Chang'e 4 landet auf dem Mond : Was China und andere Weltraummächte nun vorhaben

China hat erstmals eine Sonde in einer erdabgewandten Region des Mondes gelandet. Wie sehen die Pläne anderer Staaten im Weltraum aus?

Frank Herold
Eines der ersten Fotos von der Rückseite des Mondes, die Chang'e 4 übermittelt hat.
Eines der ersten Fotos von der Rückseite des Mondes, die Chang'e 4 übermittelt hat.Foto: Reuters

Knapp 50 Jahre nach Neil Armstrongs ersten Schritten im „Meer der Ruhe“ hat mit der Landung von „Chang’e-4“ ein neues Kapitel der Monderkundung begonnen. Erstmals ist am Donnerstagmorgen ein weiches Aufsetzen auf der erdabgewandten Seite des Mondes geglückt. Minuten nach der Landung funkte die Sonde über einen Verbindungssatelliten in der Mondumlaufbahn erste Bilder zur Erde.

Warum ist die chinesische Landung ein historischer Schritt?

Unzureichende Mobilfunkabdeckung ist eines der wichtigen Themen in Deutschland derzeit. Sie war aber auch der Grund, warum bis zum Donnerstag die erdabgewandte Seite des Mondes komplett unberührt von menschengemachter Technologie geblieben war. Zwar ist die Rückseite des Mondes nicht seine dunkle Seite, wie man dieser Tage immer wieder fälschlich mit Referenz zu einem bekannten Pink-Floyd-Album lesen kann. Der Mond wird innerhalb eines seiner Tage, der 27 Erd-Tagen entspricht, mit Ausnahme von ein paar Kratertiefen überall von der Sonne beschienen. Doch im Funkschatten liegt die Mondrückseite komplett. Deshalb musste die chinesische Weltraumagentur vor der jetzigen Mission erst einmal einen Funksatelliten in ausreichender Entfernung stationieren, um am Mond vorbei Signale senden und empfangen und zu können. Wissenschaftlich ist vor allem der Landeort im Aitken-Becken nahe des Südpols bedeutend, da dort aufgrund eines einstigen Asteroideneinschlages an der Oberfläche Material aus tiefen Schichten vermutet wird. Die Untersuchung der Region könnte Fragen zur Geschichte und zur inneren Struktur des Mondes beantworten helfen. Allerdings müssen alle Analysen vor Ort stattfinden, denn einen Rücktransport von Proben wird es nicht geben.

Teil der Mission sind Versuche mit Pflanzen und Tieren. Was hat es damit auf sich?

Geplant ist ein Mini-Ökosystem in einem etwa 18 Zentimeter hohen Behälter mit 16 Zentimetern Durchmesser. Natürliches Sonnenlicht soll aus Samen sprießenden Kartoffel- und Schmalwand-Pflanzen (Arabidopsis) Energie liefern, die ihrerseits Sauerstoff produzieren würden. Aus chinesischer Sicht symbolträchtige Seidenraupen sollen aus Eiern schlüpfen und den Pflanzen Kohlendioxid und durch Ausscheidungen auch Nährstoffe liefern. Weiterentwickeln dürften sich die Tiere aber nicht, da sie keine Kartoffel- oder Schmalwandblätter fressen. Der Versuch im Gefäß wird per Kamera beobachtet, die Temperatur soll durch Steuerung der Lichtzufuhr geregelt werden. Es wäre das erste Mal, dass Menschen auf einem anderen Himmelskörper als der Erde Tiere und Pflanzen wachsen lassen würden. Hintergrund ist neben der prestigeträchtigen Erstleistung, dass bemannte und befraute Langstrecken-Weltraumerkundung und auch Stationen etwa auf dem Mars wahrscheinlich nur möglich sind, wenn Missionen sich selbst mit Nahrung versorgen und Sauerstoff recyclen können.

Was sind die nächsten und die strategischen Ziele Chinas im Weltraum?

