RBB-Reihe "Schicksalsjahre : Berlins bewegende Bilder

Die „Schicksalsjahre“-Reihe des RBB trifft den Nerv des Publikums. Die Fortsetzung ist bereits in Arbeit.

Geplatzte Fusion. 1996 sollten sich Berlin und Brandenburg vereinen. Die Hauptstädter waren dafür, die Märker waren dagegen – die Hochzeit wurde abgesagt.
Geplatzte Fusion. 1996 sollten sich Berlin und Brandenburg vereinen. Die Hauptstädter waren dafür, die Märker waren dagegen – die...Foto: rbb

Wie schnell doch die Erinnerung in dieser so schnelllebigen Zeit verblasst. Oder anders gesagt: Was 1997 alles passiert ist. Brandenburg kämpfte gegen das Oder-Hochwasser, allen voran „Deichgraf“ Matthias Platzeck. In Berlin holt Helmut Kohl zum Spatenstich für das Kanzleramt aus. Und Fußballer Axel Kruse führt als Herthas neuer Kapitän den Traditionsverein in die Erstklassigkeit zurück, während die Eisernen vom 1. FC Union gegen den Konkurs ankämpfen. So war es am Samstag in der RBB-Reihe „Berlin – Schicksalsjahre einer Stadt“ zu sehen.

Im November 2018 hatte das RBB-Fernsehen mit den „Schicksalsjahren“ eines der erfolgreichsten Formate gestartet, das der Sender jemals für das Samstagabendprogramm entwickelt hat. Ausgangspunkt war die Überlegung, womit man die Zuschauer für den aus Programmplanersicht schwierigsten Tag der Woche am besten erreichen könnte. Herausgekommen ist ein Stück Erinnerungsfernsehen, das den Nerv des Publikums getroffen hat.

Zunächst war die Reihe nur auf drei Staffeln ausgelegt. Von 1961, dem Jahr des Mauerbaus, bis zum Jahr des Mauerfalls 1989 sollte die Zeit der Teilung von Berlin aus dem vorhandenen Archivmaterial und mit Zeitzeugengesprächen erzählt werden. Und das in einer Länge von jeweils 90 Minuten – ein mutiges Unterfangen. Doch der Erfolg gab den Machern recht, eine vierte Staffel über die 90er Jahre schloss sich nahtlos an. Sie läuft noch bis zum 1. Februar, und der RBB will es dabei nicht bewenden lassen.

Interesse wächst stetig

Das Interesse der Zuschauer an den „Schicksalsjahren“ wuchs von Staffel zu Staffel. Die 60er Jahre kamen auf einen Marktanteil von 5,2 Prozent und die 70er auf sechs Prozent. Die 1980er Jahre blieben ungefähr auf diesem Niveau. Mit 193 000 Zuschauern hatte die Folge von 1984 am 5. Oktober 2019 die meisten Zuschauer aller bisherigen Staffeln.

Für ein Drittes Programm sind das beachtliche Zahlen, zumal am Samstagabend. In der Regel kommt der RBB an dem Tag auf 2,5 bis drei Prozent, also nicht einmal auf die Hälfte des durchschnittlichen Marktanteils für das RBB Fernsehen. Auch die knapp 1,5 Millionen Videoabrufe über die Mediatheken „sind für ein Projekt aus den Dritten Programmen super“, freut sich Johannes Unger, Leiter der RBB-Abteilung Dokumentation und Zeitgeschehen.

Die vierte Staffel begann etwas schwächer. Die Folge von 1996 erreichte mit 6,7 Prozent Marktanteil wieder einen Spitzenwert, auch wenn der Ost-West-Gegenschnitt in dieser Staffel zwangsläufig nicht mehr so ausgeprägt sein kann. Das DDR-Fernsehen existierte in den 90ern nicht mehr, der Kontrast durch den neu gegründeten Ostdeutschen Rundfunk Brandenburg fällt weitaus weniger stark aus.

Für Rolf Bergmann, Projektleiter der „Schicksalsjahre“, liegt es nahe, die Reihe nun zu Ende zu erzählen. Die Ausstrahlung der fünften Staffel, in der die Geschichte Berlins in den Nullerjahren erzählt wird, beginnt am 11. April. Nach Katharina Thalbach, Katja Riemann, Katrin Sass und Anna Thalbach wird Jasmin Tabatabai die Texte sprechen. Eine Stimme, die zu der veränderten Stadt passt, wie Bergmann meint. Dass es sich ausschließlich um Sprecherinnen handelt, hat einen nachvollziehbaren Grund: Das Archivmaterial aus der Vergangenheit ist von männlicher Perspektive und von männlichen Akteuren geprägt – noch mehr männliche Stimmen brauchte somit niemand.

