Mehr als jeder vierte Spanier ist arbeitslos

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Spanien : Felipe muss die Monarchie neu erfinden

Otaduy macht das nur noch wütender. Wie er können viele junge Spanier nicht fassen, dass an der Spitze seines Staates weiterhin jemand stehen soll, der sich bloß durch seine Geburt für diese Aufgabe qualifiziert hat. Sie wollen kein System mittragen, in dem eine Familie Pomp, Privilegien und Paläste genießt, während sie sogar für ein Praktikum bezahlen müssen, weil die Plätze so begehrt sind. Mehr als jeder vierte Spanier ist arbeitslos, unter den Jüngeren sogar jeder Dritte – so viele wie nie zuvor.

Auch Otaduy sucht einen Job. Er hat Soziologie studiert, anschließend in einer kleinen Firma Bildungsprojekte für öffentliche Einrichtungen organisiert. Als die Mittel gestrichen wurden, ging die Firma pleite. Vier Jahre ist das jetzt her. Wenn man ihn fragt, was er heute macht, sagte er: „Ich bin Precario.“ Klingt wie ein Beruf, bezeichnet aber die Lebenssituation einer ganzen Generation. Trotz guter Ausbildung finden diese jungen Spanier keine Jobs, sie bilden ein Prekariat ohne Perspektive.

Felipe von Spanien besteigt den Thron
Spanien hat einen neuen König. Felipe von Spanien schwor am Donnerstag im Madrider Parlament, die in der Verfassung festgelegten Aufgaben zu erfüllen.Weitere Bilder anzeigen
1 von 16Foto: Reuters
19.06.2014 18:04Spanien hat einen neuen König. Felipe von Spanien schwor am Donnerstag im Madrider Parlament, die in der Verfassung festgelegten...

Die Staatsverschuldung liegt auf Rekordniveau mit 96,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, 2015 wird sie die symbolische Marke von 100 Prozent überschreiten, teilte die spanische Zentralbank am vergangenen Freitag mit. Weil sich die „Precarios“ von der Politik ignoriert fühlen, haben sie sich organisiert, um gegen Korruption, Kürzungen und die Monarchie zu protestieren, die sie nicht als moralisches Korrektiv der Politik, sondern nur als Teil des maroden Systems sehen. „Wer gegen die Monarchie kämpft, kämpft für die Demokratie“, sagt Otaduy fest entschlossen.

Diesen Kampf hat Otaduy verloren. Vorerst. Felipe ist nun König. Und doch muss er seinen Gegnern nun beweisen, dass er auch ihr König sein kann. Dabei steht er vor keiner geringeren Herausforderung, als die Monarchie in seinem Land neu zu erfinden – denn „Monárquicos“ waren die Spanier nie, sie sind „Juan Carlistas“, dankbar dafür, was Juan Carlos in seiner 39-jährigen Amtszeit für ihr Land getan hat. 1969 war er von Diktator Franciso Franco als Nachfolger bestimmt worden, er sollte Spanien als faschistische Monarchie regieren. Doch nur zwei Tage nach Francos Tod am 20. November 1975 sprach sich Juan Carlos für die Demokratie aus.

Wie Juan Carlos 1981 einen Militärputsch in Spanien abwendete

1978 wurde die demokratische Verfassung verabschiedet – nur drei Jahre später wurde Juan Carlos Schwur auf die wohl größte Probe gestellt: Angehörige der Armee und einstige Anhänger Francos versuchten die Macht am 23. Februar 1981 durch einen Militärputsch zu übernehmen, sie stürmten das Parlament, gaben Warnschüsse ab, durch Valencia rollten bereits die Panzer. Doch Juan Carlos, als König auch Chef des Militärs, vereitelte die Übernahme. Er zog die Putschisten auf seine Seite und bekannte sich in einer Fernsehansprache erneut klar zur Demokratie. Noch heute sind die Einschusslöcher in der Decke des Parlaments zu sehen, als Mahnung und Warnung. Felipe, damals 13 Jahre alt, hatte die Verhandlungen hinter den Kulissen mitverfolgt. „Er sollte sehen, wie ich mein Amt ausübe, wenn alles in Frage gestellt ist“, sagte Juan Carlos später über diese Nacht.

Antonio Martínez erinnert sich noch gut an diesen Tag, der als „23F“ in die Geschichtsbücher einging. Er war 21 und verfolgte die Ansprache im Fernsehen. „Juan Carlos hat das Land damals gerettet. Er hat uns viel Ruhe gebracht“, sagt der heute 54-Jährige, während er einen Karton für Weinflaschen zusammenfaltet. Martínez, graue Haare, schwarze Weste über dem weißen Hemd, ist Maitre im Café de Oriente, das vis a vis vom Palacio Real liegt. Er weiß, was Juan Carlos geleistet hat und ist trotzdem froh, dass der König den Weg jetzt freimacht für seinen Sohn. „Der war ja schon ganz tollpatschig“, meint Martínez, „schon vor zwei Jahren hätte er abtreten sollen.“
Damals war der Finanzskandal um Juan Carlos’ Tochter Cristina und seinen Schwiegersohn Iñaki Urgandarin bekannt geworden, der sich im Namen des Königshauses bereichert hatte und dem Ansehen der Monarchie schwer schadete.

Juan Carlos konnte die Korruptionsaffäre von seiner Person trennen, beging aber selbst einen großen Fehler, als er, der Ehrenvorsitzende des Tierschutzverbands WWF, sich auf dem Höhepunkt der Finanzkrise 2012 zur Elefantenjagd nach Botswana einladen ließ, begleitet nicht von seiner Frau Sofia, sondern von der Deutschen Corinna zu Sayn-Wittgenstein. Bekannt wurde der Luxustrip nur, weil sich Juan Carlos die Hüfte brach und in Spanien behandelt werden musste.

Zwar entschuldigte sich Juan Carlos zähneknirschend, doch sein Ansehen litt zusehends, das Volks wandte sich mehr und mehr von seinem König ab. Anfang diesen Jahres bekannten sich in Umfragen erstmals weniger als die Hälfte der Spanier zur Monarchie, 62 Prozent sprachen sich sogar für eine Abdankung aus.

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