"Die Neue Nationalgalerie" im RBB : Über allem Mies

Die Neue Nationalgalerie: Eine Spurensuche der Regisseurin und Schauspielerin Ina Weisse 50 Jahre nach der Eröffnung.

Die Neue Nationalgalerie, ein Jahrhundertbauwerk von Mies van der Rohe.
Die Neue Nationalgalerie, ein Jahrhundertbauwerk von Mies van der Rohe.Foto: rbb/Judith Kaufmann/Marcus Winte

Die Neue Nationalgalerie wird generalsaniert. 50 Jahre sind seit der Eröffnung 1968 vergangen, die ihre Spuren hinterlassen haben. „Rost ist keine gute Patina für Stahl“, sagt der Architekt David Chipperfield in der RBB-Dokumentation „Die Neue Nationalgalerie“. Und das bei einem Gebäude, das „nach Zeitlosigkeit strebt“. Schon in der Eingangssequenz lässt sich erahnen, dass etwas geschehen muss. Da zieht ein Museumsmitarbeiter die Vorhänge auf, und man blickt auf feucht beschlagene Scheiben.

Aber das ist auch schon – neben der Bemerkung Chipperfields, der den Bau sanieren wird – in dieser 45-minütigen Doku der einzige Hinweis auf die Alterung, der eben auch ein zeitloser Bau ausgesetzt ist. Ina Weisse, die Regisseurin, ist sich allerdings nicht ganz sicher, was sie stattdessen zeigen will – in erster Linie den Entwurfsprozess und den Bau, wo es von beidem fast nur Standbilder und kein Filmmaterial gibt, aber zweitens auch die städtebauliche Entwicklung des Kulturforums drum herum und drittens das Ausräumen des Museums bis zur Ansicht der völligen Leere. So gehen die unterschiedlichen Erzählstränge durcheinander.

Mies van der Rohe, dritter Direktor des Bauhauses, Emigrant in den USA, Architekt in Chicago und schließlich Entwerfer der Neuen Nationalgalerie, die er, der 1969 starb, nicht mehr fertig hat sehen können, kommt selbst zu Wort, es gibt Tondokumente von ihm (die Zeitschrift „Bauwelt“ hat einmal eine ganze CD veröffentlicht). Man hört mit Sympathie den rheinischen Tonfall des über Achtzigjährigen, der 1886 in Aachen als Sohn eines Steinmetzes zur Welt kam und zeitlebens dem Handwerklichen des Bauens eng verbunden blieb.

Die näheren Erläuterungen zu Mies’ Arbeitsweise liefern sein Enkel, der angenehm ironische Dirk Lohan, und der Vater der Regisseurin, Rolf Weisse. Beide Herren, nun im vorgerückten Alter, haben mit Mies in Chicago gearbeitet und machen lebendig, was in den einmontierten Fotografien statisch bleiben muss. Hübsch sind ein paar Farbfilmstreifen aus dem Chicago der 1960er Jahre.

Der Purist sagt: Hätte man gut drauf verzichten können

Film ist Bewegung, und der fehlende Film vor allem vom Anheben des 1200 Tonnen schweren Stahldachs, dieser Meisterleistung der Ingenieurskunst, ist ein Manko, das die immer wieder eingestreuten Sequenzen vom Einpacken der Kunstwerke, vom Ausräumen des Museums wahrlich nicht kompensieren können. Der Purist sagt: Hätte man gut drauf verzichten können.

Ein bisschen Volkshochschule über das Tiergartenviertel, allgemeinverständlich dargeboten von den Experten Wolfgang Schäche und Fred Riedel, und hochgestochen Theoretisches vom Architekturhistoriker Fritz Neumeyer – dem besten Mies-Kenner hierzulande, keine Frage – befriedigen das Bedürfnis derer, die alles genau wissen wollen.

Schade, dass Regisseurin Weisse sich nicht dazu verstanden hat, allein die Zeitzeugen reden zu lassen. Dirk Lohan hat bei Berlin-Besuchen immer wieder bewiesen, was für ein guter Unterhalter er ist, darin wohl seinem Großvater ähnlich. Rolf Weisse und der Ingenieur Heinz Oeter durchleben noch heute, ein halbes Jahrhundert später, die Aufregung bei Entwurf und Bau der freitragenden Halle. Und über allem Mies, mit seiner noch im hohen Alter klaren, fast hellen Stimme und seinem Aachener Singsang. Aber das schreibt, wer von Mies und seinem kantigen Zauber betört ist.

Am Schluss kommt das schönste Zitat des Meisters (der sehr wohl wusste, wenn er für die Ewigkeit sprach): „Verwechseln Sie bitte nicht das Einfache mit dem Simplen. Da ist ein Unterschied. Ich liebe diese Einfachheit, aber wahrscheinlich aus dem Grunde der Klarheit, nicht der Billigkeit. Das kommt uns gar nicht in den Topf, wenn wir arbeiten.“ Herrlich. Dafür lohnt es sich, die Dreiviertelstunde durchzuhalten.

„Die Neue Nationalgalerie“, noch bis Sonntag in der RBB-Mediathek

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