TV-Dokumentation über Ostfrauen : Wo Emanzipation von emanzipiert kommt

Wege zum Glück, Wege zur Macht, weg vom Herd: Eine dreiteilige Dokumentation von MDR und RBB zu den Ostfrauen.

Meistern Beruf und Familie, weil sie es nicht anders kennen und können. Wie Birgit Spiegelberg im Textilwerk Crimmitschau.
Meistern Beruf und Familie, weil sie es nicht anders kennen und können. Wie Birgit Spiegelberg im Textilwerk Crimmitschau.Foto: mdr/rbb/Hoferichter&Jacobs

Ich glaube nicht, sagt irgendwann im dritten Teil die Köchin aus Erfurt, dass die Sozialisten „so radikal-feministisch“ waren. Die Befreiung der Frau in der DDR sei wohl eher eine Notlösung gewesen. Das ist nicht richtig. Der Satz „Es gibt keine Befreiung des Menschen ohne die Befreiung der Frau“ gehört zu den Grundbekenntnissen der Arbeiterbewegung. Es ist zugleich einer der schönsten Sätze des 19. Jahrhunderts. Hat der „radikale Feminismus“ dagegen jemals einen wirklich schönen Satz hervorgebracht?

„Ostfrauen“ heißt das dreiteilige Porträt eines besonderen Evolutionsweges, das der RBB und der MDR zeigen. Um 1990 äußerte Helmut Kohls junge Familienministerin die Vermutung, dass dieser Sonderweg nun wohl beendet sei und die DDR-Frauen mehrheitlich ins normale Leben zurückkehren werden, also an den Herd. Im Fall der Urheberin dieser Vermutung darf die Rückkehr als definitiv gescheitert angesehen werden: Es war Angela Merkel.

„Ostfrauen – Wege zum Glück“ beginnt mit einer großen Fremdheitsbekundung aller Mitwirkenden, den Feminismus betreffend. „Das Wort Emanzipation ist bestimmt nicht bei uns gewachsen“, vermutet eine Lehrerin aus Weimar. „Ich finde Frausein schön. Ich möchte nicht so eine furchtbare Emanze sein“, sagt eine andere und fügt sofort an: „Aber ich habe schon ein unheimliches Gerechtigkeitsempfinden.“ Und so geht das weiter. Dass aus den Ostfrauen noch dreißig Jahre nach der Wende keine Westfrauen geworden sind, ist ein zu erstaunliches Phänomen, um es nicht näher zu betrachten. Die Filmemacher Lutz Pehnert und Antje Schneider haben diesen Befund in eine bündige These gebracht: Ostfrauen reden nicht über Emanzipation, weil sie emanzipiert sind. Und da man einen solch steilen Satz nicht einfach so stehen lassen kann, widmen sie ihren sehenswerten Dreiteiler der Überprüfung dieser Aussage.

Trümmerfrauen in Ost und West

Die Anfänge waren in Ost und West gleich. Die Trümmerfrauen räumten die Wege frei in ein neues Leben. Alles lag auf ihren Schultern, doch während die SED schon 1950 mahnte: „Durch die Eheschließung darf die Frau nicht gehindert werden, einen Beruf auszuüben“, kehrten die Frauen in der alten Bundesrepublik bereitwillig zurück in ein Dasein, das Lutz Pehnert anhand des Spezialfalls einer Schule vorstellt. Der Fernsehkommentar von damals: „In einer Bräuteschule werden die Mädchen auf ihren Lebensberuf als Hausfrau, Ehefrau und Mutter vorbereitet.“ Und dann, in wohlwollender Herablassung: „Auch wenn Sie es nicht glauben, meine Damen, angebrannte Schnitzel und eine verbrutzelte Gans haben wir Männer nicht so gern. Also lernen Sie beizeiten kochen, es zahlt sich aus!“ Für wen?

Die jungen Mädchen West gingen also zur Bräuteschule, die im Osten zur Abendschule und dann oft zum Fernstudium, während sich die DDR-Männer der 50er Jahre unverdrossen vor allem „fleißige“ Ehefrauen wünschten. Die bekamen sie dann auch, nur auf unvorhersehbare Weise. Der Mann als parasitäre Lebensform hatte es nicht leicht in der DDR, Frauen ließen ihn massenhaft zurück.

Die DDR träumte immer von der Weltspitze, in einer Disziplin hat sie es geschafft: Bei den Ehescheidungen belegte sie unangefochten Platz 1. 70 Prozent der Anträge wurden von Frauen gestellt. Sie heirateten nicht, um versorgt zu werden, sondern aus Liebe. Und wenn sich dieses Motiv als unhaltbar herausstellte, gingen sie wieder.

Die drei Filme befragen Frauen aus drei Generationen, und so wird nebenbei deutlich, was Töchter im Osten unverändert von ihren Müttern erben: das große Bedürfnis nach Selbstständigkeit. Vielleicht liegt hier der Schlüssel zu einem Phänomen, das bei der Bundestagswahl 2017 nicht mehr zu übersehen war: In der „Elefantenrunde“ neben Angela Merkel die Ostfrauen Katja Kipping von der Linken und Katrin Göring-Echardt von den Grünen. Auf anderen Sendern kommentierten Manuela Schwesig, Frauke Petry oder Sahra Wagenknecht.

Dabei ist das Bedürfnis nach Selbstdarstellung absolut keine Mitgift der DDR, wohl aber der Drang, auf eigenen Beinen zu stehen. Die SPD-Politikerin Katrin Budde, 1965 in Magdeburg geboren, wies ihren Töchter schon früh die Richtung: „Und mit welcher Karte gehen wir einkaufen?“ – „Nur mit der eigenen, Mama!“. Die Vorstellung, vom Geld ihrer Männer zu leben, scheint Frauen aus dem Osten noch heute ebenso absurd wie unerträglich. Es lohnt, diesen Frauen zuzuhören, ihren ganz verschiedenen Lebensgeschichten, von der früheren LPG-Vorsitzenden bis zur Politikerin, von der Textilarbeiterin bis zur Journalistin. Auf je eigene Weise münden ihre Erfahrungen in verwandte Wahrnehmungen.

In der DDR mussten die Frauen ihre Rechte nicht von den Männern und gegen die Männer erkämpfen. Die Emanzipationsfrage stellte sich anders: Müssen wir uns nicht alle emanzipieren? Noch ist keiner schon richtig zur Welt gekommen, weder Frau noch Mann. Was für eine traurige Wissenschaft ist dagegen das Gender-Neusprech, das jeden lebendigen Satz in einen toten verwandelt. Das kommt nicht von uns, könnte die Weimarer Lehrerin sagen. Kerstin Decker
„Ostfrauen – Wege zum Glück“, Freitag, RBB/MDR, 20 Uhr 15, „Ostfrauen – Wege zur Macht“, Freitag, RBB/MDR, 21 Uhr, „Ostfrauen – weg vom Herd“, 12. März, RBB, 20 Uhr 15, MDR, 22 Uhr 15

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