Chang’e-4 ist der Abschluss von Phase 2 des chinesischen Mondprogramms. In diesem Jahr soll mit dem 5. Satelliten der Reihe Phase 3 beginnen. Chang’e-5 soll zur Erde zurückkehren und rund zwei Kilogramm Mondgestein mitbringen. Bemannt wird es für China zunächst aber erst einmal nur auf der Erdumlaufbahn konkret. Im Jahr 2020 soll der Bau einer chinesischen Raumstation beginnen. Ein bemannter Flug zum Mond ist erst für die 30er Jahre vorgesehen. Spektakuläre Erfolge in der Raumfahrt sind nach Ansicht von Experten ein wichtiges Thema in der Politik des „Chinesischen Traumes“ von Präsident Xi Jinping.

Was machen andere Weltraummächte und private Raumfahrtunternehmen?

2019 verspricht insgesamt ein Jahr des neuen Aufbruchs zum Mond zu werden. Unter den Nationen, die Sonden landen wollen, sind auch ganz neue wie etwa Indien und Israel. Dazu kommen Missionen privater Unternehmen, auch etwa ein Landegerät und ein kleines Mondfahrzeug der Berliner Firma „PTScientists“, deren Start aber möglicherweise in das kommende Jahr verschoben wird. Geplant ist hier erstmals eine Art Mond-Archäologie: Die Landung soll am Landeplatz von Apollo-17 erfolgen. Es soll dort dann unter anderem untersucht werden, ob sich auf dem zurückgelassenen Mondfahrzeug über die Jahrezehnte Staub angesammelt hat oder nicht. Das zu erfahren ist unter anderem wichtig für die Konzeption zukünftiger Stationen, für die man etwa wissen muss, ob Solarpaneele der Reinigung bedürfen. Elon Musks Unternehmen SpaceX wiederum kündigte im vergangenen Jahr an, 2023 erstmals zahlende Touristen in einem noch zu bauenden Raumschiff, angetrieben von einer „Big Falcon Rocket“, zum Mond und zurückbringen zu wollen. Und die großen Agenturen, allen voran die Nasa, aber etwa auch die Esa, wollen in Zukunft verstärkt mit privaten Unternehmen zusammenarbeiten.

Welche Rolle spielen die Europäer?

Die europäische Raumfahrtagentur Esa hat derzeit keine konkreten eigenständigen Pläne für Mondmissionen. Allerdings gibt es verschiedene Projekte in internationaler Zusammenarbeit, deren Planung jeweils unterschiedlich weit gediehen ist. So wurde Ende vergangenen Jahres ein in Bremen gebautes Antriebsmodul für das auch für Flüge zum Mond konzipierte Versorgungsraumschiff Orion an die Partner bei der Nasa ausgeliefert. Und für Mitte bis Ende der 20er Jahre ist in Kooperation mit den japanischen und kanadischen Weltraumagenturen die robotische Mission „Heracles“ in einem fortgeschrittenen Stadium der Planung. Sie soll ihrerseits bemannte Missionen vorbereiten helfen. Fest eingeplant hierfür ist bereits die Nutzung der von Nasa und Roskosmos konzipierten Umschlagstation namens „Lunar Orbital Platform Gateway“, die zwischen Erde und Mond stationiert werden soll.

Stehen wir vor einem neuen Wettlauf wie in den 60er Jahren?

Nein und Ja. Nein, weil es nicht mehr um die Konkurrenz zweier Gesellschaftskonzeptionen geht. Im amerikanisch-sowjetischen Wettlauf der Vergangenheit war jeder technologische Erfolg zugleich zum schlagenden Beweis für die Überlegenheit des jeweiligen Systems hochstilisiert worden. Entsprechend gewaltig waren die Mittel, die beide Staaten investierten, um den ersten Menschen auf den Mond zu bringen. Zeitweise verschlang das Apollo-Programm rund fünf Prozent des gesamten US-Haushaltes. Die Höhe der russischen Aufwendungen ist bis heute nicht bekannt. Einen Wettlauf zum Mond könne es aber auch diesmal geben. Das chinesische Programm sei „eine unmissverständliche Warnung, dass China die USA und Russland überholen und zur führenden Raumfahrt–Macht werden kann“, schrieb der amerikanische Politikwissenschaftler John Hickman in der Zeitschrift „Foreign Policy“. Er forderte sein Land auf, die Herausforderung anzunehmen.

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