleichterung, Applaus, Kameraklicken. Der Direktor des Kopenhagener Museums lacht und deutet auf die Vitrine am anderen Ende des Saals. Darin ruht der echte Schädel. Das, was in der Kiste hängt, ist nur eine Replik: 60 Kilo Kunststoff.

Der knapp 200 Kilogramm schwere Originalschädel wurde separat ausgestellt.
Der knapp 200 Kilogramm schwere Originalschädel wurde separat ausgestellt.
© Pawel Kopczynski/Reuters

Tristans echter Schädel wiegt fast 200 Kilogramm. Und er ist außergewöhnlich gut erhalten, auch das Gebiss ist beinahe vollständig. „Das ist der Jackpot“, sagt Franziska Sattler, „die Zähne kommen sonst oft als Erstes abhanden.“ Diesen messerscharfen Zähnen ist Sattler so nahe gekommen wie nur wenige sonst.

Franziska Sattler ist 32, trägt einen Bob und glitzernde Ringe in den Ohrmuscheln. Sie hat Geowissenschaften studiert, dann Evolutionsbiologie, jetzt arbeitet sie an der Freien Universität. Die Paläontologie war für sie ein Kindheitstraum, erzählt sie. Mit dem Großvater habe sie „In einem Land vor unserer Zeit“ geguckt, später fieberte sie im Kino mit, wie eine junge Wissenschaftlerin im Jurassic Park den Zähnen der Urzeitriesen entkam. Und Stephen Spielbergs Paläobiologin hieß auch noch wie sie: Dr. Ellie Sattler.

Eine Reise zu Tristans Wiege nach Montana

Die reale Sattler arbeitet als Studentin im Naturkundemuseum, als sich 2015 abzeichnet, dass in Berlin bald ein T-Rex zu sehen sein wird. Um in der Ausstellung zeigen zu können, wie es dort aussah, wo der Tyrannosaurus Rex gelebt hatte, entsendet das Naturkundemuseum ein fünfköpfiges Team zu Tristans Wiege, der Hell-Creek-Formation im US-Bundesstaat Montana. Sattler darf mit.

Mit Meißel und Pinsel kauern die Paläontologen in der prallen Sonne auf dem Boden und suchen nach Spuren aus längst vergangenen Zeitaltern. „Das Gefühl, wenn man da etwas findet, das kann ich gar nicht beschreiben“, erinnert sich Sattler. „So geht es vielleicht Leuten, die zum ersten Mal ihr Kind sehen. Du hältst etwas in der Hand, was noch nie ein Mensch vor dir gesehen hat.“

An manchen Stellen sei die Erde beige, berichtet Sattler, an anderen rötlich oder schwarz. Dort, im schwarzen Sediment, hatte man Tristan vor zehn Jahren entdeckt. Dass der T-Rex im Dezember 2015 nach Berlin kam, war das Ergebnis einer glücklichen Fügung. Nachdem das Skelett auf dem Privatgrundstück in Montana gefunden wurde, wurde es präpariert und 2014 verkauft, an zwei dänischstämmige Investoren mit den filmreifen Namen Niels Nielsen und Jens Jensen. Sie tauften den Tyrannosaurus Tristan Otto, nach ihren Söhnen, und entschieden: Das Skelett solle der Öffentlichkeit und der Forschung zugänglich gemacht werden.

London lehnte ab: kein T-Rex-Bedarf

So viele geeignete Standorte gibt es aber gar nicht für einen drei Meter hohen und zwölf Meter langen Dinosaurier. Das Naturkundemuseum in London, wo die beiden Banker arbeiten, lehnte ab: kein T-Rex-Bedarf. Nielsen und Jensen fragten in Berlin an. Dort entschieden die Verantwortlichen: Für Tristan müsse unbedingt Platz sein.

Und weil im Berliner Naturkundemuseum auch Forscherinnen und Wissenschaftler beschäftigt sind, stellten die Dino-Eigentümer das Skelett dem Museum kostenlos zur Verfügung. Mit einer Auflage: Tristan sollte auch in ihrer Heimat Dänemark zu sehen sein.