Qual der Auswahl

An Material mangelt es jedenfalls nicht. Die Kunst besteht vielmehr darin, sich bei der Auswahl zu beschränken. „Wir lösen uns ein bisschen von der Aktualität, wir gehen etwas mehr in Richtung Kulturreport und Magazinberichte“, erläutert Bergmann. „Wir werden essayistischer“, ergänzt Johannes Unger.

Bei der Mischung aus Berliner Leben und Schicksal soll es bleiben, schließlich sind es ja häufig die kleinen Dinge wie ein Bericht in der „Abendschau“ über die Erhöhung der Schrippenpreise, die sich einprägen. Apropos Preise: Die Kosten für die „Schicksalsjahre“ halten sich in überschaubaren Grenzen. „Die Produktion ist nicht teuer, es gibt keine großen Drehreisen, da sich alles in Berlin abspielt“, sagt Unger. Zudem stammt die Fülle von Archivmaterial aus dem hauseigenen SFB/RBB-Archiv sowie aus dem Deutschen Rundfunkarchiv, das die Bestände des DDR-Fernsehens hütet. Die „Schicksalsjahre“ sind zudem ein wichtiges Programmvermögen, zumal die Reihe immer wieder gespielt werden kann.

„Mit den 2000er Jahren werden wir eine neue Farbe in die Reihe bekommen. Bereits Ende der 90er Jahre verschwindet dieses Graue und Kalte, das auch von der damals noch nicht so guten Fernsehtechnik herrührte, zunehmend. Aber auch mit dem Berlin-Umzug kommt ein anderes Gefühl auf“, sagt Bergmann über die neue Staffel. Ein Highlight dieser Jahre ist sicherlich die Fußball-WM 2006 nicht nur im eigenen Land, sondern auch in der eigenen Stadt. Für die Macher läuft jetzt die Suche nach Zeitzeugen an, die das „Sommermärchen“ erzählen können.

Die „Schicksalsjahre“, für den RBB sind sie ein Projekt der Superlative. In jedem Fall sind sie die ausführlichste Chronik dieser Art im Deutschen Fernsehen. Im überregionalen Bereich will ARD Alpha nun einige Beiträge aus den 80er Jahren übernehmen. Der WDR hat sich ebenfalls inspirieren lassen und die Geschichte von Nordrhein-Westfalen in den 70er, 80er und 90er Jahren in ähnlicher Form aufbereitet. Allerdings sind die Beiträge für jedes Jahr halb so lang sind wie bei Berlins „Schicksalsjahren“.

Wie weiter?

Nach dem Erfolg der „Schicksalsjahre“ stellt sich die Frage: Wie geht es weiter? Wie kann die positive Erfahrung auf andere Themen übertragen werden? Eine Antwort darauf könnte die neue Reihe „Unsere Momente“ sein. Ende 2019 liefen zwei Beiträge, ebenfalls in Spielfilmlänge. Zum einen über „Die Nacht, als die D-Mark kam“, zum anderen über „Weihnachten ’89“. Ein Film über die „Loveparade – als die Liebe tanzen lernte“ steht bereits in der Mediathek. Die Zeiträume sind ähnlich, die Filmbeiträge jedoch unterschiedlich. Beliebig viele solcher Momente lassen sich zwar eher nicht finden, dennoch lässt sich diese Idee ausbauen.

Ein ebenfalls außerordentlich beliebtes Doku-Format des RBB ist die Dienstagsreihe „Geheimnisvolle Orte“. Für dieses Jahr sind Besuche im Schloss Cecilienhof, am Brandenburger Tor, im Roten Rathaus und am Potsdamer Brauhausberg mit seiner wechselvollen Geschichte geplant. Das Kriegsende vor 75 Jahren spielt für die Abteilung Dokumentation und Zeitgeschehen eine große Rolle, siehe „Kinder des Krieges“ Anfang Mai für das Erste, oder „Berlin 1945“ gemeinsam mit Arte im RBB-Fernsehen.

Und dann hoffen Unger und Bergmann auf die Vollendung der „Schicksalsjahre“ – auf Staffel sechs bis 2019. „Wir machen das ja nicht nur für den Moment der Ausstrahlung, sondern auch für später. Das hat ja Bestand in der Mediathek“.

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