Hatte Tristan Zahnschmerzen? Hat diese Tatsache ihn womöglich das Leben gekostet?
Hatte Tristan Zahnschmerzen? Hat diese Tatsache ihn womöglich das Leben gekostet?
© Rainer Jensen/dpa

Nach ihrer Rückkehr aus Montana wählt Franziska Sattler Tristan als Thema für ihre Masterarbeit. Sie untersucht den T-Rex-Kiefer computertomographisch, die Knochen werden an der Charité gescannt. Sattler vermisst die Bilder, rechnet und entdeckt Erstaunliches: In Tristans versteinerten Kiefern sitzt unter jedem zweiten Zahn ein neuer Zahn.

Diese Ersatzzähne schoben sich zu seinen Lebzeiten langsam in den darüberliegenden Zahn, bis der ausfiel. Zahnwurzeln, wie die Menschen sie haben, hatten die Dinosaurier nicht. Weil der Tyrannosaurus Rex seine Zähne abwechselnd austauschte, alle ein bis zwei Jahre, war sein Gebiss zu jeder Zeit einsatzbereit und stark genug, um Panzer zu knacken und Knochen zu brechen. Dieses Wissen über das Muster des Zahnwechsels beim T-Rex ist neu.

"Manchmal wünschte ich mir, ich würde mehr verstehen."

Und noch etwas fand ein Berliner Forscherteam heraus: Tristan litt vermutlich an einer chronischen Kieferentzündung. Die CT-Aufnahmen zeigten: Das Gewebe im Kiefer ist verdichtet, die Gefäßkanäle sind aber noch intakt, was gegen eine Tumorerkrankung spricht. Hatte Tristan Schmerzen? „Wenn ich an meine Weisheitszähne denke – das war super schmerzhaft!“, sagt Sattler dazu. War die Entzündung sogar für seinen Tod verantwortlich, weil er vor Schmerzen nicht mehr beißen konnte? Möglich, aber ungewiss. Sattler sagt: „Manchmal wünschte ich mir, ich würde mehr verstehen.“

Rund 64 Millionen Jahre bevor der erste Urmensch überhaupt nur einen Stein in die haarige Hand genommen hatte, am Ende des Erdzeitalters Oberkreide, stand der Tyrannosaurus an der Spitze der Nahrungskette, war der König der Welt. Heute ist er der Popstar unter den Dinos.

Schwarze Wirbelknochen auf Schaumstoffmatten

Zwei Wochen vor Tristans Abschied ist von seiner einstigen Grandeur nur noch wenig zu erahnen. Der Sonderausstellungssaal hat sich in eine Lagerhalle verwandelt. Es riecht nach frischem Holz. Schwarze Wirbelknochen liegen auf Schaumstoffmatten an einer Längsseite des Raumes. „Damit keiner drüber stolpert“, sagt Thomas Schossleitner.

Der 40 Jahre alte Biologe – Vollbart, Kappe auf dem Kopf, Hände in den Hosentaschen – ist Sammlungsmanager im Naturkundemuseum. „Wie ein Bibliothekar, nur mit Knochen“, beschreibt er seinen Job. Seine Aufgabe ist es, Abbau, Abtransport und Wiederaufbau von Tristans Skelett zu koordinieren. „Das Verpacken von einem ganzen Tyrannosaurus ist für mich auch ein erstes Mal.“

Auf einem Metallgestell ist ein Knochen von der Größe eines Schulkindes festgeschnallt, „Pubis“ steht auf dem Zettel daneben: Tristans Schambein. Schossleitner schiebt auf einem Rollwagen eine weitere Kiste herein. In diesen Transportkisten bringt eine professionelle Kunstspedition Tristans Knochen nach Kopenhagen.

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In der Vorbereitung hat Schossleitner etliche Stunden mit dem Skelett verbracht, diese Zeit, sagt er, sei eigentlich der beste Teil seiner Arbeit gewesen. Ab und zu habe er gedacht: „Ich kann ganz allein zu einem T-Rex gehen. Verdammte Axt, das ist schon irgendwie echt gut.“

Mit einem Cuttermesser schneidet ein Mitarbeiter der Spedition entlang einer roten Filzstiftmarkierung in eine fünf Zentimeter dicke Schaumstoffplatte. Es ratscht. Der Schaumstoff ist feinporig und erinnert an frisch gefallenen Schnee. Auf einem Tisch daneben liegen längliche, gebogene Knochen: vier von Tristans Rippen.

Die Knochen, hier ein Teil des Unterkiefers bei Tristans Ankunft 2015, werden mit größter Vorsicht behandelt.
Die Knochen, hier ein Teil des Unterkiefers bei Tristans Ankunft 2015, werden mit größter Vorsicht behandelt.
© Gregor Fischer/dpa

Der Spediteur legt die Knochen vorsichtig in die angepassten Schaumstoffformen. Dann schlägt er sie in eine dünne, weiße Plane ein, der spezielle Vliesstoff ist atmungsaktiv und verliert kaum Fasern. Über die so verpackten Knochenpäckchen spannen die Mitarbeiter der Spedition zum Schluss noch einen Gurt.

Ein T-Rex im Wintergarten?

Neben jedes der weißen Pakete wird ein Papierschnipsel mit der Zuordnung geklebt: vierte Rippe, rechte Seite. Neun Kisten sind zu diesem Zeitpunkt bereits verschraubt und beschriftet, damit man in Kopenhagen auch die richtigen Teile zum richtigen Zeitpunkt wiederfindet.

Es werden 23 Kisten sein, in denen Tristan am Montag Berlin verlässt. Und dann – so ist es geplant – nach etwa einem Jahr zurückkehrt. Das Naturkundemuseum kann noch nichts darüber sagen, wie Tristan dann präsentiert wird. Das Skelett ist Privateigentum ist, theoretisch könnte Niels Nielsen beschließen, den T-Rex lieber in seinem Wintergarten aufzustellen – damit rechnet aber niemand.

Kinder lieben Dinosaurier - Tristan war ein besonders beliebtes Ausflugsziel.
Kinder lieben Dinosaurier - Tristan war ein besonders beliebtes Ausflugsziel.
© Doris Spiekermann-Klaas

All das ist Grund genug für eine Abschiedsparty. Am letzten Freitag im Januar reicht die Besucherschlange vom Eingangsportal des Museums bis um die Ecke auf die Invalidenstraße. Drinnen, im Lichthof des Museums, ist es schwül und laut. Überragt vom Gerippe eines Brachiosaurus nippen die Gäste an ihren Drinks. Es ist 19 Uhr und die ersten Partybesucher wippen im Takt der Elektromusik.

Durch Tristans Raum schieben sich die Menschen. Einige posieren vor dem Podest für ein letztes Foto, sie krümmen ihre Finger zu Klauen und schneiden gefährliche Grimassen. An einer Wand hängen Abschiedskarten: „Junge, komm bald wieder nach Hause“ steht dort. Und, in ungelenken Großbuchstaben: „Rex lieb“. Daneben ist ein Herz gemalt.

25.000 Besucher zum Abschied

Ein paar Kinder liegen erschöpft auf dem runden Polster unter dem Sternenhimmel vor dem Eingang zum Sonderausstellungsraum. Gefragt, was Tristan so besonders cool mache, antwortet ein Mädchen: „Na, er ist halt ein T-Rex!“ Was für eine Frage.

An jenem Wochenende sind 25.000 Menschen ins Naturkundemuseum gekommen, um sich von Tristan zu verabschieden. Eine von ihnen war Franziska Sattler. „Da hab ich auch nochmal Fotos gemacht. Ich hab natürlich schon tausende, aber das waren die letzten“, sagt sie. „Jetzt ist er ja weg.“

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